Hallo Feinschmecker,
heute führt uns Wunderkoch Christian Rach auf seiner Mission wider den gastronomischen Dilettantismus nach Ludwigshafen. In der Küche des Restaurants “Fellini al Teatro” doktern zwei wahrhafte Künstler, allerdings ziemlich erfolglos, denn der Laden bleibt Abend für Abend gähnend leer. Michele Pennella (gesprochen “Mikeele”) und Michael Meier Di Santi (gesprochen “Mikaeel”) stammen nicht nur beide aus Italien und heißen vorne fast gleich, sie sind auch beide Geschäftsführer im “Fellini”. Das Restaurant liegt direkt gegenüber einem großen Theater, deswegen waren die Michels auf die glorreiche Idee gekommen, hier keinen traditionellen Italiener aufzumachen, sondern ein Haus mit gehobenem, wenn nicht gar verschrobenem künstlerischen Anspruch. Offenbar scheint das nur niemand aus der Theatergängerszene zu honorieren und so blieb nach einer langen wirtschaftlichen Durststrecke nur der Anruf beim Hamburger Meisterkoch.
Christian Rach erscheint und die einzigen Menschen in dem Laden, nämlich die beiden Geschäftsführer, tun überrascht. Ob Rach wieder einen Tag früher als angekündigt angekommen ist, wird allerdings nicht verraten. Auf jeden Fall hat er kräftigen Hunger mitgebracht und bestellt zum leichten Entsetzen des Küchenchefs Michele die halbe Karte rauf und runter. Während der zu brutzeln anfängt, berichtet Michael von der Geschichte dieses Hauses. Es habe hier bis heute schon 70 Pächter gegeben, die hätten alle das Problem gehabt, keine Gastronomen zu sein. “Bist Du ein Gastronom?”, fragt Rach und erhält zur Antwort: “Nein, ich bin Künstler”. Tja, hier kräuseln sich dem Sternekoch vermutlich schon die Nackenhaare. Während der gelernte Designer Michael mit seinen leicht ungepflegten, zotteligen Haaren etwas von “Essen ist eine vergängliche Kunst” faselt, fliegt hinten im Off in der Küche perfekt getimet ein Tablett mit Tellern und Weinflasche zu Boden. Ungerührt brabbelt er weiter “Essen ist dreidimensional, Essen ist Kultur, Essen ist Kommunikation…” Blablabla. Rach guckt etwas unglücklich, was hat seine Redaktion ihm denn da diesmal für einen Spinner rausgesucht? Nach minutenlangem Starren auf eine aufgespießte Olive platzt ihm schließlich der Kragen und er unterbricht den endlosen Redeschwall: “Entschuldigung, bitte nicht böse sein, Laberrhabarber, das ganze ist Hirnscheiße, Ihr müsst Geld verdienen! Das alles nutzt gar nichts, wenn am Ende keiner kommt!” Apropos “nicht kommen”: Das Essen braucht mehr als eine halbe Stunde und dann kommt es auch nur tröpfchenweise und nicht parallel, wie eigentlich bestellt. “Was machst Du, wenn mehrere Personen gleichzeitig essen wollen?”, erkundigt sich der Sternekoch. “Ja, das ist ein Problem…”, gibt der schwarz bemützte Michele zu. Dabei schmeckt es dem Hamburger sogar sehr gut, am Können liegt es hier also nicht.
Am nächsten Morgen besieht sich Rach den Laden mal bei Tageslicht: Die Räumlichkeiten sehen aus wie ein Trödelladen oder eine Galerie, überall Stehrumchen und Nippes, dazwischen einzelne Tischchen mit insgesamt gerade mal zehn Gästeplätzen. Als er erfährt, dass er am gestrigen Abend der einzige Gast geblieben ist, erkundigt sich Rach verwundert, wovon die beiden Michels eigentlich leben. Tja, im Grunde genommen nur noch von Krediten von den Freunden, ist die beunruhigende Antwort. Bei ganzen zehn Plätzen müssten sie eigentlich tierische Preise haben, um den Laden finanzieren zu können, ob sie dafür auch gut genug kochen, wagt der Gastropapst zu bezweifeln. Nun gut, setzen wir die Besichtigung fort. Weshalb die eine Säule da vorn mit Stoff bespannt ist, will er wissen. Michael hebt zu einer nicht enden wollenden künstlerischen Erklärung über durchbrochene und verschleierte Realitäten usw. an, bei der sowohl Michele als auch der Hamburger erkennbar abschalten. Irgend etwas von “Gesamtkunstwerk” bleibt hängen, Rach lacht. Weiter hinten gibt es plötzlich überhaupt keine Tische mehr, nur noch Schnickschnack und Firlefanz mit bombastischen Erklärungen. Ja, die Konzession für das Restaurant sei leider so teuer gewesen, dass man nur einen Teil des Raumes habe anmelden können, gesteht Michele kleinlaut. Rach guckt nur noch sparsam.
Nun kommen wir in die mit sieben Quadratmetern extrem kleine Küche, so mancher Camper kann da in seinem Wohnwagen mit mehr Platz aufwarten. Nö, die Spülmaschine funktioniere nicht mehr, da sei mal eine Dichtung kaputt gegangen. Einen Dunstabzug gibt es erst gar nicht, ebenso wenig einen Gasanschluss – Michele benutzt eine Propangasflasche. Gibt’s hier kein Regal? Nö, solche “Kleinigkeiten” habe man auch noch nicht. Rach zupft an der Plastikverpackung eines Küchengeräts, warum sie das noch nicht ausgepackt hätten? Weil das eventuell noch an den Händler zurückgegeben werden müsse, dafür seien nämlich noch 450 Euro offen. Wenigstens lacht Rach jetzt nicht mehr, sondern ist damit beschäftigt, seinen Fluchtreflex zu unterdrücken. Irgendwo in einem kleinen Schränkchen steht der gesamte Tellerbestand von 12 Exemplaren, außerdem besitzt man stolze sechs Biergläser. Rach ist konsterniert: “Ich glaube, ihr wollt gar nicht mehr machen?! Ihr wollt immer nur zwei Gäste pro Abend, die 500 Euro hinlegen und dann ist gut, oder? Kein Widerspruch seitens der Michels.
Im Keller ist dann aber plötzlich jede Bescheidenheit zu Ende, hier herrscht ein heilloses Durcheinander von buchstäblich hunderten Pappkartons, es sieht aus wie bei Messies unterm Sofa. Rach lacht mal wieder hysterisch und erkundigt sich nach dem Inhalt des Pappgebirges. Ja, da sei unter anderen viel Glas aus Venedig zwischen, erfährt er. Nun ist der Meisterkoch irgendwie stinkig: Oben kann man die Teller fast an einer Hand abzählen und hier unten im Keller quillt alles über vor teurem Geschirr. Zwischendrin finden sich dann auch noch ein Edelstahlregal (das oben in der Küche so fehlte) und auch noch Lebensmittel. “Ihr habt doch echt einen an der Marmel”, fasst Rach seine Gefühle zusammen.
Genug gelacht, nun geht es zurück in die Winzküche, Michele soll unter den gestrengen Blicken des Meisters mal etwas kochen. Schon nach wenigen Handgriffen weiß der, warum im “Fellini” Bestellungen immer so lange dauern: “Du kochst wie ‘ne Hausfrau”. Nichts ist vorbereitet, nichts wird parallel gemacht, jedes Gericht erfordert die völlige Aufmerksamkeit der gesamten, nur aus Michele bestehenden Küchencrew. Auch Michael kriegt sein Fett weg, als er korkigen Wein anschleppt und Christian Rach ihm erst mal erklären muss, wie man das auch im Vorfeld hätte erkennen können. Hier fehlt es an fast allem, was einen richtigen Gastronomen ausmacht. Aber die Kombination aus den durchaus vorhandenen Kochkünsten von Michele und dem etwas spleenigen Service von Michael und dem irren Design des ganzen Ladens, das sei etwas Besonderes, für das sich vielleicht ein Besuch von zahlenden Gästen lohne, meint der Hamburger. Leider stört Michael dessen Gedanken mit einer weiteren ausschweifenden künstlerischen Erklärung, er brabbelt etwas von “Restaurant als Brücke von der Tradition, die in die Zukunft transformiert wird…” Zack, da schlief ich ein und Rach ging es ähnlich. Also Michael hat ganz eindeutig schlimmen Sprechdurchfall, lateinisch etwas vornehmer auch als “Logorrhoe” bezeichnet.
Am nächsten Tag bringt Rach gleich ein paar Expterten mit, die sich mit dem Küchenbau in der Gastronomie auskennen. Die sollen Regale, eine funktionierende Spülmaschine und vor allem einen richtigen Gasherd installieren. Wer das bezahlt? Keine Ahnung, vermutlich wird RTL das subventionieren müssen, das “Fellini” ist bekanntlich pleite. Der Tag endet mit dem klaren Befehl von Christina Rach an beide Michels, jetzt gefälligst den Keller aufzuräumen: “Wasser zu Wasser, Nudel zu Nudel und Öl zu Öl.”
Dieser Auftrag war wohl doch etwas zu umfangreich, die beiden Chaosgastronomen haben scheinbar bis in die Morgenstunden geräumt und gewerkelt und sind darüber so müde geworden, dass sie am nächsten Morgen erst glatt zwei Stunden später als abgemacht erscheinen. Die bestellten Handwerker wollen vor der verschlossenen Eingangstür nicht länger warten und fahren zum nächsten Kunden weiter, der Sternekoch verzieht sich schmollend in ein Café. Als Michele und Michael dann ziemlich schlaftrunken gegen Mittag doch noch erscheinen, macht Rach sie nach allen Regeln der Kunst vor der Kamera zur Sau, schimpft über ihre Weicheiigkeit, sie hätten jahrelang verpennt und könnten nun nicht mal eine Nacht durcharbeiten und er droht etwas rückwirkend, eigentlich die Sache abgebrochen haben zu wollen. Nur seine übermenschliche Güte und das RTL-Drehbuch nebst Gage haben ihn offensichtlich davon abgehalten. Die Tatsachen, dass die beiden kleinen Italiener im Keller so schön aufgeräumt haben und dass der Küchenheini am Ende doch noch zurückkommt, heben die leicht lädierte Stimmung des Elbestädters und er beschließt, den Fall fortzuführen. Zwischendurch war Rach übrigens auch noch auf der Behörde und hat die Konzession auf den ganzen Schankraum erweitern lassen. Sagte ich übrigens schon, dass die Michaels auch einen ganz erheblichen Teil des Kunstmülls aus dem Restaurant geschafft haben und man nun tatsächlich wieder die Tische sehen kann?
Noch einen Tag weiter hat Christian Rach auch Ideen für die Küche mitgebracht. Wegen Micheles offenbar nicht vollständig behebbaren Tempoprobleme soll es von nun an zur Überbrückung der Wartezeiten eine Antipasti-Platte geben. Dazu hat das Fernsehen einige Holzbrettchen springen lassen. Auch den Grafiker, der draußen am Schaufenster gerade den Schriftzug “Fellini al Teatro – Trattoria” anbringt, zahlt wohl RTL. Die Speisekarte wird radikal vereinfacht, so dass Michele weniger Individualanfertigungen fabrizieren muss. Auch in der Küche soll er nun eine strikte Ordnung halten. Beim ersten Probeessen ist dann auch Micheles Schwester dabei. Michael erleidet dabei erneut einen schlimmen Anfall von Logorrhoe, faselt sich etwas Philosophisches zusammen wie “Du bist der Künstler, das Essen ist Dein Werkzeug usw.” Rach verdreht die Augen und flüchtet dann mit einem absolut sehenswerten Blick in die Kamera aus dem Schankraum in die Küche. Besonders manche Künstler haben echt einen Sockenschuss…
Der letzte Tag gehört beim Restauranttester traditionell der Wiedereröffnung des umgebauten Restaurants. Rach kriegt noch einen kleinen cholerischen Anfall, als er einmal mehr die völlig fehlende Systematik in Micheles Küche bemerkt. Trotz vorheriger Ansage hat der etwas verschlafen wirkende Möchtegerngastronom sein Reich nicht aufgeräumt, der Sternkoch findet zu Hauf Dinge im Kühlschrankl, die dort nicht hingehören und dafür stehen draußen Sachen, die dringend mit Folie abgedeckt sein müssten usw. Zu der Eröffnung kommen wieder verdächtig viele “Kunden” und alle scheinen mir der Leistung der Küche zufrieden zu sein. Man ahnt also, dass RTL hier mal wieder ein paar Komparsen vorbeigeschickt hat, die sich statt Gage im “Fellini” kostenlos die Wampe vollschlagen dürfen. Rach ist noch nicht überzeugt, ob seine Mission hier wirklich nachhaltig erfolgreich war und droht schon bei Weggehen mit seiner Chefvisite in ein paar Wochen.
Die findet auch tatsächlich statt, das “Fellini al Teatro” steht noch, beide Köche sind an Bord, die Küche ist weiterhin aufgeräumt, das bestellte Essen kommt in vertretbarer Zeit und Qualität… allein, es fehlen schon wieder die Gäste. Aha, das Eröffnungspublikum war wohl wirklich nur gecastet. Während Christian Rach sich noch am Kopf kratzt, betritt ein offenbar freiwilliges Gästepaar den Schankraum und steuert auf einen Tisch zu. Rach sieht das als Wende – oder möchte es wenigstens so sehen – und verlässt das Restaurant nun endgültig mit einer vagen Hoffnung, vielleicht wird ja wirklich noch alles gut. Immerhin kommt während des Nachspanns keine Schrifteinblendung, die über die Insolvenz des Restaurants und die Zwangseinweisung eines seiner Besitzer in eine Einrichtung für chronische Labertaschen informiert…





