DSDS geht heute in die allerletzte Runde, die Finalisten Sarah Kreuz und Daniel Schuhmacher machen unter sich den Superstar 2009 aus.
Nachdem alle schrägen oder besonders aufregenden Kandidaten in den letzten Wochen den Weg alles Irdischen gegangen sind, erwarte ich für heute Abend eigentlich keine besonders aufregende Sendung. Sicher, einer der beiden Finalisten kann sich hinterher Superstar nennen, aber mal ehrlich, was heißt das schon? Echte Karrieren werden nicht per Telefonvoting aus dem Nichts gezaubert und wenn man sich die bisherigen fünf DSDS-Superstars ansieht, ist vielleicht gerade noch einer, nämlich der ätzende Mark Medlock, einigermaßen im Geschäft. Und das auch nur durch permanente, übelst devote Anbiederung an Dieter Bohlen. Spätestens in drei Jahren singt er auch nur noch zur Eröffnung von Möbelhäusern und muss zur RTL-Resteverwertung in den Dschungel. Ob Sarah oder Daniel dazu bereit sind, sich bis zur Selbstaufgabe vermarkten zu lassen (oder überhaupt genügend Material dafür bieten), wird sich zeigen, ist aber wenig wahrscheinlich. Man sollte also vom heutigen Abend nicht die Geburt einer neuen Kelly Clarkson oder die Entdeckung eines Paul Pott erwarten. Solche Geschichten passieren nur im Märchen oder in den USA bzw. Großbritannien. Und so freue ich mich auf einen im Vergleich der letzten Wochen etwas weniger schrillen Ausklang der DSDS-Saison.
Genug besinnliches Vorweggerede, Marco Schreyl wird für Action bezahlt und die liefert er jetzt auch: Ohne rot zu werden, verspricht er für heute Abend ein Finale der Superlative, das spannendste, tollste und emotionalste Fernsehereignis des gesamten Jahres, wenn nicht sogar des Jahrzehnts. Wer das heute verpasst, ist medientechnisch quasi tot. Wenn Marco mal eines Tages bei Bohlen in Ungnade fällt und nicht mehr DSDS moderieren darf, kann er bestimmt immer noch prima als Aalonkel auf dem Hamburger Fischmarkt durchgehen – noch ist es aber nicht so weit. Die Kandidaten haben auch heute wieder drei Auftritte, zuerst einen “Herzenssong”, danach ihr persönliches Staffel-Highlight und am Ende den vom Großmeister des Hit-Recycling Dieter Bohlen höchstpersönlich kopierten “Siegertitel”.
Nach einem Zusammenschnitt ihrer schwülstigsten Einspielfilmchen betritt Sarah Kreuz die Bühne und singt von Aretha Franklin “You make me feel like a natural Woman”. Die RTL-Beleuchter geben alles und tauchen die Bühne in einen Alptraum aus blau und rosa, als gäbe es kein Morgen. Man kann nicht meckern, Sarah hat wirklich eine gute Stimme, versaut den Eindruck aber etwas, als sie im anschließenden Interview mit Marco wieder ziemlich muffig wirkt. Trotzdem sind Dieter, Nina und Volker sehr zufrieden und geben dem Auftritt eine “Eins mit Sternchen”.
Nun sehen wir auch noch einmal den komprimierten DSDS-Lebenslauf von Daniel Schuhmacher, angefangen vom Casting, über den Recall bis hin zu den Mottoshows. Dann betritt er live die gleißend rot angestrahlte Bühne für “Soulmate” von Natasha Bedingfield, seinem “Herzenstitel”. Hmhmhm, da war nicht alles ganz sauber, ein paar Töne gingen wohl wegen der Aufregung ins Abseits, aber die Jury ist heute nicht auf Krawall gebürstet und lobt ihn trotzdem.
Vor der zweiten Runde schließt RTL den Giftschrank auf und führt zur allgemeinen Volksbelustigung noch einmal die schlimmsten Casting-Szenen vor. Wir sehen die “Schandale”-Frau, den Löwenbändiger mit der irren Lache, den tolpatschig-beknackten Azubi vom Tee-Lager bei Dieter um die Ecke und schließlich das Möchtegern-Model mit dem Elefantengang. (Holger haben sie in diesem Panoptikum übrigens vergessen!)
Als Staffel-Highlight hat sich Sarah Kreuz den Titel “I will always love you” von Whitney Houston ausgesucht. Zu Recht, denn sie bringt ihn mit viel Gefühl und Power rüber und kann dabei ihren gesamten Stimmumfang ausloten. Das Publikum und die Jury sind begeistert; das muss Daniel erst mal toppen!
Daniel Schuhmacher hatte in der Top 5 – Mottoshow von der Jury Standing Ovations für “Ain’t no Sunshine” von Bill Withers bekommen. Klar, dass er diesen Titel jetzt wiederholt – und wieder kriegt er den saugut hin. (Auch wenn er auf der Bühne nach wie vor ein Bewegungsmuffel ist.) Die Jury ist erneut hin und weg und gefühlt steht es unentschieden zwischen den beiden Finalisten.
In der allerletzten Runde der ganzen Staffel hören wir von Sarah und Daniel nacheinander den selben Song, nämlich Bohlens diesjähriges Machwerk “Anything but Love”. Der Staffelgewinner darf bzw. muss das Lied in der nächsten Woche dann als erste eigene Single veröffentlichen. Wohl bekomm’s!
Sarah Kreuz beginnt und appelliert zuvor nochmal an ihre Fans, für sie zu stimmen. Ach ja, es können einem schon die Tränen kommen, wenn man hört, was sie alles für DSDS aufgegeben hat, den Schulabschluss, den Verlobten usw.
Die DSDS-Requisite hat offenbar den Kitschkeller ausgeräumt und die Bühne mit riesigen Kerzenleuchtern vollgestellt. Sarah sitzt dazu vor einem in lila Licht getauchten flatternden Vorhang und schmachtet sich durch Dieters Tonergüsse. Irgendwie alles schonmal gehört, schmuseweich gespülte Harfen-Akkorde im Engtanz-Tempo, Edelkitsch bis zum Erbrechen und darüber hinaus, eben ein typischer Bohlen. Kennst Du einen, kennst Du alle, sag ich nur.
Anschließend darf auch Daniel Schuhmacher nochmal seine Fans um Anrufe anbetteln, danach singt er seine Version des Siegertitels. Gnädigerweise hat RTL inzwischen die blöden Kerzen abgeräumt, dafür steht Daniel vor einer grellweißen Monitorwand und vor allem: man hat ihm an seinen weißen Anzug eine bekloppte Kapuze angebaut, die etwas wie ein Brautschleier wirkt. Keine Ahnung, was die sich dabei gedacht haben, vermutlich musste sein Garderobier das wegen einer verlorenen Wette machen oder so ähnlich. Eine Choreografie findet auch in Daniels letztem Auftritt quasi nicht statt. Für die etwa 20 Meter Fußweg zwischen Monitorwand und Jurypult braucht er den gesamten Titel, dreht dabei hin und wieder ruckartig den Kopf vom Mikro weg (und natürlich wieder zurück) und greift ein paar Mal bedeutungsschwer mit der Hand ins Leere. Das ist alles.
Egal, das Publikum mag es offenbar trotzdem und singt teilweise sogar mit. Kein Wunder, denn Bohlen-Titel sind meist so einfach gestrickt, dass man beim zweiten Hören schon die Melodie kennt (und spätestens beim fünften Hören hasst). Die Jury findet Daniels Interpretation wie immer sensationell und überschlägt sich in Lobeshymnen.
Bevor das Endergebnis bekannt gegeben wird, kommt nun noch ein Gemeinschaftsauftritt aller Top-10-Kandidaten mit “I’ve had the Time of my Life” aus dem Film “Dirty Dancing”. Oja, man erkennt doch bei so manchem den Klassenunterschied zu Sarah und Daniel. Der wie immer abstrus und leicht grenzdebil wirkende ehemalige Nichtschwimmer Holger Göpfert und sein überschwänglich heiter glucksender “Gesichtskrapfen” Vanessa Neigert versingen sich nach Kräften, dagegen brillieren Harfenjule Cornelia Patzlsberger und Paradiesvogel Benny Kieckhäben wie gewohnt.
Anschließend entsorgt RTL wieder eine Stunde lang seinen als Programm getarnten Humor-Restmüll via Bildschirm direkt in mein Wohnzimmer. Die auf eine unerträgliche Stunde aufgeblähte Verfilmung niveauloser Herrenwitze zwischen Show und Ergebnisblock ist echt eine Frechheit. Normalerweise würde sich den Mist kein (nüchterner) Mensch ansehen, aber andererseits will man ja auch die Resultate wissen.
Sofern man die Stunde überlebt hat, kommt jetzt die Entscheidung… Fast jedenfalls, aber zuvor muss Papa Bohlen noch schnell ein paar GEMA-Gebühren abzocken, denn jetzt erklingt sein “Anything but Love” ein drittes Mal: Sarah und Daniel singen diesmal im Duett, inmitten einer Unmenge brennender Kerzen. Der Schmalz trieft nur so aus dem Fernseher, aber da haben wir Zuschauer im Laufe der Staffel ja schon ganz andere Sachen überstanden. Dann ist es aber wirklich quasi gleich sofort soweit und Notar Dr. Fleischhauer übergibt dem Moderator einen goldenen Briefumschlag mit dem Endergebnis. Man könnte ja nun einfach den Umschlag aufmachen und vorlesen, aber so einfach geht das hier nicht. Marco Schreyl ist nämlich ein Freund psychologischer Folter und zögert die Sache mit unerträglich langsamen Bandwurmsätzen mal wieder bis zum Gehtnichtmehr hinaus.
Ich möchte mal wissen, wie viele Herzinfarkte RTL heute Abend auf dem Gewissen hat und einen davon kriegt fast Daniel. Während Sarah scheinbar völlig cool auf der Bühne steht und darauf wartet, dass Marco endlich zu Potte kommt, zoomt die Kamera ahnungsvoll Daniels Gesicht auf ganze Bildschirmbreite. Wir sind auf den Punkt genau dabei, als der Blondschopf mit der Integralhelmfrisur gegen eine plötzlich losbrechende Tränenflut kämpft – und verliert. Man bekommt eine Ahnung, weshalb er früher in seinem Dorf so gern verhauen wurde. Ein paar Augenblicke später hat er dann aber allen Grund für Freudentränen, denn Marco kriegt endlich die Kurve und verkündet den Gewinner: Daniel wird mit 50,47% der Zuschauerstimmen zum Superstar 2009 erklärt und bricht erstmal heulend zusammen, Küblböck lässt grüßen.
Es dauert einige Minuten, bis er sich so weit rekonstruiert hat, dass er ein weiteres Dacapo des heute erst drei Mal gehörten Siegertitels anstimmen kann. Mittendrin holt Daniel in einer ritterlichen Geste die knapp unterlegene Sarah zu sich nach vorn und beide singen die zweite Hälfte des Songs gemeinsam. Mit dieser einigermaßen emotionalen Szene endet die Staffel tränenreich, aber harmonisch.
Ich denke, das Ergebnis geht in Ordnung und gönnen wir Daniel den Moment im Licht. Feiern ist heute und Dschungel ist übermorgen. Dazwischen hat er vielleicht Glück und nutzt seine Chance, wer weiß…





