Liebe Freunde des guten Geschmacks,
Ihr seid hier völlig verkehrt, schaltet ab, lest nicht weiter, diese Sendung und dieser Blog sind nichts für Euch!
Alle anderen begrüße ich herzlich zu einer neuen Runde von “Deutschland sucht den Superstar”. Uns stehen in den nächsten Wochen wieder unaussprechliche Qualen für die Ohren und Mägen bevor, RTL verspricht wahre Orgien des Fremdschämens und bisher konnte man sich auf solche Ankündigungen auch immer verlassen. Es geht in dieser Sendung natürlich weiterhin nicht darum, wirklich einen neuen “Superstar” zu finden. Echte Superstars werden schon von selbst gefunden, dazu muss man nicht zehntausende tatsächliche und gefühlte Teenager durch den Eignungstest jagen. Nein, das eigentliche Ziel von DSDS ist die öffentliche Erniedrigung von Menschen, die entweder keine echten Freunde haben, die ihre Unmusikalität im Vorfeld richtig beurteilen können, oder die so selbstverliebt sind, dass sie unter allen Umständen wenigstens einmal im Leben für drei Minuten vor einem Millionenpublikum stehen wollen. Und sei es um den Preis, dass ihr Wimpernschlag im Licht der Kamera darin besteht, von einem satten Multimillionär aus Tötensen mit unflätigen Verbalinjurien öffentlich auf Amöbengröße reduziert zu werden.
Das titelgebende Versprechen dieser Sendereihe hat sich in den vorangegangenen Staffeln nicht oder fast nicht erfüllt. Lassen wir mal ganz kurz Revue passieren: Der Gewinner der ersten Staffel hieß Alexander Klaws und ist heute immerhin Musicaldarsteller (Tarzan) in Hamburg. Die nächste Staffel gewann eine gewisse Elli Erl, die danach offenbar völlig in der Versenkung verschwand; nicht mal in der Star-Resteverwertung wie Oliver Geissens “ultimative Chartshow” oder als Opfer einer Promi-Koch- oder Dschungelsendung ist sie aufgetaucht. Sieger von Staffel Nr. 3 war Tobias Regner, eine zum Hardrocker aufgebauschte Luftnummer mit dem aktuellen Marktwert einer Tube Zahnpasta. Danach kam Dieter Bohlens Herzbube Mark Medlock, der aufgrund seiner notorischen Unsterblichkeit als Interpret seichtester Popnummern karrieretechnisch über Wasser blieb, aber trotzdem immer leicht verhungert aussieht. In der fünften Staffel gewann Thomas Godoj, wegen seiner unverwechselbaren Stimme und unabstreitbaren Musikalität auch noch so einigermaßen bekannt, obwohl der Ausdruck “Superstar” hier wohl fehl am Platze wäre und sein Plattenvertrag angeblich kürzlich über den Jordan ging. Daniel Schuhmacher gewann 2009 die sechste Staffel und bleibt vor allem wegen seiner hohen Stimme und der Integralhelmfrisur mit Poposcheitel im Gedächtnis, musikalisch tat sich da seit einem in der Bildzeitung breitgetretenen Zerwürfnis mit Übervater Bohlen eher wenig. Und im Vorjahr gewann schließlich Bad Boy Mehrzad Marashi gegen Worst Boy Menowin Fröhlich und verbrauchte bei dieser Gelegenheit offenbar die gesamte Energie, die er sich eigentlich für seine Superstar-Karriere hätte aufheben sollen…
So, im knisternden Feuer der verglimmenden Karrierehoffnungen früherer “Superstars” wollen wir uns nun der achten Staffel zuwenden. Dieter Bohlen, der als DSDS-Heesters seit Anbeginn aller Zeiten die Jury leitet, hat rechts und links von sich mal wieder ausgemistet und die bisherigen Jury-Kollegen Nina Eichinger und Volker Neumüller in die mediale Wüste geschickt. Vermutlich haben die zu oft eine eigene, von seiner abweichende, Meinung geäußert oder wollten mehr Gage haben. Friede ihrer Asche. (Hoffentlich gilt das auch für Marco Schreyl, dem Moderationsfaktotum aus den Mottoshows.)
Im Interesse eines stets konvergenten Auftretens der Jury hat Onkel Dieter zwei neue Ja-Sager aus der RTL-Wunderkiste gezogen: Fernanda Brandao, deren Eignung zum Casting-Richteramt darin besteht, vor 27 Jahren in Brasilien geboren und Teil des Girlie-Trios “Hot Banditoz” gewesen zu sein, damals unter dem Kampfnamen “Laava”. Auf den ersten Blick macht sie optisch einen sehr ansprechenden, intellektuell aber eher bescheidenen Eindruck, insofern passt sie bestens zum Meister. Eher um Äußerlichkeiten geht es wohl auch bei Patrick Nuo (28), einem sich sehr cool vorkommenden Seichtpop-Sänger für die Bravo-Clearasil-Fraktion leicht in Ohnmacht fallender Mädchen. Seine schnell verblassende Karriere scheint sich nach Auftritten bei Stefan-Raab-Events nun eher in Richtung Dschungelshow zu bewegen, mit Zwischenstation DSDS.
Genug gelabert, jetzt geht es wirklich los!
Den Anfang der ersten Casting-Sendung der achten Staffel macht ein bekloppter Ralph Joachim Rainer (30, mit ellenlangem österreichischem Adelstitel) aus Berlin, der sich selbst “Der Checker” nennt, obwohl dieser Beiname doch eigentlich seit der letzten Staffel für Thomas Karaoglan reserviert ist! Ralph sieht mit seinen dicken Backen und der auch ansonsten eher rundlichen Figur aus wie eine Mischung aus Stefan Raabs Geschöpf Elton und einem Biber. Leider glaubt er außerdem auch noch, er sei unwiderstehlich, lustig und musikalisch, womit er leider völlig daneben liegt, wie sich sogleich zeigt. Nach einem kurzen Techtelmechtel mit der Jury, bei dem Dieter dann schon die schiefen Füße des Kandidaten bemängelt (er hat “Senk-Spreiz-Knickfüße” oder so ähnlich), endet Ralphs Karriere bei dem Versuch, den Schmachtfetzen “Time to say Goodbye” vorzusingen. Er kann weder Melodie, noch Text und während er völlig hilflos auf der Bühne herumdilettiert, eilt ihm von draußen auch noch seine wartende Begleiterin Maria (max. 1,50m und kugelrund mit lila Strickpullover) zu Hilfe und besiegelt ebenfalls schief singend sein Schicksal. Die beiden treffen unabhängig voneinander nicht einen einzigen Ton, mir klappen sich die Fußnägel hoch. Dieter Bohlen beendet das Tonmassaker dann mit ein paar für seine Verhältnisse freundlichen Worten und entlässt die beiden Vortragenden ohne die sonst üblichen Verbalinjurien in die Freiheit.
Nach Flop kommt bei DSDS immer Top: Anna-Carina Woitschack ist 17 Jahre alt, groß und blond und von Beruf Puppenspielerin. Schon am sorgfältig gemachten Einspielfilmchen ohne Verarschungsmomente erkennen Eingeweihte dieser Sendung, dass sie später in den Recall kommen wird (und Eingeweihte dieses Blogs erkennen das am nicht weggelassenen Nachnamen). Sie erscheint mit ihrer Lieblingsmarionette beim Casting, das muss man sicher nicht extra erwähnen. Nach einigem Geplänkel über die Tatsache, dass sie mit immerhin schon 17 Jahren trotz ihres guten Aussehens noch keinen Freund hat und auch noch nie hatte und noch nicht mal in der Disco war, performt sie “Mercy” von Duffy. Schon beim ersten Ton dürfte jedem klar sein: Die Frau kann es, hat eine echte Rock-Röhre und muss dringend in den Recall, egal wie gut sie sowieso schon aussieht. Kommentar von Patrick Nuo, der sich aus hormonellen Gründen (sabbert!) sehr um Anna-Carinas fehlende Sozialkontakte gesorgt hatte: “Jetzt weiß ich, womit Du Dir die Zeit vertreibst…” Und damit kriegt sie den gelben Zettel mit der Recall-Einladung.
Und dann wieder Flop: Shole, eine 27jährige arbeitslose Visagistin aus Hamburg mit iranischen Wurzeln, kommt wie eine Speckschwarte glänzend ins Studio. Dieter kann es gar nicht fassen, wie ausgerechnet eine Frau vom Fach so dermaßen schwitzen kann. Doch, doch, sie habe sich vorher noch extra gepudert, behauptet Shole… Ihr Auftritt mit “Paparazzi” von Lady Gaga ist dann alles andere als glänzend, tut fast weh. “Bei dem Gesang laufen ja die Paparazzis davon”, sagt Patrick, Dieter formuliert es etwas härter: “Das ist musikalische Inkontinenz.” Die Gemeinte stürmt beleidigt aus den Studio und verkündet draußen, die Jury habe “Scheiße gelabert” und keine Ahnung von Musik, sie vermutet gar Eifersucht auf ihr Talent! Ach, es ist eine Freude, genau wegen solcher Ausflipper guckt man doch DSDS, oder?
Im Schnelldurchlauf sehen wir André, ein mickriges Michael-Jackson-Double ohne vernehmbare Stimme, der zu Musik in seinem Ohrstöpsel tanzt, die wir Außenstehenden nicht hören können, weshalb seine ganze Performance grenzdebil wirkt.
Dann kommt Marco Angelini (26) aus Österreich (mit italienischen Großeltern), der wegen seines Trachtenanzugs auffällt. Der Medizinstudent erscheint in zünftigen Lederhosen mit seiner Gitarre zum Casting und begeistert in der Sparte “Netter Typ von Nebenan” mit einer sehr angenehmen Stimme. Er singt von Paolo Nutini “These Streets”, danach einen selbst gebastelten Austro-Pop-Song. Das Gitarrespielen sollte er lieber lassen, aber singen kann er wirklich gut. Das findet auch die Jury und befördert Marco umgehend und völlig zu Recht in den Recall.
Aus der Abteilung “Darf man über sowas lachen?” kommt nun ein gewisser Stefan. Er sei 30 behauptet er, müsste aber garantiert in jedem Laden beim Bierkaufen den Ausweis zeigen, bei “Bauer sucht Frau” wäre er allerdings nicht weiter aufgefallen. Nicht nur, dass er merkwürdig aufgedunsen aussieht in seinem etwas zu engen schwarz-weißen Jogginganzug, er ist auch tatsächlich seltsam, wohnt zusammen mit einem Hund und seiner pflegebedürftigen Mutter. Die Dame ist schwer krebskrank und sitzt im Rollstuhl, der Vater ist bereits vor zehn Jahren verstorben. Das alles erzählt Stefan beim Reinkommen auch der Jury (unterlegt mit trauriger Musik), außerdem hat er Segelohren wie Dumbo, so dass er tränendrüsentechnisch mit einem eigentlich unschlagbaren Bonus ins Rennen geht. Normalerweise wäre jeder mit dieser Homestory schon vor dem ersten Ton so gut wie im Recall, es sei denn, er sänge dermaßen schlecht… Und genau das tut Stefan mit Robbie Williams “Angels”. Trotz knöchelhoch stehender Mitleidstränenflut schütteln Dieter, Brandao und Patrick unisono den Kopf. Auch der angeblich genossene klassische Gesangsunterricht hilft nicht, mit seinem nervig nasalen Organ wird er kein zweiter Paul Potts. Ciao und Gruß an die Mutter… Hinterher fasst Dieter Bohlen den Auftritt noch einmal treffend zusammen: “Hätte der die kranke Mutter nicht, ich hätt’ ihn fertig gemacht”. Hart aber ehrlich.
Die heutige erste Folge klingt aus mit liebem Besuch: Hendrikje aus Wolfsburg, selbsternannter größter Dieter-Bohlen-Fan aller Zeiten, ist aus der geschlossenen Abteilung entwichen und hat bedauerlicherweise den Weg ins Casting-Studio gefunden. Sie sei völlig in Dieter verliebt, möchte sich ihm gern oben ohne präsentieren und würde sich für ihn sogar von ihrem Ehemann scheiden lassen, gesteht sie treudoof der Kamera. Ich glaube allerdings nicht, dass es so weit kommen wird, denn Hendrikje entspricht weder äußerlich noch vom Alter her dem bekannten Beuteschema des Poptitanen. (BTW: Sie sieht eigentlich auch für DSDS zu alt aus, 30 Jahre waren da doch immer die Schallgrenze?) Irrerweise kommt die Durchgeknallte mit ihrem (Noch-)Ehemann zum Casting, der aus begreiflichen Gründen etwas dagegen hat, dass sich seine Herzallerliebste allzu freizügig vor der Kamera entblättert. Aber der Wahnsinn hat bekanntlich seine eigenen Regeln und hält sich nicht an Konventionen, höchstens an das von RTL gestrickte Drehbuch.
Hendrikje kommt nun also mit Sombrero und tellergroßen Schwitzflecken ins Studio, gurrt und stammelt Dieter an und schenkt ihm dann ihren Hut, an dem sie ein paar selbst gemalte, leicht missglückte Porträts des Schlagergottkönigs befestigt hat. Der ist irgendwie gleichzeitig irritiert, gerührt und amüsiert und weiß scheinbar nicht so genau, was er mit Hendrikje machen soll. Die angebotenen “Küsschen auf die Wangen” verweigert er, seine Freundin sehe ja auch zu. Der Gesangspart “Er gehört zu mir” (Marianne Rosenberg) stammt aus der Kategorie “Hausfrauen-Karaoke” und ist wie erwartet unterirdisch schlecht. Danach fabriziert die ausgeflippte Frau auf offener Bühne aus unklaren Beweggründen noch einen Spagat vor dem Jurytisch (Dieter: “Pass’ auf, dass Du da jetzt nicht kleben bleibst…”) und einen Handstand und dann kommt es zum Äußersten: Hendrikje zieht blank und zeigt uns und dem Poptitanen sekundenlang den prallen Inhalt ihrer Bluse inklusive der aufgeklebten Pasties mit Quasten. Patrick ist das Entsetzen ins Gesicht geschrieben und als guter Katholik hält er sich verschämt die Augen zu, genau wie Hendrikjes Ehemann, der draußen vor dem Studio die peinliche Szene am Monitor miterlebt und wohl ab liebsten im Erdboden versinken würde. Ey, hallo Leute, wir sind hier bei RTL, die hatten früher mal “Tutti-Frutti” im Programm, da muss man mit sowas aber rechnen… Dieter beendet den Quatsch dann souverän mit “Gesanglich, Schnuckel, war das nichts” und erklärt ihr den Weg aus dem Studio.
So, das war also das erste Casting der achten Staffel. Im Grunde genommen alles wie gehabt, Peinlichkeiten, Pöbeleien, Tränen und hier und da auch mal eine gute Stimme. Noch ist alles nur Spaß, die echten Staranwärter sehen wir sowieso erst im Recall. Die nächste Folge kommt schon am Mittwoch, bis dahin noch ein schönes Restwochenende.





