Mahlzeit zusammen,
Gastropapst Christian Rach ist vorzeitig aus dem Winterschlaf erwacht und präsentiert sich ab heute in einer neuen Staffel als Restauranttester. Eigentlich testet er die besuchten Restaurants nicht nur, sondern will sie vor dem Bankrott retten. So wie heute, wo er uns mitnimmt ins bayerische Freising. Hier betreibt Tanguy Doron sein Restaurant “La Petite France”, was bekanntlich auf Deutsch “Die kleine Fronkroisch” bedeutet. Wie man schon beim Namen ahnt, stammt Tanguy nicht aus dem Schwarzwald, sondern wirklich aus Frankreich. Zwar lebt er schon seit 25 Jahren in Deutschland, hat sich aber “eine szöne franszösiss Ackssoon” bewahrt, der im Fernsehen sicherheitshalber komplett untertitelt wird. Wie alle Franzosen, kann er selbstredend fabelhaft kochen, trotzdem läuft der Laden so schlecht, dass seine Frau Monika ihn mit ihrem eigenen Gehalt unterstützen muss. Letztere hat offenbar so langsam die Faxen dicke und ruft deshalb den weltbekannten Restaurantflüsterer aus Hamburg zu Hilfe.
Schon die Anfahrt zum “La Petite France” offenbart ein, wenn nicht gar das Problem: Das Restaurant liegt ziemlich abseits in einem Wohngebiet und sieht von außen gelinde gesagt unscheinbar aus, geradezu stinklangweilig. Als Rach den Laden betritt, kommt der Besitzer Doron wie von der Tarantel gestochen hinter dem Tresen hervorgesprungen und gibt sich unendlich überrascht, dass der Meister ihn schon einen Tag früher beehrt, als eigentlich vereinbart. Gääääääähn, der Trick ist so alt, da sind seinerzeit nicht mal mehr die Neandertaler drauf reingefallen, aber bei unserem unwissenden kleinen Franzosen hat es tatsächlich mal wieder geklappt, Applaus für Rach!
Der Hamburger lässt sich seine Gage von RTL offenbar in Naturalien auszahlen und bestellt deswegen gleich ein umfangreiches Mahl von Tanguys Speisekarte. “Damit starte ich und dann sehen wir weiter”, kündigt Rach seine extraordinäre Fressorgie an: Die Champagner-Zwiebelsuppe gefällt ihm noch tadellos, die gegrillten Sardinen enttäuschen dagegen und das Fisch-Ragout wird später nicht mal mehr erwähnt. Tanguy scheint ein ziemlicher Hektologe zu sein, er flitzt in der Küche zwischen den dampfenden Töpfen hin und her, hat gleichzeitig ein Handy am Ohr um seinen Sohn Maximilian als Verstärkung herbeizurufen und vergisst dabei in der Aufregung, Kräuter auf die Sardinen zu streuseln. Rach beißt voller Vorfreude in den seligen Meeresbewohner und schiebt den Teller dann schnell beleidigt beiseite, dieser Fisch ist umsonst gestorben, denn er wurde nicht gewürzt. Mon Dieu, quel Malheure! Tanguy windet sich, tief in seiner Ehre als Chef de Cuisine getroffen, das sei ein einmaliges Versehen gewesen! Doch danach kommt ein Fauxpas, den man nicht mehr entschuldigen kann: Den als Dessert bestellten Crêpe mit Apfelfüllung fabriziert der Franzose nicht etwa frisch, sondern per Mikrowelle. Schwacher Versuch, so etwas merkt ein Sternekoch natürlich mit Lichtgeschwindigkeit – besonders dann, wenn er vorher das Drehbuch gelesen hat…
Nach einer Nacht zur Verdauung des Erlebten kommt Christian Rach am nächsten Morgen zurück. Heute will er in Tanguys Restaurant nach der “Seele Frankreichs” suchen, findet aber einzig ein Schwarzweißfoto an der Wand, mit einer eleganten Dame vor dem Eiffelturm, der Rest der Einrichtung würde auch in einer Pizzeria nicht auffallen. Das ist auch kein Wunder, denn tatsächlich war hier vorher ein italienisches Restaurant und Tanguy hat die Einrichtung einfach übernommen. “Ich fühle mich nicht wie in Frankreich”, resümiert Rach. Dann muss es eben über die Küche gehen, wo denn die Lebensmittel herkämen, fragt er Tanguy. Hmmm, erklärt der, die hole er höchstpersönlich alle drei Wochen aus Straßburg, von “Metro”. Bei dieser Auskunft bricht der Hamburger mit diabolischem Lachen fast zusammen: Das kann doch wohl nicht wahr sein, eine Fahrt von 370 Kilometer, nur um dann hinter der französischen Grenze bei einem deutschen Großmarkt einzukaufen… Der Großmeister kriegt sich kaum wieder ein.
Nach dieser erschütternden Erklärung für die wenig authentischen Speisen im “La Petite France” beschließt Christian Rach lt. Drehbuch jetzt völlig spontan, auf der Stelle mit Tanguy Doron nach Straßburg zu fahren und die echte französische Gemütlichkeit zu suchen, die er hier in Freising so schmerzlich vermisst. Die beiden Männer sehen sich dort einige passende Bistros an, flanieren durch die engen Gässchen, schnuppern gallische Luft und Tanguy behauptet, nun klar zu sehen. Rach entwickelt die Idee von einer französischen Brotzeit mit Käse und Baguette.
Daheim in Freising sprüht Rach vor Ideen, holt sogar schon einen Maler, während der sensible Franzose nicht so recht zu Potte kommt. Er kann sich zu keinen Entscheidungen durchringen. Welche Farbe? Welche Deko? Oder sollte man vielleicht doch lieber das Restaurant ganz schließen? (Natürlich nicht, sonst wäre ja die Sendung zu Ende.) Später in der Küche läuft Rach zu ganz großer Form auf, bastelt an französischen Gerichten mit Fleisch und Pflaumen, die schon fast durch den Fernseher duften, während Tanguy bei dem Tempo des Hamburgers kaum mitkommt. Merde! Eine neue, hochkomplexe Entscheidung muss getroffen werden: Soll man heute Abend inmitten frisch gemalter Wände und total im Umbruch befindlicher Küche das Restaurant öffnen und damit den Sternekoch für heute nach Hause schicken? Tanguy ist völlig überfordert, kratzt sich den Kopf, läuft hierhin und dorthin, entscheidet sich dann halbherzig, den Laden heute zuzulassen, blättert im Telefonbuch und fängt an, die reservierten Gäste anzurufen. Leider erreicht er nicht alle bzw. ruft die falschen Leute an und überlegt sich nun, heute Abend doch zu öffnen, will aber andererseits auch Rach nicht wegschicken und versucht stattdessen vergeblich weiter, seine Gäste zu erreichen…
Christian Rach ist schwer genervt vom hektisch-chaotischen Treiben des kleinen Franzosen. Mit aschfahlem Gesicht stellt er ihn zwischen zwei Anrufversuchen zur Rede, empfiehlt ihm, entwaige Gäste doch einfach mit einer Flasche Champagner auf den nächsten Tag zu vertrösten und zieht sich dann kopfschüttelnd wieder in die brodelnde Küche zurück. Leider brummt er im Weggehen etwas von “Dummheit”, was Tanguy endgültig komplett aus der Bahn wirft, denn, so erklärt der hinterher, er könne zwei Worte überhaupt nicht ausstehen, nämlich “Faulheit” und eben “Dummheit”. Nun also ist der Freisinger Restaurantbesitzer völlig vergrätzt, dem Heulen nahe und Rach muss ihn trösten, das sei doch alles gar nicht so gemeint gewesen! Oh Wunder, aus dem Nichts zaubert dies das Lächeln auf das Gesicht des Franzosen zurück und wir erleben den Beginn einer wundervollen Freundschaft, sagt die Off-Stimme. Irgendwie haben Künstler doch alle einen Hau…
Apropos “Künstler”, am nächsten Tag bringt Chrischan seinem alten Kumpel Tanguy einen ganzen Rollwagen voller Utensilien aus dem RTL-Fundus mit, damit will er etwas französisches Flair in das weiterhin teutonisch-triste Restaurant bringen. Wir sehen haufenweise gerahmte Bilder für die Wand, Tonkrüge und blau-weiß karierte Servietten für die Tische, ein Fässchen und zahlreiche Weinflaschen für die Bar und im Hintergrund singt mit einmal Édith Piaf ihr berühmtes “Non, je ne regrette rien”. Danach serviert der Hamburger zum ersten Mal seine neu kreierte französische Brotzeit mit Elsässer Flammkuchen, alle sind begeistert.
Am letzten Tag ist die Neueröffnung des frisch dekorierten und auch gastronomisch umgestalteten “kleinen Frankreichs”. Die von RTL gemieteten und bezahlten Gäste (angeblich alles freiwillige Freisinger) bevölkern in hellen Scharen das noch nach Farbe riechende Etablissement. Zuvor gibt es einmal mehr Komplikationen, weil Chefkoch Tanguy sich wieder in dem von ihm selbst verzapften Chaos verstrickt. Erst ist das Küchenteam nicht vollzählig, dann ist plötzlich unklar, wann und wie viele Gäste man eigentlich erwartet und ob die Vorräte dafür überhaupt reichen. Der cholerisch-wirr herumgestikulierende und beständig brabbelnde Tanguy erinnert mich dabei sehr an Louis de Funès, einen anderen großen kleinen Franzosen. Am Ende kriegen unsere beiden Küchengenies aber doch gemeinsam die Kurve, die Premiere klappt, die Gäste scheinen begeistert und applaudieren sogar. Das war es erst einmal…
Acht Wochen später ist Christian Rach wieder da, natürlich “ohne Voranmeldung” und kontrolliert sein Werk. Alles sieht gut aus, man habe viele neue Stammgäste gewonnen und der Laden brummt, berichtet Tanguy. Die Testbestellung des Sternekochs ergibt keinen Anlass für Beschwerden, alles sei großartig, befindet er. Und damit geht eine gemütliche, ja wirklich appetitanregende Folge mit sympathischen Darstellern zu Ende, bei der Christian Rach auch mal wieder so richtig in der Küche gefordert war. Ein unspektakulärer, aber gelungener Auftakt für die fünfte Staffel von “Rach, der Restauranttester”. (Wer es übrigens einmal selbst probieren will, findet hier den Online-Auftritt zum “La Petite France”.)
Bis denne!





