Hallo Leute,
schon ist es Mittwoch und das heißt momentan: It’s Dieter-Time! Dieter Bohlen, Fernanda Brandao und Patrick Nuo, zusammen auch bekannt als Jury von “Deutschland sucht den Superstar”, laden wieder ein zum Casting, Ring frei zur zweiten Runde…
Es geht los mit einem etwas maulfaulen 16jährigen Sascha, der entweder vor Coolness oder wegen allgemeiner Kraftlosigkeit nur nuschelig spricht, dafür fummelt er sich pausenlos im Gesicht und am Kragen herum. Man versteht aber soviel, dass er der kommende Superstar ist, denn er habe Gesangsunterricht gehabt und sein Idol sei Mehrzad Marashi. Im Einspieler klaut er einer Oma im Park den Rollator, nicht ganz die feine Art, aber vielleicht braucht er den ja auch nötiger als die alte Dame – spätestens, wenn Dieter mit ihm fertig ist. Seine Performance im Casting-Studio ist sehr uncool, denn er steht schon beim lockeren Begrüßungslabaluba mit der Jury völlig unter Strom, schwitzt und zupft sich am Kragen. Schon vor dem ersten gesungenen Ton ist Dieter stinkig: ein richtiger Künstler sei nicht nervös, sondern fühle sich pudelwohl auf der Bühne, er, Sascha, wolle nur schnell “ablaichen” und dann verschwinden. Trotzdem fängt der so gescholtene an zu singen, es gibt “Twist and shout” von den Beatles, allerdings in einem etwas eigenwilligen Englisch und mit total gepresst-verkrampfter Stimme. Dabei geht er tief in die Knie, hockt sich fast hin, so als säße er auf einem Pferd, nur eben ohne das H0ttehüh, die Jury nennt es “Geburtshaltung”. Sascha kassiert drei “Nein” und versteht die Welt nicht mehr, er habe doch monatelang mit einem vom Vater teuer bezahlten “Vocal Coach” geübt, der Recall sei ihm quasi sicher, habe der immer gesagt… “Hau’ Deinem Coach was in die Fresse”, gibt der Gelegenheitspazifist Dieter Bohlen seinem Kandidaten mit auf den Weg, als der völlig am Boden zerstört durch die Ausgangstür kriecht. Gut, dass draußen kein Fenster offen steht, er wäre glatt gesprungen!
Danach geht’s weiter mit Mike Müller, dem singenden Straßenkehrer von der Kölner Müllabfuhr. Der 24jährige Kurzhaarträger kommt mit “All I have to give” von den Backstreet Boys. Ich finde seine Darbietung eher so lala, aber der Jury gefällt’s, vermutlich besonders wegen der interessanten Biografie, die ließe sich bestimmt noch richtig gut ausschlachten. Folgerichtig schafft es Mike in den Recall. Fernanda ist übrigens eindeutig zu lange weg aus ihrer brasilianischen Heimat: “Ich finde es schön, dass Du sauber machst, ich liebe Ordnung”, lautet ihr teutonisch-korrektes Urteil.
Nicht in den Recall kommt dagegen Tatjana (16), die mit großem Gefolge zum Casting angereist ist, mit Freundin, dem Freund, einem Freund und dem Vati. Zuhause gelassen hat sie dagegen jegliches musikalisches Talent, sie kann nämlich nicht mal für zehn Cent singen. Ihr dünnes, leises Stimmchen klingt schrecklich gequält, trifft keinen Ton von Christina Aguileras “Hurt” auch nur ansatzweise, was man Dieter und Patrick auch sehr ansieht. Nach diesem einen Liedchen glaubt man schon, die Vorstellung sei zu Ende, da fragt Patrick sadistisch – und für alle anderen außer Tatjana erkennbar ironisch, ob sie nicht noch eine Nummer singen wolle. Dieter guckt entsetzt und protestiert dann, das könne man doch nicht “Gesang” nennen, höchstens “Vortrag”. Das bisher Gehörte habe “Null Power”, die gleiche Intensität wie “Flohrülpsen”. Nach wenigen Takten der nächsten Nummer bricht er ab: “Wenn die Sendung ‘Deutschland sucht die Moorleiche für’n Tatort’ heißen würde, dann wärst Du genau dir Richtige, Deine Stimme ist ein Totalausfall.” Und das ist das Ende einer hoffnungsvollen 30-Sekunden-Karriere.
Nun als Kontrastprogramm wieder ein Mädchenschwarm mit Gitarre: Anton Zeller ist 18, kommt aus Landshut und erinnert von weitem so ein bisschen an Dominik Büchele aus der sechsten DSDS-Staffel. Bei seinem Erscheinen im Studio kriegt Fernanda gleich ganz große Augen, offenbar ist der schwarzhaarige Teenager genau ihr Typ. Als der Kandidat dann auch noch erzählt, dass er viel Sport mache, hält es die Brasilianerin nicht mehr im Jurystuhl und wir erhaschen beim Aufspringen einen kurzen Blick auf ihre noch viel kürzeren Shorts und die braunen Beine, derentwegen sie überhaupt nur in dieser Sendung ist. Sogleich nötigt sie Anton zum Ausziehen seiner Jacke, dann muss er ein bisschen herumposen und die Bizeps präsentieren. “Ah!” und “oh!”, Fernanda scheint recht zufrieden. Der ebenfalls vermutlich nur wegen seines annehmbaren Aussehens in die Jury gecastete Patrick Nuo wirkt dagegen etwas unentspannt, plötzlich ist seine führende Position in der Testosteronrangliste des Studios nicht mehr unumstritten. Und die Fleischbeschau geht weiter: Ob er nicht mal Liegestütze mit ihr auf dem Rücken machen könne, wird Anton gefragt. Natürlich kann er, schließlich will er in den Recall, auch wenn ihm das Ganze sichtlich peinlich ist. Aber wer zu DSDS geht, hat mit solchen Dingen ja eh abgeschlossen. Gesagt, getan, kurze Zeit später hat er begleitet von vielen anzüglichen Bemerkungen der eifersüchtigen Herren zehn Liegestütze mit Fernanda “im Sattel” geschafft und darf deshalb zur Belohnung schwer schnaufend seinen Titel “Wonderwall” von Oasis singen. Ja, Gesang und Begleitbeklampfung gehen in Ordnung, “das Gesamtpaket” stimmt, wie es immer so schön heißt, und deshalb sehen wir Anton auch demnächst wieder im Recall. Das war mal Sexismus anders herum.
Und dann kommt gleich noch so ein Typ: Heiko Faller (16) sieht etwas aus wie eine Mischung aus Harry Potter und Justin Bieber und singt passenderweise von letzterem das Seichtpopnümmerchen “Baby”. Er begleitet sich selbst auf der Gitarre und lässt mit seiner Stimme und dem Babyface die Jury in Nullkommanichts dahinschmelzen wie Butter auf der Heizung. Selbstredend kommt er in den Recall, wobei ich schon jetzt etwas gespannt bin auf mögliche Interviews mir seiner Familie (Mami, Papi, Stiefpapi), die wegen ihrer etwas prollig wirkenden Erscheinung von RTL schon hier im Casting mit der Titelmusik der “Feuersteins” unterlegt wird.
Während man sich noch das Grinsen vom letzten Auftritt aus dem Gesicht biegt, kommt gleich die kalte Dusche: Dirk aus Stralsund ist 20 Jahre alt, leicht untersetzt, trägt Karohemd und mag sich sehr. In diesem Fall ist RTL wieder gnadenlos, der Kandidat wird schon beim Reinkommen von Onkel Dieter auf seine eher unsportliche Figur angesprochen und muss vor der Kamera gestehen, dass er gern Süßigkeiten isst und deswegen auch keine Freundin hat. Kaum noch erwähnenswert, dass der Auftritt heute natürlich total floppt. Dieter schlägt sich schon die Hand vor die Stirn, als er vom Titel hört (“Durch den Monsun” von Tokyo Hotel) und seine Ahnungen werden auch komplett bestätigt: Dirk singt einfach nur grottig. “Das war Hühnerkacke”, befindet Dieter nach einem kurzen Blick in sein unerschöpfliches “Lexikon der persönlichen Beleidigungen” und schickt den Kandidaten ohne gelbe Recall-Einladung zurück nach Hause.
Und nun kommen wir zum wichtigsten Auftritt dieser Folge, zumindest gemessen an der dafür von RTL verballerten Sendezeit: Cosimo aus Stuttgart gibt sich leider ein weiteres Mal die Ehre, so wie ich es bei seinem Erscheinen in der letzten Staffel schon befürchtet hatte. Der “Checker vom Neckar” lässt sich offenbar auch durch wiederholte Reinfälle in den letzten drei Staffeln nicht von der Idee abbrechen, er habe eigentlich das Zeug zu einer Weltkarriere – wenn nur Dieter Bohlen es nicht regelmäßig verhindern würde. Mittlerweile ist der gegelte Nervbold 28 Jahre alt, kann also theoretisch noch zwei Mal wieder kommen. Und auch dieses Jahr traut sich der arbeitslose Frisör nicht allein ins Studio, er hat gleich drei Freunde (“Atzen”) im Rocker-Outfit mitgebracht – oder was die Redakteure dafür halten. Alle wirken nicht sonderlich helle, aber dann würden sie ja auch ihren Anführer Cosinus überstrahlen. Der verbrachte offenbar die gesamte Zeit seit seinem letzten DSDS-Rauswurf damit, eine neue Performance einzuüben und er hat dafür auch eigens ein Lied geschrieben: “Ketchup my Sandwich”. Das Lied besteht aus nichts anderem, als dem kurzen Refrain “Komm’ schon Baby, zieh’ Dich aus”. Ende. Gratulation, Casimir, das ist doch tatsächlich das erste Mal, dass es jemand geschafft hat, seinen kompletten Gehirninhalt in ein einziges Lied zu quetschen. Vielleicht hätte er damals bei der Friseurlehre doch lieber nicht so viele Bleichmitteldämpfe einatmen sollen, so etwas kann einem die Denkmurmel ruinieren, wie man hier deutlich sieht.
Nach einigen Wiederholungen dieses epochalen Meisterwerks merkt offenbar sogar Cosima, dass das Käse war und er besinnt sich auf sein anderes Talent, nämlich das Stänkern, wie wir gleich sehen werden. Fernanda tut etwas pikiert und resümiert: “Für mich bist Du eine Mischung aus Menderes und Wendler” (wobei ich “Wendler” eben erst mal bei Wikipedia nachschlagen musste, den kannte ich gar nicht). Okay, damit hat sie sich mit einem einzigen Satz zu Colibris Feind Numero Uno gemacht. Und wie es der göttliche Zufall (oder das Drehbuch) so will, hat sein Intimfreund und Friseurkunde Bushido ihm eine wichtige Nachricht für Fernanda mitgegeben. (Für Uneingeweihte muss dazu bemerkt werden, dass der Rapper Bushido, der bei der Staatsanwaltschaft eher unter seinem Geburtsnamen Anis Ferchichi bekannt ist, früher angeblich mal mit Fernanda liiert war, bewiesen ist das aber nicht.) “Ich hör’ von anderen Leuten, dass Du nicht so gut im Bett bist”, platzt Cosmo nun mit seiner Botschaft heraus und hält dazu triumphierend eine Autogrammkarte seines Kumpels in die Höhe, wohl wissend, dass es Fernanda schwer fallen dürfte, diese Behauptung auf die Schnelle zu widerlegen. Dieter Bohlen dreht sich angewidert auf dem Jurystuhl um und guckt nur noch aus dem Fenster: “Mit Geistesgestörten unterhalte ich mich nicht”. Auch Fernanda und Patrick schweigen, worauf Cosinatz mit seinen Bodyguards das Studio wieder verlässt. Komisch, seine Auftritte werden von Jahr zu Jahr peinlicher, aber das kümmert RTL natürlich einen Dreck, Hauptsache, sie können ein paar dramatische Szenen zeigen, die sich auch in der Programmvorschau gut machen.
Fernanda behauptet später übrigens, nie etwas mit Bushido gehabt zu haben und der heutige “Angriff” sei niveaulos, frauenfeindlich und asozial. Aber natürlich ist das alles zusammen nicht glaubwürdig, machen wir uns nichts vor: Die gesamte Rahmenhandlung von “Deutschland sucht den Superstar” ist geskriptet und gerade die Aufreger sind alles andere als spontan, sondern werden sorgfältig choreografiert. Das gilt selbstverständlich auch für die alljährlichen Besuche des stetig wachsenden Bohlenschen Wanderzirkus pathologisch kamerageiler DSDS-Zombies. Deren einziger Lebensinhalt scheint der regelmäßige Anschiss des Poptitanen zu sein und wenn sie Glück haben und bekloppt genug sind, lässt man sie im Rahmen der traditionellen Freak-Nummer beim Finale vielleicht sogar noch ein zweites Mal kurz aus der Gruft. Außerhalb der DSDS-Saison fristen diese Fußabtreter von Dieter Bohlen dann das triste Leben eines Z-Promis, d.h. sie können sich freuen, wenn sie in einer heruntergekommenen Dorfdisko als Pausenclown engagiert werden. Als Glücksfall gilt dann schon, wenn sie bei einem solchen Einsatz von der besoffenen Landjugend krankenhausreif geprügelt werden und es mit einem Foto ihrer Blessuren auf die “Bunte Welt”-Seite der Blödzeitung schaffen.
Insgeheim hat RTL mit diesen Leuten garantiert Verträge abgeschlossen und denkt sich für ihren Auftritt Jahr für Jahr neue und immer schwachsinnigere Gaga-Handlungen aus. Man denke bloß an Menderes Einschleichversuch als Fensterputzer vor zwei Jahren oder an Cosimos Pöbelattacke auf Onkel Dieter in Staffel Sieben. By the Way: Menderes, der vermutlich untalentierteste Michael-Jackson-Imitator der Welt, kommt hundertprozentig auch noch, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
Bis Sonnabend, dann wird der Käfig wieder aufgeschlossen…





