Hallo Leute,
gerade so eben noch im meteorologischen Winter, begleiten wir den Hamburger Sternekoch und bekennenden Gutmenschen Christian Rach nach Erftstadt in Nordrhein-Westfalen, so etwa zwischen Köln und Bonn gelegen. Dort kämpft der jahrhundertealte “Esserhof” um die Existenz, der Besitzer Guido Schwarz hat dabei den RTL-Fernsehkoch zu Hilfe gerufen.
Christian Rach hat sich diesmal einen grandiosen, brandneuen, nobelpreisverdächtig durchtriebenen Trick überlegt, um bei seinem Besuch in Erftstadt die ungeschönte Wahrheit zu sehen zu bekommen und keine Potemkinschen Dörfer. Achtung, Spoiler-Warnung: Wer die Folge noch nicht gesehen hat und sich die Spannung erhalten will, der möge jetzt beim nächsten Absatz weiterlesen. Also, hier nun das Geheimnis: Rach erscheint einfach ein wenig früher, als eigentlich mit dem Wirt verabredet und überrascht ihn damit kalt. Tja, Ideen muss man haben, unser Chrischan ist und bleibt nun mal ein Schlaufuchs, das muss man neidlos anerkennen. Wahnsinn, ich bin noch immer ganz beeindruckt von dieser Raffinesse…
Wie mit dem Regisseur geprobt, tut Guido erstaunt ob des vorzeitigen Auftritts unseres Hauptdarstellers. Gott sei Dank ist aber auf den ersten Blick hin alles in Ordnung, der Laden blitzt und glänzt, fast so, als habe man das Fernsehen schon erwartet. Der Vorteil ausbleibender Gäste ist, dass Christian Rach so die freie Auswahl hat, wo er sitzen möchte. Und zwar buchstäblich die freie Auswahl, das Restaurant ist nämlich total leer. Rach wundert sich über die komplett mit Stoffservietten und Gläsern eingedeckten Tische. Guido Schwarz erzählt, er habe als gelernter Gastronom auch den Anspruch, seinen Laden ordentlich zu präsentieren. Der Sternekoch quittiert das wohlwollend, oft genug hatte er es in seiner Serie mit ungelernten Kochbanausen und Küchendilettanten zu tun. Um das kleine Gastro-Einmaleins wird es also in der heutigen Folge nicht gehen, soviel ist schon an dieser Stelle klar. Oder…?
Im “Esserhof” liegt der Schwerpunkt auf deutsch-französischer Küche, besonders Schmorgerichte haben es dem Wirt angetan, sagt er. Christian Rach ist dann aber leicht irritiert, als er beim Studieren seiner Lieblingslektüre, der Speisekarte, Schnitzel Hawaii, Schnitzel andalusisch, Tagliatelle mit Knoblauch und Olive usw. erspäht. Guido windet sich, er habe den Laden inklusive der (seitdem unveränderten) Speisekarte übernommen und damals hätte das Geschäft gebrummt, daran könnten die aktuellen Probleme also nicht liegen. Rach wird aufmerksam: “Läuft es erst schlecht, seitdem Sie den Laden haben?”, fragt er ahnungsvoll und erhält sofort die Bestätigung: “Ja, auf jeden Fall”. Im Hintergrund erklingt dramatische Pianomusik, vielleicht hat der Sternekoch ja bereits hier, nur wenige Minuten nach dem Beginn der Episode, den Kasus Knactus gefunden, dabei lag es ja eigentlich auch auf der Hand: der Wirt ist schuld!
Der Hamburger lässt sich von dieser Entdeckung aber nicht den Appetit verderben, vielmehr bestellt er alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Zunächst kommt ein Salat, der sich aber als extrem süß (!) herausstellt und umgehend an die Küche retourniert wird. Das selbstgebackene Brot entpuppt sich im Gegensatz dazu als lecker und entgeht dem Schicksal des Salates – Rach will es persönlich verputzen. Sicher ist sicher, denn wer weiß, ob heute überhaupt noch etwas Genießbares kommt. Gang Nummer 2 fällt schon mal durch: Reibekuchen aus der Tüte und Apfelmus aus dem Glas, Pfui Deibel!
Ganz anders der Zander mit hausgemachten Kroketten: Hier wurde alles selbst hergestellt und dies ist ein ortsübliches, lokales Gericht. Rach schmeckt’s und weiter geht’s. Wir kommen nun zum “Esserhofpfännchen” mit drei Stücken Fleisch auf einem großen Teller. Wo denn die dazu versprochenen Bratkartoffeln geblieben seien, erkundigt sich der Sternemaestro. Nun, die seien doch da, allerdings versteckt unter dem Fleisch, erklärt Guido diesen Gang. Okay, genug gegessen, Rach nimmt das “tolle” Brot und den “beschissenen” Salat und schleppt sie zurück zu ihrem Entstehungsort in die Küche. Hier werkelt Koch Karsten Lindler ganz allein und hat um sich herum ein ziemliches Chaos geschaffen. Überall liegt dreckiges Geschirr und besonders der Herd sieht ranzig aus. Karsten scheint das aber schon zu wissen und verspricht, den Sauhaufen ohne Wenn und Aber kurzfristig aufzuräumen. Ansonsten kriegt er aber das höchstmögliche Lob des Hamburgers: “Der kann kochen.” Damit verabschiedet sich Christian Rach bis zum nächsten Morgen in die Verdauungspause.
Am anderen Tag schlägt Rach im “Esserhof” mit neuer Energie auf. Leider hat Karsten die Nacht nicht im Sinne des Gastropapstes genutzt, bei Tageslicht betrachtet, sieht die Küche sogar noch viel spackiger aus als am Abend zuvor. Einzig der Schülerpraktikant Ronny putzt gerade, während um ihn herum schon wieder gekocht und damit neuer Dreck produziert wird. Der Sternekoch verbirgt sein Missfallen darüber nicht und geht mit dem hiesigen Kollegen alle wunden Punkte durch. Hier klebt der Herd, dort stehen dreckige Pfannen herum, da hinten würde ein Eimer Seifenwasser helfen usw. Ausreden kann Rach gar nicht gut hören, er befiehlt Karsten, bis zum Ende des Hausrundgangs erste Ergebnisse zu produzieren, sonst… :-0
Die Besichtigung des Esserhofs, insbesondere des Saales, frustriert Rach, den erklärten Nippes- und Stehrumchenhasser. Guido Schwarz scheint ein passionierter Schränkchensammler zu sein, an allen möglichen und unmöglichen Stellen hat er diese Möbel platziert, meist völlig sinnlos. Der im rustikalen Fachwerkstil gehaltene Hauptgastraum gefällt Rach hingegen, er weiß nur nicht, was man damit anstellen soll. Tja, der Sternekoch wird immer ratloser, kann sich eigentlich auch nicht so richtig erklären, weshalb die Publikumsresonanz auf dieses Lokal so bescheiden ist. Das Essen ist gut, das Ambiente stimmt und die Küche sehen die Gäste ja nicht. Hmmm. Auch die Inaugenscheinnahme der gastronomischen Umgebung gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass Erftstädter kategorische Nichtesser sind, im Gegenteil: Die benachbarten italienischen, chinesischen, thailändischen und sonstigen Restaurants sind gut bis sehr gut gefüllt. Grübel, grübel, grübel. Rach schlägt nun vor, die streng spitz nach oben gefalteten Servietten anders hinzulegen, die wirkten irgendwie feindselig. Und mehr Licht von draußen wäre gut, meint er und reißt zur Bekräftigung in der Küche gleich die ganze Gardinenstange runter, was Guido Schwarz wortlos, aber mit deutlich sichtbarem Unbehaben zur Kenntnis nimmt. Hausaufgabe der Crew bis morgen ist ein Aufsatz zum Thema “Wir gehen in den Esserhof, weil…” Rach hat schon wieder Feierabend und entfleucht in das pulsierende Nachtleben von Erftstadt – the City that never sleeps.
Tag Drei, Rach kontrolliert die Hausaufgaben. Guido ist stolz wie Oskar, man habe an einem neuen Konzept für den “Esserhof” herumgedacht und außerdem noch viel mehr Gardinen abgehängt. Nach einer ganzen Weile kristallisiert sich beim Sterne-Christian endlich heraus, was den Esserhof von den anderen Restaurants in der Nähe abheben könnte: Die konsequente Verwendung von in dieser Region hergestellten landwirtschaftlichen Produkten aus gesundem, kontrolliertem Anbau, dazu fällt ihm dann auch noch der neue Slogan ein: “Esserhof schmeckt natürlich besser”. Ein kleines, harmloses Wortspiel mit dem Begriff “natürlich”, aber immerhin! Jetzt fehlt zu der ganzen Sache nur noch eine passende Speisekarte.
Während Rach sich wegen dieser tollen Idee innerlich vermutlich schon selbst auf die Schulter klopft, lenken ihn seine Schritte unglücklicherweise mal wieder in die Küche. Karsten hat noch immer nicht “Klar Schiff” gemacht, der Siff ist genau so dick wie vor zwei Tagen, überall stehen Essensreste herum. Nun platzt dem Hamburger aber echt der Kragen: “Wo ist Deine Ehre?”, herrscht er den jungen Koch an. Der stellt sich begriffsstutzig: “Wieso, wo habe ich denn versagt?” Eine solche Chance zur Intensivbetrachtung der ekelerregendsten Stellen lässt sich Freund Rach natürlich nicht entgehen und so kommen wir in den zweifelhaften Genuss einer Spezialführung durch die Küche mit den Schwerpunkten Staub, Dreck, Fett und versteinerte Soßenreste. Höhepunkt des Schreckens sind die völlig verkeimte Abtropfrinne im Eisschrank und ein mit Müll verstopftes Ausgussbecken. Bei dieser Gelegenheit verkündet der Sternekoch lautstark, dass er schon rückwirkend seit Staffelbeginn keinen Bock mehr hat, in dieser, seiner eigentlich sauberen Serie nochmal irgendwo mit putzen zu müssen. Und diese Ansage gilt ganz klar auch für alle Gastronomiebetrieb im Rhein-Erft-Kreis, besonders solche, die sich auf “doof” reimen.
Rach beruft eine spontane Teambesprechung ein mit Guido, Karsten und der Aushilfskellnerin Franka. Er vermisse Leidenschaft, er sehe auch keinen Chef, also jemanden, der durch seine Autorität den Laden führe und vorturne und, am allerschlimmsten: “Wo ist die Vision, wo ist der Traum?” Schweigen, keiner sagt was. Rach redet vor allem Guido ins Gewissen, versucht, die ausgegangene Flamme der Leidenschaft bei ihm neu zu entzünden: “Ich möchte die schwitzen sehen, ich möchte, dass Du kämpfst! Es geht bei Dir um die Wurst!!!” Schichtende, Rach hat Feierabend und gibt sich erneut den Reizen von Erftstadt bei Nacht hin.
Der nächste Tag beginnt mit einer Einkaufstour von Rach und seinem Dreck-affinen Kollegen Karsten zum ortsansässigen Biobauern um die Ecke. Hier kaufen sie im Hofladen nicht gerade billig, dafür aber hochwertig ein, so wie es das neue Konzept vorsieht. Zurück im “Esserhof”, finden sie Guido und einige Helfer im Saal beim Anstreichen der Wände. Das war früher mal ein Pferdestall und soll es jetzt dem Ambiente nach auch wieder werden. Rach träumt schon von Sätteln und Zaumzeug an der Wand. Leicht angeknirscht ist er allerdings, als Guido auf Nachfrage den neuen Slogan “Wir gehen in den Esserhof, weil es dort natürlich besser schmeckt” vor der Kamera nicht fehlerfrei aufsagen kann. Rach erfindet für Karsten (“los, schreib’ das auf!”) ein paar bodenständige Menüs für den neuen “Esserhof” und kocht das dann zur Probe gleich einmal durch.
Guido entwickelt sich vom Ignoranten immer mehr zum Bremser. Er verzettelt sich mit der neuen Sitzordnung im umgebauten Saal, dann wirkt er über die neuen Gerichte nicht sonderlich begeistert und nervt Rach schließlich mit der trivialen Frage, wie er denn zukünftig eindecken solle. “Eindecken ist ganz wichtig, ist gaaaanz wichtig!”, gibt der Sternekoch ironisch zurück, mit einem Gesichtsausdruck, als spreche er mit einem geistig Minderbemittelten. Guido entwickelt tatsächlich einmal Emotionen und regt sich an dieser Stelle erstmals auf: “Mir doch egal, ich kann auch zur Frittenbude gehen und mir da Plastikbesteck holen.” Mit einem recht laut gemurmelten “Arschloch!” an die Adresse des Hamburgers verlässt der Wirt seine Küche. Rach lacht,jetzt hat er wenigstens ein paar Action-Szenen für den Trailer zu dieser Folge.
Tag Fünf, wir sind auf der Schlussgeraden, dies ist traditionell der Möbel- und Dekotag. Rach schleppt ein neues Schild “Esserhof schmeckt natürlich besser” herbei und außerdem einen ganzen Korb mit passenden Accessoires und ein paar Ersatzteile für den ramponierten Herd in der Küche. Dort läuft jetzt übrigens tatsächlich eine neue Aushilfe herum. Guido Schwarz hat sich scheinbar wieder beruhigt, sei angeblich auch neu motiviert, behauptet er von sich selbst, alles laufe wie geplant, Rach müsse auch gar nicht mehr fragen. Die Sendung hat noch zehn Minuten, plätschert aber hinsichtlich der Action ein wenig vor sich hin, blöde RTL-Drehbuchschreiberlinge, völlig überbezahlter Berufsstand. Deshalb nimmt Rach die Sache selbst in die Hand und improvisiert abseits vom Skript einen kleinen Wutanfall. Der ideale Moment dafür kommt, als Guido im Saal anfängt, die Tische mit Weingläsern und steifen Servietten einzudecken, was Rach ja bekanntlich schon immer genervt hatte und jetzt zudem auch noch gegen das neue Restaurantmotto “Natürlichkeit” verstößt. Der Schwarz habe nichts kapiert, kaum etwas getan, das unausgesprochene Wort “Nichtsnutz” liegt in der Luft.
Die “Neueröffnung” des “Esserhof” läuft trotzdem wie geschmiert. Eine verdächtig große Anzahl von Gästen treibt sich in dem Etablissement herum, da hat RTL wohl mal wieder einen ganzen Bus voller Statisten eingefangen oder vielleicht auch einen Aufruf in der lokalen Presse gestartet, dass es da eine Gelegenheit gebe, seine Rübe für lau in die Kamera zu halten. “Sensationell”, “ich bin begeistert”, “sehr, sehr lecker”, “hervorragend” und “erstklassig” sind die überhaupt nicht künstlich wirkenden Kommentare der “Gäste”. Klar, alle wollen wieder kommen, am liebsten gleich für immer hier bleiben, sagen sie. Rach verabschiedet sich von der Crew des “Esserhof” und fragt dabei noch einmal den korrekten Sitz des neuen Mottos bei Guido ab: “Wir gehen in den Esserhof, weil es dort…” die Antwort kommt dann leider etwas stockend: “… einfach ähhh, nee natürlich besser schmeckt.”
Vier Wochen später steht Rach wieder im “Esserhof”. Die Kücheninspektion ergibt nur geringe Mängel, das bestellte Essen sieht – bis auf eine verbrannte Stelle – gut aus und schmeckt dem Restauranttester auch bestens. Guido Schwarz behauptet, seinen Laden jetzt besser im Griff zu haben. Ob er mehr Umsatz macht, scheint mir aber zweifelhaft, denn neben Rach sehe ich keine anderen Gäste. Und das verdammte Motto kann der Wirt auch immer noch nicht: “Wir gehen in den Esserhof, weil es besser schmeckt.” Das war’s, Christian Rach kann hier nicht mehr machen, die Küche hat er auf Vordermann gebracht, aber Guido Schwarz bleibt ein Problemfall…
… im Nachspann kommt dann eine Schrifteinblendung, dass der Erfolg nur von kurzer Dauer war: Schwarz hat aufgegeben und arbeitet jetzt wieder als angestellter Kellner. Der “Esserhof” in Erftstadt steht zum Verkauf.
Da hat der arme Christian Rach viel Energie investiert und geholfen hat es nichts. Wenigstens hat er damit die 43 Minuten Sendezeit gefüllt.
Bis zur nächsten Woche!





