Die aktuelle Staffel von Christian Rach, dem Restauranttester mit Michelinstern, geht mit der heutigen Folge zu Ende. Und sie geht eigentlich genau so zu Ende, wie sie anfing und wie sie zwischendrin war, nämlich mit einer weitgehend küchenlosen Episode.
Nordlicht Christian Rach muss heute in den tiefsten Süden fahren, ins bayerische Kiefersfelden. Hier hat die Belegschaft vom Restaurant “Ludwig’s” um Hilfe gerufen, denn dem Laden laufen die Gäste weg und das Wasser steht finanziell bis zum Hals. Wie wir sehen werden, hätte man ebenso gut auch den Insolvenz-Apostel Peter Zwegat schicken können – wenn dessen Serie momentan nicht gerade pausieren würde.
Ob Rach diesmal erst am vereinbarten Tag erscheint oder – wie häufig – bereits einen Tag früher, wird nicht erklärt. Jedenfalls wird er sofort bei der Ankunft in dem ziemlich abseits gelegenen Restaurant von der Besitzerin Karin Rippold sehr gefasst begrüßt. Sie hat auch viel Zeit für ihn, denn er ist buchstäblich der einzige Gast an diesem Abend, alle anderen Tische sind völlig leer. Und was Frau Rippold zu erzählen hat, ist eine schwer-verdauliche Tragödie, die auch den Sternekoch sichtlich mitnimmt. Sie ist 30 Jahre alt und hatte das “Ludwig’s” vor ein paar Jahren mit ihrem Ehemann zusammen übernommen. Die dreijährige Tochter war lange Zeit sehr schwer krank und musste von Frau Rippold betreut werden, so dass sie sich mit dem Tagesgeschäft im Etablissement eher weniger beschäftigte. Dann starb urplötzlich ihr Mann an einem Herzinfarkt und hinterließ ihr zusammen mit dem “Ludwig’s” – wie sich bald herausstellte – 300.000 Euro Schulden für ausstehende Löhne, Sozialversicherungsabgaben und beim Finanzamt. Nun ist guter Rat teuer, denn sie kennt sich in der Gastronomie überhaupt nicht aus. Intuitiv schlägt der Sternekoch vor, den Laden aufzugeben und den bitteren Gang in die Privatinsolvenz anzutreten, nach sieben Jahren sei Karin Rippold dann schuldenfrei, glaubt er. Leider ist die Sache in der Realität komplizierter, denn die Restaurantchefin ist Österreicherin, lebt dort auch weiterhin und in ihrer Heimat gibt es keine Privatinsolvenz; hier bleiben die Schulden ein Leben lang bestehen. (Der RTL-DJ fährt heute wieder eine Sonderschicht, als Hintergrund spielt jetzt Tokio Hotel mit “Rette mich”.)
Ein echt schwieriger Fall für den Rach, der weiß offensichtlich zunächst auch nicht, wo er ansetzen soll. Am besten kennt er sich noch immer in der Küche aus. Er verlangt deshalb die Speisekarte, ärgert sich sofort über die vielen Nudelgerichte mit Sahnesoße und bestellt wie immer ein paar Vorspeisen und Hauptgerichte (im Hintergrund “The Show must go on” von Queen). Nach ein paar Bissen schiebt der Restauranttester seine angegessenen Vorspeisenteller rüber zu Karin, sie soll selbst mal probieren und urteilen. Die Vorspeisen gegrillter Mozzarella und Bohnensalat kommen schlecht weg, Küchenchef Pino geizt offenbar mit Essig, Öl und Pfeffer. Die Gnocchi mit Spinat und Gorgonzolasauce und die Penne mit Speck und Zwiebeln bestehen hingegen vor des Meisters Gaumen. Für heute lässt Rach es gut sein und bittet für den nächsten Tag um ein Gespräch mit dem Anwalt und dem Steuerberater und lässt außerdem eine Personalversammlung einberufen.
Nach einer vermutlich eher unruhigen Nacht ist der Hamburger Erfolgskoch wieder da und beäugt das “Ludwig’s” erstmals bei Tageslicht. Für den Barbereich findet er anerkennende Worte, das sieht professionell aus. Sofort fällt ihm die idyllisch gelegene Terrasse auf, warum die nicht für Gäste genutzt werde, fragt er Karin Rippold und Karim, den Restaurantleiter. Hmm, tja, man wolle die Tische schonen, die sollten nachts lieber nicht draußen stehen, sonst würden sie feucht, kriegt er zur Antwort. Auf die Idee, die Tische morgens auf und abends wieder abzubauen, ist die Bande wohl von selbst noch nicht gekommen. Rach wundert sich. Er versammelt das Personal um sich und bittet um Vorschläge zur Veränderung. Die Diskussion läuft schnell aus dem Ruder, ganz offensichtlich herrscht zwischen Küchenchef Pino und Restaurantleiter Karim eine offene Animosität. Rach nimmt die Restaurantchefin beiseite und legt ihr nahe, hier viel mehr Führung zu zeigen, andernfalls würden sich ihre Mitarbeiter weiter wie ein Wolfsrudel benehmen.
Am nächsten Tag kommen die Rechtsanwältin und der Steuerberater des “Ludwig’s”. In einer vierstündigen Sitzung kommen alle finanziellen Probleme auf den Tisch und danach ist der Rach noch viel skeptischer, ob er den Laden überhaupt retten kann, so schlimm sieht es aus. Das Finanzamt macht riesige Probleme, will sofort die ausstehenden Zahlungen haben. Es wird dringend neues Geld gebraucht, ohne einen solventen Finanzier steuert die Sache auf die Pleite zu. Rach telefoniert wild in der Gegend herum, versucht, seine Kontakte in die Kochszene spielen zu lassen, doch offenbar hilft alles nichts. RTL macht daraus eine superdramatische Szene, wie nach und nach alle Mitarbeiter die Köpfe hängen lassen und sich depressiv zusammenkauern und Christian Rach seine letzten Trümpfe ausspielt – alles ohne Erfolg. Da plötzlich, “zufällig” hält die Kamera gerade darauf, klingelt das Handy des Gastropapstes und ihm wird eine erlösende Nachricht übermittelt. Aus einer ominösen, nicht genannten Quelle werden nochmal 50.000 Euro in das “Ludwig’s” investiert und damit kann wenigstens erstmal das Finanzamt ruhig gestellt werden. Plötzlich ist bei der Belegschaft die Euphorie wieder da, den Laden dauerhaft zu retten. Pino führt ein paar neue Menükreationen vor, die sogar den kritischen Rach’schen Blicken standhalten. Offenbar absolut spontan – jedenfalls erklärt das niemand – wird dann von ein paar Leuten aus dem Ort ein riesiger Kronleuchter herbeigeschleppt, den man mit vereinten Kräften an die Decke bugsiert. Hier bewegt sich was, ein Anfang ist gemacht, aber es muss noch viel mehr passieren. Rach verschwindet erst mal und überlässt Karin die Neuorganisation des gesamten Ladens. Er selbst hilft aus der Ferne via Mail und Telefon und verspricht, in zwei Wochen wiederzukommen, zur Neueröffnung, wie er es ausdrückt.
Wie versprochen, schneit der Hamburger nach 14 Tagen mit einer ganzen Palette neuem Geschirr als Gastgeschenk wieder herein und dreht gleich voll auf. Er stellt fest, dass noch gar keine Speisekarte existiert und niemand weiß, was am nächsten Tag zur Neueröffnung überhaupt angeboten werden soll! Dabei gibt es schon 180 Reservierungen!!! Ratlose Stille bei der Belegschaft. Schnell entscheidet Rach, was es geben wird und was demzufolge noch eingekauft werden muss. Chefkoch Pino und die anderen Küchenmenschen fangen gleich mit dem Probekochen an. Dann ist Karim beleidigt, als der Sternekoch den angebotenen Wein kritisiert und muss von ihn – vor der Kamera – in einer Einzelsitzung wieder auf Linie gebracht werden. Inzwischen hat sich das nächste Problem ergeben: Die 180 Gäste sind offenbar zu viel und passen gar nicht ohne Weiteres in das “Ludwig’s” hinein, aber ausladen kann man nun auch keinen mehr. Rach macht die Sitzordnung zur Chefsache. Typisch, wenn es hart auf hart kommt, sind Helden immer einsam. Das galt schon im Wilden Westen und ist scheinbar auch heute noch nicht anders.
Am nächsten Tag ist Ultimo, Zahltag, die Neueröffnung. Innerhalb kürzester Zeit säuft der Laden ab, denn es kommen noch weit mehr Menschen, als eigentlich angekündigt. Viele müssen stehen und warten, bis mal ein Tisch frei wird. Zusammen mit Christian Rach und ein paar Aushilfen bewältigt die Küchencrew den Ansturm einigermaßen, kritischer wird es da aber im Service im Restaurant. Hier hakt es vorne und hinten, Karin und Karim verlieren völlig den Überblick, welche Tische was bestellt haben, wo noch Getränke fehlen usw. Dann gibt es einen ominösen “Tisch 8″, an dem entweder vier oder sechs Menschen zu sitzen scheinen, die aber für zehn futtern. Des Rätsels Lösung ist ganz einfach: Es gibt versehentlich zwei Tische mit der Nummer 8.
Trotz des allgemeinen Chaos scheint es den Gästen zu schmecken. Sternekoch Christian Rach, wegen dessen Popularität es vermutlich überhaupt so voll ist, hält eine Rede und bedankt sich bei der Belegschaft des “Ludwig’s” und den vielen Unterstützern, der Brauerei und auch den zahlreichen Gästen. Und er bittet alle, auch die Fernsehzuschauer, doch recht oft wiederzukommen und dieses wunderschön gelegene Restaurant zu erhalten. Es folgt noch eine tränenreiche Verabschiedung zwischen Christian Rach und Karin Rippold, die jetzt zumindest noch eine Chance bekommen hat. Wollen wir mal alle hoffen, dass sie es schafft.
Das war’s, die Folge ist aus. Auf den obligatorischen Besuch nach ein paar Monaten verzichtet Rach diesmal, das ganze ist vermutlich auch gerade erst in diesem Winter gedreht worden, denn überall lag Schnee. Ich habe mal ein bisschen gegoogelt und bin auf eine Diskussionsseite der Online-Ausgabe des “Oberbayerischen Volksblatt” gestoßen, auf der sich offenbar Einheimische über die Gastronomie in Kiefersfelden unterhalten. Demnach scheint das “Ludwig’s” noch zu existieren und gut zu laufen. Dank Rach.
Das war die letzte Folge dieser Staffel. Was sich wie ein roter Faden durch sämtliche Episoden zog, war, dass Christian Rach kaum noch als Koch, sondern vor allem als Manager gefragt war. Früher war ja sowieso immer alles besser, ist klar, aber wirklich, so ein handfester Streit zwischen dem Sternekoch und einem schnöseligen Küchenazubi um die richtige Soßen-Konsistenz oder das Geschachere mit dem Wirt um einzelne, scheinbar unverzichtbare Menüs auf der antiquierten Speisekarte, das hatte auch etwas und kam in dieser Staffel definitiv zu kurz. Für mich war die kultigste Folge ganz klar die Sache mit dem Hollo-Bollo in dem versteckt in einer Passage liegenden Restaurant in Lengerich. Das war so ein richtiger Klassiker mit viel schrägen Vögeln und Spaß bei allen Beteiligten. Ich hoffe, in der nächsten Staffel passiert wieder mehr dieser Richtung. In diesem Sinne guten Appetit, bis bald mal wieder!





