Stell Dir mal vor: Du machst Traumurlaub auf einer Insel mitten in der blau-grünen Karibik und flezt in einem gemütlichen Liegestuhl an einem goldgelben Sandstrand mit Blick bis zum Horizont. Hinter Dir wiegen sich die Kokospalmen im lauen Lüftchen, in der Liege links neben Dir der/die Liebste, rechts ein kühles Glas Cuba Libre, irgendwo in der Ferne spielt jemand Gitarre. Mit einem Wort: Das Paradies.
P L Ö T Z L I C H ein lautes KRACHEN und KREISCHEN, eine große Horde wildgewordener Jung-Teutonen poltert mit ihren Taschen und Schminkköfferchen über den Strand und bezieht das Haus genau neben Deinem Bungalow! Das war’s mit der Erholung, denn jetzt geht es rund: Den ganzen Tag und die ganze Nacht streiten und singen die lautstark, streiten und singen und streiten und singen. Zwischendurch kommt regelmäßig ein miesepetriger, sonnengegerbter Mann in den Fünfzigern mit blond-gefärbten Haaren vorbei, der den ganzen Kiddie-Haufen anschreit, den Kopf schüttelt und sich wieder verzieht.
Tja, wer das Glück oder Pech hatte, an den drei Recall-Tagen gleichzeitig mit Bohlens DSDS-Bande in der Karibik gewesen zu sein, der kann vermutlich so eine ähnliche Geschichte erzählen.
Heute sehen wir zuerst die 35 Teenager und Twens beim unbeschwerten Baden und am Strand, plötzlich nähert sich von oben ein Hängegleiter mit darunter montiertem Schlauchboot (keine Ahnung, wie das richtig heißt) und setzt zur Landung im Wasser an. Hinter dem Piloten sitzt der Reiseleiter, Herbergsvater und Pop-Titan Dieter Bohlen. Der steigt für die letzten Meter bis zum Strand vom Flugzeug um in ein ordinäres Bötchen, in dem – standesgemäß – schon die restliche Jury aus Nina Eichinger und Volker Neumüller sitzt. Zusammen kommen sie unter dramatischer Hintergrundmusik am Ufer an, gehen an Land wie weiland Christoph Columbus, lassen sich von den artig applaudierenden DSDS-Kandidaten huldigen und nehmen ihre Plätze am Bambus-Jurytisch ein, direkt am Strand.
Schnell hat der Spaß ein Ende, der Ernst zieht ein! Dieter Bohlen ist nämlich ein echt fieser Typ: Da nimmt er die 35 restlichen Bewerber aus “Deutschland sucht den Superstar” mit in die Südsee, lullt sie ein bisschen mit tropischer Wärme ein und verlangt dann plötzlich Leistung von ihnen! Schon während des Fluges mussten sie ein Liedchen lernen, das sie der Jury nun hier am Strand im Einzelauftritt vorsingen müssen. Und das, obwohl doch noch alle mit dem Jetlag kämpfen… Natürlich geht die ganze Sache gehörig schief, kaum einer kann den Text, sogar Bohlens Liebling Thomas Karaoke, äh Karaoglan hat da seine Probleme. Er hat zwar von “My Girl” kaum noch eine Zeile richtig parat, aber er behilft sich mit jeder Menge erfundener Reime, die zwar überhaupt keinen Sinn machen, aber auf den ersten Hör wenigstens richtig Englisch klingen. Sehr geschickt, man nennt ihn nicht umsonst den “Checker”.
Bohlen hat aber gemeine Spitzel und Zuträger, die haben den Text mitgelesen und decken Thomas Bluff auf.
Auch Ruzhdi Bojani leidet unter partieller Amnesie, kann aber im Gegensatz zum Checker gar kein Englisch, so dass er seine Lücken nur mit “Lalala” zu stopfen vermag, was der Jury leider sofort auffällt. Bohlen resümiert, das habe mit Musik nichts mehr zu tun und sei einfach Müll – und Müll gehöre nicht auf so eine schöne Insel… Ähnlich ergeht es Meike Büttner, Helmut Orosz (O-Ton Bohlen: “das war absolute Kacke”), Kim Debkowski (Dieter: “Kein Schwein kann sich hier irgendeinen Text merken”), Anastasia Del Mukhamedova (Dieter: “Auch Du bist von der Texteritis befallen”) und Menowin Fröhlich (Dieter: “Mensch, Du musst in den nächsten Tagen Gas geben, sonst kriegst Du bei RTL ‘ne eigene Pannenshow”). Die Jury heuchelt Entsetzen über den karibischen Recall-Auftakt und Dieter schwingt zum Schluss eine Rede mit diversen Analogien aus dem von ihm so geschätzten Sanitärbereich (u.a. “Klobürste”). Es herrscht allerorten Krisenstimmung, gibt es wirklich einen “Fluch der Karibik”?
Am nächsten Tag stehen Gruppenauftritte an. Naomi Marte, Angeliki Paitari und Steffi Landerer proben optisch ansprechend zusammen im Whirlpool, nachher sehen wir dann Naomi und Steffi auch noch bei innigen Plantsch-Spielchen im flachen Wasser. Nanu, da geht doch was? Wie dem auch sei, jedenfalls performen die drei als Girl Group mit “If a Song could get me You” von Marit Larsen vor der Jury. Die ist zufrieden mit der Choreografie, die Stimmen sind ihnen aber zu gewöhnlich und Dieter pflaumt vor allem Angeliki an: “Dir fehlt das Gefühl, das toucht mich nicht”. Hinterher kullern deswegen ein paar Tränchen ihren Luxuskörper hinab…
Kevin Rebstock, Manuel Hoffmann und Patrick Feil (noch nie gehört!) bilden die nächste Gruppe. Ex-Moppel Kevin hat scheinbar Nachholbedarf für das richtige Performen und fragt unter Kamerabegleitung ausgerechnet Mr. Arrogant Thomas nach ein paar Tipps. Der blüht ob dieser Bestätigung bedauerlicherweise noch mehr auf und lässt ein paar Brocken seiner vermeintlichen Weisheit fallen (1. “sexy sein”, 2. “Augenkontakt halten”, 3. “geil sein”). Altklug garantiert er Kevin den Einzug unter die Top 15, wenn er diese Ratschläge befolge. Das oben genannte Trio singt Patrick Swayzes “She’s like the Wind”. Von dem Patrick (der Kandidat ist gemeint) hatte ich vorher noch gar nichts mitgekriegt, den Namen muss man sich aber vermutlich auch nicht merken. Seine Haare sehen wie eine zu groß geratene Perücke aus und er singt irgendwie leidend, so als trete ihm jemand auf den Fuß. Am besten fand ich persönlich Manuel, aber auch die anderen Herren kriegen von der Jury eine ordentliche Wertung.
Menowin singt im Duett mit Alexandra Jansen, der Maschinenbaufrau aus Aachen. Der Ex-Knacki hat nach wie vor an seinem Texthänger vom Vortag zu knabbern und im zweiten Recall-Auftritt gehe es jetzt bei ihm um alles, behauptet die Off-Stimme. Scheinbar muss er wieder zurück in den Bau oder Söldner in Afghanistan werden, wenn Papa Bohlen ihn jetzt nochmal verreißt, so hört es sich jedenfalls an. Aber alle Menowin-Fans können sich beruhigt den nächsten Joint anstecken, denn die beiden bringen ihr “Up where we belong” unfallfrei über die Palmen-bestandene Bühne. Die Jury ist zufrieden und die beiden Kandidaten erleichtert.
Eine weitere Boy Group besteht aus Helmut, Marcel Pluschke und einem namenlosen Typen, der sich vor allem durch seine zahlreichen Tattoos auszeichnet. Sie werden als DSDS-Chippendales angekündigt, weil sie mit nacktem Oberkörper auftreten, was wohl wenigstens von Nina eine positive Wertung sichern sollte. Die drei proben die ganze Nacht lautstark ihren Titel “To be with you” am Strand und machen sich damit vermutlich bei den anderen Urlaubern nicht sonderlich beliebt. Marcel hat darüber hinaus noch ein ganz anderes Problem: Er kriegt die hohen Töne nicht, will sich deswegen auf so eine Art zweite Stimme im Background beschränken und den anderen beiden den akustischen Vortritt lassen. (Na, wenn das man zum Superstar reicht, nur blaue Augen und Dackelblick allein genügen nicht.) Die Vorstellung vor der Jury verläuft zufriedenstellend, auch wenn hier und da mal Textlücken durchschimmern und die Choreografie eher spontan als geprobt wirkt. Marcel fühlt sich zwischen seinen beiden singenden und hüpfenden Mitbewerbern sichtlich unwohl, guckt immer nur von einem zum anderen, damit er ja den Einsatz nicht verpasst. Das wird ihm dann hinterher etwas vorgeworfen, aber Dieter hat einen Narren an dem Jungen gefressen und lässt ihn weitgehend ungeschoren davonkommen. Ob der unerwartet positiven Wertung nehmen die drei Kandidaten erstmal ein spontanes Bad im nahe gelegenen Meer.
Das nächste Duo besteht aus Kim und Thomas. Nicht besonders überraschend, dass zwischen den beiden die Chemie nicht ganz stimmt, er wirft ihr Hochnäsigkeit vor, sie nennt ihn stressig und chaotisch. Übrigens hat Kim mal wieder mehr Schminke aufgelegt als Tut-Anch-Amun, falls sie damit ins Wasser geht, müssten eigentlich sofort die Ölauffangschiffe ausrücken…
Noch bevor sie überhaupt singen, gibt der Checker schon mal bekannt, dass er den Text wieder nicht kann. So wie es aussieht, war er nachts lieber in der Disko, als für den Auftritt zu üben. Dieter ist bei Thomas immer extrem großzügig, sagt nichts zu der mangelnden Disziplin. Er schlägt vor, die beiden sollten ihm bei ihrem Lied “We’ve got tonight” eben vorspielen, ein Liebespaar zu sein, auch wenn sie sich in Wirklichkeit hassen. So sei eben das Showgeschäft, doziert er. Die beiden singen dann eng umschlungen, lesen dabei immer abwechselnd von einem kleinen Spickzettel ab, verhaspeln sich aber öfters, sowohl beim Text als auch der Musik. Egal, Dieter findet’s niedlich, der Checker habe das sehr schön gemacht, blablabla. Nina und Volker scheinen übrigens gar nichts mehr meinen und sagen zu dürfen, die sind immer völlig still.
Mehrzad Marashi und Olivera Brkic (hä, auch neu?) harmonieren da viel besser, sind stimmlich und persönlich wesentlich reifer als das vorherige Kinderpaar. Sie bringen “Endless Love” von Lionel Richie sehr gut rüber, ihre Stimmen harmonieren perfekt. Dieter Bohlen ist hoch zufrieden und nennt Mehrzad gar den einzigen richtigen Musiker unter den Kandidaten.
Über Monique Laroche und Maria H. (Name auf Wunsch der Dame gelöscht!) hatte ich, glaube ich, auch noch nie geschrieben. Die beiden singen im Duett Maria Menas “All this time” und haben dazu sogar noch eine kleine Rahmenhandlung ersonnen. Sie hätten man ihre Energie mehr in Richtung Textlernen lenken sollen, sie kriegen das Lied nämlich auch in mehreren Anläufen nicht gebacken. Beim letzten Versuch haben sie superschlau kleine Spickzettel in Tassen (aus der “Rahmenhandlung”) versteckt, aus denen sie dann ganz offensichtlich ablesen. Was der Checker darf, dürfen Monique und Maria noch lange nicht. Bohlen wird grimmbimmselig und schnauzt rum und selbst die Harmonie-bedachte Nina meckert (“das war peinlich”). Volker findet den Auftritt gar unprofessionell, er käme sich gar nicht mehr wie bei DSDS vor, sagt er.
Die letzte Gruppe für heute besteht aus Ruzhdi, Dirk Petry und Wemauchimmer und singt “Easy like Sunday Morning” von Faith No More. Nachts haben sie scheinbar mehr gesoffen als geübt und das Ergebnis zeigt sich heute. Während Dirk wie immer die Zähne nicht auseinander kriegt und sich scheinbar einen heftigen Kampf mit der Musik liefert, ist bei Ruzhdi genau das Gegenteil der Fall: Er singt etwas schlapp seine Strophen und bekommt dann leider wieder einen plötzlichen Gedächtnis-Totalausfall, genau wie am Vortag im Einzelauftritt. Er kaschiert die fehlenden Worte mit einem leichtherzigen “Dab-Dabbi-Dabbi-Da”. (Zack, die Musik setzt aus, das Bild friert ein, mit einem Mal ist alles nur noch schwarz-weiß. Was jetzt passiert, zeigt uns RTL in Zeitlupe und Standbildern, wiederholt einzelne Sequenzen mehrmals und legt dramatische Musik drunter.) Bohlen glaubt offenbar, nicht recht gehört zu haben, runzelt die Stirn, setzt die Sonnenbrille ab, steht auf, geht zu Ruzhdi, nimmt ihm das Mikrofon ab und schüttelt ihm die Hand “Schönen Weg nach Hause!”. Dieter dreht sich um und sucht einen Ort, wo er das eingesammelte Mikro ablegen kann. Er brabbelt “Dadada, das geht hier nicht!” in die Kamera und wirkt dabei ernsthaft empört, so wie der Wegewart im Kleingartenverein, wenn während der Mittagszeit einer den Rasen mäht. Tja, das war ein echter Rauswurf, für Ruzhdi ist der Traum vom Superstar von einer Sekunde auf die andere unwiderruflich vorbei. Die anderen Kandidaten geben sich hinterher geschockt, freuen sich aber insgeheim vermutlich über den aus dem Weg geräumten Konkurrenten.
Dass sich ausgerechnet ein Dieter Bohlen über “Dab-Dabbi-Dabbi-Da” echauffiert, der doch in seinen eigenen Titeln oft genug den sprachlichen Offenbarungseid geleistet hat, mag verwundern. Ich denke mal, der Chefjuror hatte schon am Vortag erkannt, dass mit Ruzhdi wegen seiner mangelnden Englischkenntnisse kein Blumentopf zu gewinnen war. Da hat er heute die erstbeste Gelegenheit genutzt, an ihm ein Exempel zu statuieren und damit alle anderen zu schocken, ganz nach Mao Tse-Tungs Philosophie “einen bestrafen um hundert zu erziehen”.
Mit diesem netten Bild verabschiedet sich der Recall aus dem zweiten Teil. Am Sonnabend kommt der Rest vom Schützenfest, da wird die Teilnehmerzahl auf 25 heruntergedampft. Bis denne!





