Liebe Musikfreunde,
schade, schade, nun ist bei “Deutschland sucht den Superstar” die lustige Zeit des Casting auch schon zur Hälfte vorbei. Man hat so ein bisschen das Gefühl, Dieter Bohlen hat mit seinen berühmten Kandidatenbeschimpfungen noch gar nicht richtig angefangen, jedenfalls quält er die angehenden Superstars diesmal gefühlt gar nicht so schlimm. Wie gesagt: Schade! Aber vielleicht kommt er ja heute ein bisschen mehr in Stimmung, wollen wir doch mal sehen…
Heute geht es los mit Jeanette, 16 aus Köln. Sie kommt etwas zickig rüber, ihre Hobbys sind “zum Frisör und Nägel machen”. Sie beglückt die Jury zunächst mit ihrem Kölsche Dialekt (“watt, habisch’n Akzent, nä?”) und danach mit “Unbreak my Heart” von Toni Braxton. Das Glück ist beim ersten Ton ihrer gepressten Knödelstimme aber sofort zu Ende, Patrick Nuo guckt sie etwas ratlos an und Bohlen, der alte Teufel, verlangt nach einer Zugabe. Die kommt in Form von “Buttons” der Pussycat Dolls, leider auch nicht viel besser. “Hast Du nicht irgendwas mit Gefühl?”, fragt Onkel Dieter. “MIT GEFÜHL????”, brüllt Jeanette ihn verständnislos an. “Ach so, mit Emotionen?”, nun dämmert es ihr, sie schiebt von Mariah Carey “We belong together” hinterher und verschwendet damit ihre, unsere und vor allem die Lebenszeit der Jury. Glücklicherweise spult RTL den Beitrag vor, so dass wir gleich zur Wertung kommen: Von Patrick gibt es ein süffisant in die Länge gezogenes “schönes, definitives Nein”. Dieter Bohlen läuft zu alter Form auf: “Das einzige was Du mit Deiner Stimme machen kannst: Wenn die nicht fusselt, kannst Du die als Klopapier benutzen. Schnuckelchen, Du hast keinen einzigen Ton getroffen in keinem einzigen Lied.” Und als die Kandidatin dann noch immer verständnislos guckt, erklärt der Poptitan ihr die Sachlage noch einmal mit einem liebevoll formulierten Gleichnis: “Stevie Wonder hat sich ja auch nicht als Sportschütze beworben bei der Olympiade. Das hat er mit gutem Grund gemacht, der wusste nämlich, dass er dabei nichts treffen kann…” Nun endlich ist die Botschaft angekommen in Jeanettes etwas verwirrtem Oberstübchen und mit dem etwas unfreundlichen Hinweis, dass Dieter Bohlen ja auch nicht singen könne, trollt sie sich aus dem Studio. Draußen wird sie dann deutlicher mit ihrer Meinung über Dieter: “Das der da was zu sagen hat und schon so viele Jahre da sitzt.” Purer Neid, Bohlen ist doch gerade der lebende Beweis dafür, dass überragendes musikalische Können für eine Karriere in der Musik-Industrie gar nicht vonnöten ist, insofern stünden Jeanette ja alle Türen offen.
Der nächste Kandidat wird mit viel Tamtam vorgestellt: Felix Hahnsch aus Lengede ist 18 Jahre alt und fällt aufgrund seiner Größe, der Modelfigur, seiner blonden Haare und des Schlafzimmerblicks in die Kategorie Frauentyp. Der Abiturient wirkt schon fast unangenehm eitel, gibt es auch zu, nennt das aber “stylisch”. Er singt mit ziemlich rauchiger, nicht immer sauberer Stimme von Snow Patrol “Chasing Cars” und begleitet sich dabei auf der Gitarre. Okay, Dieter gibt ihm wegen seines guten Aussehens sofort die gelbe Recall-Einladung, aber die Klampfe solle er zukünftig lieber weglassen. Fernanda Brandao lobt zwar auch seine blauen Augen, ist aber von seiner musikalischen Leistung nicht so angetan. (Wie dumm, sich eine von Dieter abweichende Meinung zu gestatten, diese Staffel wird wohl ihre letzte sein…) Dennoch winkt sie ihn durch zum Recall, vermutlich stimmt mal wieder das viel zitierte “Gesamtpaket”. Patrick schließt sich der Meinung seiner Vorredner an.
Freakshow: Ein Chris (25) aus Immenstadt, der in seiner Freizeit lt. Einspieler am liebsten Gänseblümchen sammelt (!!!), wird ins Studio geschoben. Er steht da mit seiner verbeulten Hose etwas belämmert vor der Jury und erzählt auf Nachfrage, er sei Koch von Beruf. Am liebsten mache er Paprika mit Hackfleisch und Reis, setzt er noch hinzu. Das ist schlecht, denn zu Hackfleisch fällt Dieter Bohlen ein erstklassiger Schüttelreim aus dem unabsehbar weiten Feld des Anal-Fäkal-Humors ein: “Aus Hackepeter wird Kacke später.” Na gut, das kommt in der Raffinesse nicht ganz an Loriots “Zickezacke, Hühnerkacke” heran, ist aber als spontaner kultureller Beitrag für eine Mittwochabendshow des Kommerzfernsehens doch eine wirklich positive Überraschung, Hut ab, Dieter! Leider überstrahlt dieses wunderschöne Gedicht die Leistung von Chris doch etwas, sein “You raise me up” (zuletzt von Westlife gecovert) stinkt dagegen grottig ab. Auch der Zweittitel “Like a Prayer” von Madonna kann nicht überzeugen. Und wenn man ehrlich ist, singt er auch schauderlös, wirkt mit seiner linkisch, unbeholfenen Art beinahe etwas beschränkt. Traurig, wenn man niemanden hat, der einen im Vorfeld daran hindert, sich vor einem Millionenpublikum lächerlich zu machen. Nach einem kurzen Vergleich mit den Fröschen in seinem Garten und dem Tipp, es eher beim Kochen zu belassen, verabschiedet Dieter den Kandidat. Der bekommt dann sogar noch das erbetene Gruppenfoto von ihm und der Jury und verschwindet dann wieder in der Versenkung.
Danach kommt die 19jährige Jenna Jacob ins Studio. Sie steht musikalisch auf Rock und Metal, trägt Lederklamotten inklusive hoher Stiefel und hat sich total käsig-hell geschminkt, was ihr insgesamt ein etwas vampirhaftes Aussehen verleiht. “Bist Du in den Mehlsack gefallen?”, erkundigt sich Bohlen einfühlsam nach ihrer ungesunden Hautfarbe. Und dann natürlich Thema Nummer Eins: “Hast Du’n Freund?” Als die Kandidatin verneint, kommt dann auch gleich “das liegt bestimmt am Makeup”. Nun singt Jenna von W.A.S.P. “The Idol” und spielt dazu Gitarre. Ihre Stimme ist außergewöhnlich, nämlich tief, kräftig und kehlig – was bei der zierlichen Frau doch etwas komisch wirkt. Patrick kann damit nichts anfangen und gibt ihr gleich ein “Nein”. Bohlen sieht dagegen Vermarktungschancen, wittert Geld und will sie deshalb im Recall wiedersehen. Fernanda lässt sich von Dieter überzeugen.
Nicole Kandziora aus Lauf bei Nürnberg ist erst 17 Jahre alt, hat aber schon eine ziemliche Röhre. Sie singt von Pink “Nobody knows” und Dieter hält es dabei fast nicht mehr hinter dem Jurytisch, so sehr freut er sich über die potenziellen Vermarktungschancen der sympathischen Blondine mit der Zahnklammer. Zuvor wurde die Kandidatin noch wegen ihres Aussehens aufgezogen, die Fellweste ist denn doch etwas ungewöhnlich, freundlich umschrieben. Obwohl sie zwischendurch den Text vergisst, zieht Nicole mit drei Mal “Ja” mit fliegenden Fahnen in den Recall ein.
Nun ist aber dringend wieder Zeit für Loser: Eine gewisse Guxime singt – oder besser grölt – ein unverständliches Lied, gestikuliert dabei wild herum, greift immer wieder in die Luft, als zöge sie an unsichtbaren Lokusspülungen und animiert damit vermutlich Dieter Bohlen zu einem neuen Spruch aus der Sudelecke: “Im Recall würdest Du nicht länger überleben als ein Tampon im Piranha-Becken.”
Nun kommt Mister Obercool, Nico Raecke (23) aus Berlin-Wedding. Der Typ sieht aus wie der kleine Bruder von Menowin Fröhlich, wirkt bullig, aggressiv und hat kalte, bedrohliche Knopfaugen. “Ich bin der Beste in Deutschland, es gibt kein besseren wie ich – stimmlich bin ich um Klassen besser wie Xavier Naidoo oder Grönemeyer”, lautet seine sprachlich leicht unsaubere und ansonsten ziemlich arrogant klingende Selbsteinschätzung. In der 2007er-Staffel war er schon einmal bei DSDS, gab aber im Recall auf, weil er (mal wieder) ins Gefängnis musste. “Ich war früher Berufsdieb gewesen, war bei den Banditos und einer der bekanntesten Leute in Berlin und Deutschland”, stellt er sein glänzendes Selbstmarketing unter Beweis. Aber genau wie Menowin, kann auch Nico wirklich gut singen. Seine Interpretation von Laith Al-Deens “Bilder von dir” ist musikalisch überzeugend. Da hat der Liebe Gott wohl einen echt ironischen Tag gehabt, als er diesem kaputten Typen so ein geniales Talent verpasste. Die Jury zeigt sich von den Knast- und Drogenerfahrungen des 23jährigen negativ beeindruckt, honoriert aber gleichzeitig sein überragendes Können. Es gibt drei “Ja”, Dieter Bohlen hält Nico aber schon mal prophylaktisch eine Standpauke. Er werde ihn während der nächsten Monate genau im Auge behalten, wenn da irgendwie nur ansatzweise etwas mit Drogen passiere, würde er ihn schneller rauswerfen, als er gucken könne. Wenn das man reicht, schon draußen vor dem Studio kommentiert Nico die Drohung des Poptitans: “Den Spruch kann er sich sonstwohin schieben, da kann ich drauf scheißen!”
Nachtrag (22.01.2011): Die Bildzeitung vermeldete kurz nach der Ausstrahlung dieser Sendung, dass Nico inzwischen (das Casting fand im letzten Herbst statt) wieder von der Staatsanwaltschaft per Haftbefehl gesucht wird und deshalb nicht mehr bei DSDS auftritt. Am nächsten Tag ruderte sie dann leicht zurück und relativierte die Aussage vom Vortag ein wenig. Daraus können wir wohl messerscharf schließen, dass Nico mit dem Eisblick den noch nicht gesendeten Recall überlebt hat, sonst müsste man über seinen Verbleib im Wettbewerb ja nicht spekulieren.
Als letzte Kandidatin kommt eine namentlich nicht vorgestellte Frau (lfd. Nr. 33945), die sich als Teufelin verkleidet hat, im Gesicht total rot geschminkt, Hörnchen auf dem Kopf und einen langen Schwanz hat sie auch. Sie singt “Black Velvet” von Alannah Myles, wobei sie ihren Schwanz an den Mund hält und quasi als Mikrofon benutzt, was etwa bekloppt aussieht. Letztere Idee findet Bohlen noch ganz witzig, die Stimme ist ihm aber viel zu “Musical-mäßig” und damit passt die Teufelin einfach nicht in den Wettbewerb. Der alte Mann ist heute wohl schon etwas müde und so delegiert er die Entscheidung an Patrick, der dann verkündet: “Bei DSDS hast Du hiermit offiziell verkackt.” Während sich die gesamte Jury über diesen Spruch tierisch beömmelt, schleicht die Teufelin leicht geknickt durch die Studiotür zurück in die Unterwelt. Warte nur, Bohlen, eines Tages wirst Du die Frau in der Hölle wieder treffen und dann bereust Du die heutige Abfuhr…
So, das war es für heute, weiter geht es wie gewohnt am nächsten Sonnabend, bis denne!





