Liebe Leute,
wieder ist Samstagabend, in Köln findet die fünfte DSDS-Mottoshow statt und das bedeutet Großeinsatz für Handys, Taschentücher und Ohropax. Mittlerweile ist die Kandidatenanzahl auf sechs zusammengeschnurrt und auch heute wird einer oder (die) eine die Hoffnung auf ein Leben als Superstar fahren lassen müssen.
Dass künstlerische Kriterien bei dieser Veranstaltung nur am Rande zählen, haben wir ja inzwischen sicherlich alle mitbekommen. Viel entscheidender ist nämlich das Gesamtpaket (Jurysprech: “Package”), also die Melange aus Homestory, Aussehen, Persönlichkeit und zuletzt Musikalität, wobei ein möglichst problematisches Zuhause bei weitem die wichtigste Rolle spielt. Beim Rennen um die verwertbarste Homestory liegt weiterhin Menowin mit zweimal Knast (er selbst und die Mutter) und drei bei der Ex-Freundin lebenden kleinen Kindern vorn, wobei die Ex-Freundin übrigens lt. Bildzeitung gleichzeitig seine Cousine ist. Auf Platz zwei folgt Mehrzad mit einem Baby (gerade geschlüpft) und dem Unfalltod seines Bruders, außerdem kannte er einen der Toten vom Kölner Stadtarchiveinsturz. Die anderen Kandidaten sind dagegen weit abgeschlagen, haben außer einer dominanten Oma (Manuel), einer ausgeprägten Schminkmacke (Kim) und Größenwahn (Thomas) nicht viel zu bieten. Helmut könnte vielleicht wegen seines vorgerückten Alters noch ein paar Mitleidspunkte einfahren, aber das wäre es dann auch schon.
Zwischen der eigentlichen Sendung und der Urteilsverkündung soll es heute mal keine “Böse Mädchen” oder ähnlichen Dreck geben, den RTL sich Humor zu nennen erdreistet, stattdessen wird Sympathieboxer Wladimir Klitschko live und in Farbe seinen Gegner Eddie Chambers vermöbeln. Dabei haben alle Beteiligten garantiert mehr zu lachen als in den vorangegangenen Wochen auf diesem Sendeplatz. Das Thema Boxen zieht sich denn auch etwas durch “Deutschland sucht den Superstar”, z.B. werden die Kandidaten alle in Boxklamotten vorgestellt. Das eigentliche Motto des Abends ist aber “Deutsch gegen Englisch” und das bedeutet, dass jeder der sechs heute zwei Titel singen muss, nämlich in der ersten Runde einen auf Deutsch und später einen auf Englisch. Zur Einstimmung singen alle zusammen “Let me entertain you” von Robbie Williams. Tun wir ihnen den Gefallen und lassen uns unterhalten…
Als Kandidat Nummer Eins geht heute Abend Thomas Karaoglan mit “Hamma!” von Culcha Candela ins Rennen. Obwohl er im Recall noch unter Gedächtnisproblemen litt, kriegt der “Checker” den überlangen und sehr schnellen Text diesmal gut hin. Auf der Bühne zieht er wie gehabt eine richtige Show ab und wird dabei von einigen Tänzerinnen begleitet, die er der Reihe nach anflirtet. Nach dem Lied bekommt er erst mal ein Ständchen von der ganzen Halle, denn Thomas feiert heute seinen 17. Geburtstag. Leider hat die Regie dabei das Mikrofon von Moderator Marco Schreyl nicht abgeschaltet und man kriegt einen Eindruck von seinem musikalischen Unvermögen. Die Jury, bestehend aus Dieter Bohlen, Nina Eichinger und Volker Neumüller, hält sich in dieser Disziplin lieber vornehm zurück.
Heute kommt der Moment zum Fremdschämen schon sehr früh, nämlich bereits beim Juryurteil für Thomas ersten Song: Ohne überhaupt auf das gerade Gehörte einzugehen, fragt Dieter erst mal ganz direkt, ob es stimme, dass der Checker in dieser Woche einen Einlauf gekriegt habe? (Gemeint ist ein medizinischer Einlauf, kein Anschiss z.B. von Onkel Dieter.) Der Befragte ist maximal zwei Sekunden lang peinlich berührt, besinnt sich dann aber darauf, für Publicity ja alles zu machen und lässt Fernsehdeutschland recht offenherzig an einer eher uncoolen Episode aus seinem Verdauungstrakt teilhaftig werden: Er hätte nämlich neulich irgendwie Verstopfungen gehabt, deswegen habe ihm seine Oma (SEINE OMA, ich fasse es nicht!!!) einen Einlauf gemacht und dabei sei ordentlich was herausgekommen. Igittigitt!!! Vermutlich kommen dann morgen noch ein paar Beweisfotos auf der Titelseite der BamS, zusammen mit der packenden Enthüllungsstory “Mit dem DSDS-Checker auf der Toilette”. Für Montag ist dann in der BILD der Folgeartikel “Oma Karaoglan: Wie es wirklich war” geplant, am Donnerstag legt eventuell noch die BRAVO nach mit “Der Checker gibt alles”.
Das Urteil zu dem eben gehörten Liedchen fällt erwartungsgemäß milde aus, Dieter brabbelt zwar halbherzig etwas von “noch Singen üben”, aber das wird sicherlich ungehört verhallen. Ist auch wurscht, bis zur Top-3-Show sehe ich Thomas sowieso auf Nummer Sicher.
Nun wird wieder der Posing-Generator angeworfen, denn Helmut Orosz ist an der Reihe. Er tritt auf mit “1000 und 1 Nacht” vom singenden Sozialarbeiter Klaus Lage. Das Lied stammt übrigens aus dem Jahr 1984 und hätte deshalb auch gut in die letzte Show gepasst. Mit dem üblichen Zahnpasta-Grinsegesicht, theatralischen Gesten und den immer gleichen neckischen Tanzschritten (inkl. Pirouette) hüpft “Helle” über die Bühne und dann durch die ganze Halle. Wie immer erinnert mich sein Auftritt an einen Karaoke-Abend im Ferienclub auf Mallorca. Einmal schubbert er sich an Nina heran und schmachtet sie direkt über den Jurytisch an, vermackelt bei dieser Gelegenheit aber kräftig den Text – mal sehen, ob Onkel Dieter das mitgekriegt hat! Gesangstechnisch ist das auch nicht allererste Sahne, die gelegentlichen Misstöne sind vermutlich Helmuts Bewegungsdrang geschuldet.
Volker und Nina sind schon recht kritisch, aber Terminator Dieter gibt ihm schließlich den Fangschuss: “Es gibt Leute, die lernen’s nie – und dann gibt’s Helmut, der lernt das noch später! Hier geht es um so viel und Du bist zu blöde, um so einen Kindertext zu lernen!” Und dann wirft er ihm auch noch vor, sowieso die falsche Einstellung zu haben, jeden Tag “besoffen” zu sein und keine Termine einzuhalten!!! Jau, bei so etwas ist für Vollprofi Bohlen der Spaß definitiv zu Ende. Mein Bild mit dem Ferienclub-Animateur scheint doch gar nicht mal so völlig daneben zu liegen. Wenn Helle schlau ist, pimpt er mit dem von Dieter so subtil angedeuteten Alkoholproblem wenigstens die eigene Homestory auf, die war bislang doch arg mager… Helmut ist aber erst mal am Boden zerstört und schleicht mit hängendem Kopf zurück zur Kandidatencouch. Selbst schuld. (Das war nach Thomas Darmabenteuer heute Abend also schon Einlauf Nummer Zwei.)
Aufgetakelt mit riesiger Irokesenfrisur sieht Kim Debkowski wie die kleine Schwester von Bill Kaulitz von Tokio Hotel aus. Sie singt heute Abend “Krieger des Lichts” von Silbermond. Klamottentechnisch erinnert sie mich total an die Figur Riff Raff aus den letzten Szenen der Filmversion der Rocky Horror Picture Show. In ihrem kurzen Einspieler erklärt sich Kim schon mal zur besten DSDS-Frau der Staffel, was ja technisch gesehen auch stimmt, denn nach Ines Abgang in der letzten Woche ist sie die letzte weibliche Vertreterin. Außerdem zeigt sie uns in dem Filmchen, wie man einen schnöden grauen Jutebeutel zu einem stylischen Disko-Utensil umschult. Der Titel geht dann verhältnismäßig unspektakulär über die Bühne, viel Action – außer den irren Klamotten – passiert nicht und das Stimmchen ist auch eher Marke “für den Hausgebrauch”. Aber immerhin bescheinigt ihr Dieter hinterher genau das, was Helmut fehle, nämlich Fleiß und Disziplin. (Dazu wird Helmut auf der Kandidatenbank sitzend eingeblendet und sinkt bei diesen Worten erkennbar noch ein Stückchen weiter in sich zusammen. Der Anschiss vorhin hat echt gesessen.)
Manuel Hoffmann singt danach “Bilder von Dir”, das ursprünglich von Laith Al-Deen stammt. Im Einspieler sehen wir ihn bei der Bewältigung seiner Fanpostflut, ansonsten herrscht aber gähnende Normalität an der Homestory-Front, keine mit Kindern sitzengelassenen Ex-Freundinnen, die sich in der Bildzeitung ausweinen, keine Eltern hinter “Schwedischen Gardinen”, nicht mal gastroenterologische Störungen – wie beim Checker – kann er vorweisen. Und die ihn betreffenden Management-Ambitionen seiner Oma sind als Thema auch ziemlich ausgelutscht. So kann das mit dem Superstar ja nichts werden. Das Liedchen wickelt er routiniert ab, keine derben Ausrutscher und Textvergesser, aber auch nicht übermäßig aufregend; die Bühnenshow kann man wohl eher statisch nennen. Dennoch ist Dieter diesmal auffallend zufrieden mit Manuel und lobt ihn nachdrücklich, beinahe überschwänglich. Welche Strategie steckt wohl dahinter? Vermutlich will der Schlagertitan nun unter allen Umständen Helmut loswerden und lobt dafür alle anderen traditionellen Sorgenkinder über den grünen Klee. Bin mal gespannt, ob das aufgeht…
Menowin Fröhlich scheint ein Abonnement auf die strategisch günstigen hinteren Startpositionen zu besitzen – sicherlich hat der weitreichende Einfluss seines Gönners Bohlen dafür gesorgt. Auch diesmal kommt er erst als zweitletzter Kandidat an die Reihe, nämlich ganz in grün inkl. Baseballkappe (vielleicht wegen des gerade gewesenen St. Patrick’s Day?). Sein Lied ist “Über sieben Brücken musst Du geh’n” von Meta Paffey und der hat’s von Karat. Seine Stimme klingt heute anfangs ungewohnt dünn und schräg und auf die Tanzperformance wartet man vergeblich – das war aber angesichts des balladesken Titels auch nicht wirklich zu erwarten. Ich fand Menowins Version einfach langweilig, aber Dieter überschlägt sich – völlig überraschend, haha – vor Lob. Das sei eine tolle Neuinterpretation dieses Klassikers, genial, kaum noch zu toppen. Volker schließt sich an, nur Nina sagt in einem erstaunlichen Anfall von Ehrlichkeit, dass ihr der Titel nicht gefallen habe. Dafür fängt sie sich bestimmt noch eine Abmahnung vom Oberjuror ein!
Mit “Flugzeuge im Bauch” vom Ruhrgebietsapostel Herbert Grönemeyer beendet Mehrzad Marashi die erste, die deutsche Runde der heutigen Mottoshow. Alle Superlative, die Dieter eben über Menowin zusammenfabuliert hat, treffen für Mehrzads Auftritt tatsächlich zu. Er interpretiert den eher depressiven Titel völlig neu, singt ihn mit viel Power und absolut makellos und zeigt damit einmal mehr, wer abseits von Bohlens Vermarktungsüberlegungen in Wirklichkeit der Superstar dieser Staffel werden sollte. Die Halle tobt vor Begeisterung und die gesamte Jury, sogar Onkel Dieter, bescheinigt Mehrzad eine astreine Leistung, er sei in der ersten Runde klar der Beste gewesen!
Im zweiten Durchgang hören wir nur englische Titel, wieder beginnt der großmäulige Checker Thomas Karaoglu. Diesmal tanzt er furios “Relight my Fire” von Take That und trägt dazu eine feuerrote Jacke. Leider hat das Jüngelchen noch immer nicht die zu seinem Ego passende Stimme und die Jury empfiehlt ihm wohlwollend, daran in der nächste Woche doch mal etwas zu üben. (Dass er auch in der Top-5-Show dabei sein wird, steht ja wohl außer Frage.)
Dann ist es Zeit für den nächsten kräftigen Einlauf von Doktor Bohlen: Helmut Orosz performt “Satisfaction” von den Rolling Stones und das gar nicht mal schlecht, allerdings kriegt er schon wieder den Text durcheinander. Dieter ist nicht nur nicht zufrieden (“I can’t get no Satisfaction…”), sondern geradezu ungehalten, ein erwachsener Mann von 30 Jahren müsse sich doch wohl zwei Texte merken können, sogar der (offenbar doofe) Willy Herren am Ballermann könne das und “Du wirst es in diesem Beruf zu nichts bringen!”. Nina versucht Helmut mit etwas Lob zu trösten, aber Volker haut sofort in Dieters Kerbe “Die Stones waren auch immer besoffen, aber haben nie den Text vergessen – von mir gibt’s ‘ne Sechs dafür!!!”. Rumms, nun hat sich “Helle” also in beiden Runden fettestmögliche Jury-Watschen eingefangen, bleibt abzuwarten, was das Publikum dazu sagt. (Einlauf Nummer Drei)
Weiter geht’s mit “Can’t get you out of my Head” von Kylie Minogue, gesungen von Kim Debkowski. Diesmal hat sie sich optisch nichts Neues einfallen lassen, sondern Kylies bekanntes weißes Kleid mit der riesigen Kapuze aus dem Videoclip imitiert. Die Jury ist vom Outfit sehr angetan, der Gesang kann zwar nicht ganz mithalten (Dieter: “Mini Playback Show”), aber insgesamt sollte Kim damit bis zur nächsten Woche eigentlich überleben dürfen.
RTL hat es eilig, Klitschko wartet, deshalb geht es sogleich weiter mit Manuel Hoffmanns Version von Ronan Keatings “Life is a Rollercoaster”. Der Auftritt kommt wieder ohne Bühnenshow aus, Manuel steht viel in der Gegend herum, singt sein Lied aber klaglos, wenn auch nicht sensationell. Dieter ist wieder auffallend begeistert, fand auch den zweiten Song sehr gelungen, Nina und Volker sind hingegen eher etwas indifferent. Ja, das sei schon irgendwie okay gewesen, aber mehr auch nicht und sie hofften, dass genügend Zuschauer für ihn anriefen. Ganz klar, Strippenzieher Dieter versucht, Manuel an Helmut vorbei nach oben zu drücken.
Noch bevor man den nächsten Song überhaupt gehört hat, weiß man schon jetzt, dass Menowin Fröhlich von Dieter Bohlen wieder über den grünen Klee gelobt werden wird. So kommt es auch tatsächlich, “If you don’t know me by now” von Simply Red singt Menowin aber auch wirklich genial, wenn man die paar Textaussetzer mal gnädig übersieht. Was mich wie immer irritiert, ist der eiskalte, fast muränenhafte Blick, mit dem er zwischendurch in die Kamera guckt, der passt gar nicht zu dem gefühlvollen Soul-Titel. Die Jury ist hin und weg, spricht von Gänsehaut-Feeling und ähnlichen Hautirritationen.
Den Schlusspunkt setzt wieder Mehrzad Marashi. Diesmal hat er uns “Beggin’” von Madcon mitgebracht. Der Mann ist ein Phänomen, welches Lied auch immer er anfasst, er kriegt es super hin. Er singt, swingt, tanzt hundertprozentig, die Jury ist aus dem Häuschen, ganz klar: Mehrzad ist heute Tagessieger und sollte eigentlich auch ohne Probleme bis ins Finale kommen.
Die Jury gibt wieder einen Tipp ab, wer heute gehen muss und legt sich einheitlich auf Helmut fest, der habe die falsche Einstellung und gehöre nicht mehr in die Show. Danach muss DSDS erst mal den Kanal räumen, denn jetzt will Feingeist Wladimir Klitschko zwischendurch seine Gage verdienen. Wir sehen uns hinterher zur Urteilsverkündung wieder.
So, dank Vorspulfunktion am Rekorder ist es in Windeseile gut zwei Stunden später und während die Putzfrauen in Düsseldorf noch die Trümmer von Eddie Chambers aus dem Ring fegen (und Klitschko wohl sein Geld zählt), geht es gleich weiter in die nächste Arena, nämlich zurück nach Köln, zu DSDS. Die Zuschauer haben abgestimmt und wieder beginnt die alte Leier, drei Kandidaten müssen in die Vorhölle und noch etwas warten, nämlich Thomas, Helmut und Manuel und raus fliegt am Ende der eher unscheinbare Manuel Hoffmann. Das ist zwar heute absolut nicht berechtigt, aber nach Können ging es in dieser Sendung ja noch nie und so habe ich wenigstens die Genugtuung, dass meine Vorhersage vom letzten Mal eingetreten ist. Hoffentlich haut es Helmut in der nächsten Show vom Schlitten, verdient hat er es allemal.
Bis dahin ‘ne schöne Woche!





