Hallo Leute,
auch in der zweiten Folge der neuen Staffel von “Mein neues Leben” kommen keine echten Auswanderer vor. Aus der Vorwoche kennen wir bereits Lothar und Hans-Jürgen, die es auf Mallorca seit einigen Jahren mehr oder weniger freiwillig in eine Höhle verschlagen hat. Sie ernähren sich hauptsächlich aus den Mülltonnen eines benachbarten Supermarkts. Warum man ihr Schicksal in diese Auswandererserie gequetscht hat, weiß nur der zuständige Redakteur im Sender, ich jedenfalls nicht. Besser passen da schon Jürgen und Phoo Füller. Das Ehepaar ist von Deutschland in den Norden von Thailand ausgewandert und hat dort ein Hotel-Resort aufgebaut. Auch hier kann man nicht mehr direkt von einem “neuen Leben” sprechen, immerhin leben Füllers schon seit drei Jahren in Thailand. Mal sehen, wen uns Kabel 1 heute als dritten Handlungsfaden serviert. Der unsympathische Immobilienprotz Thomas Kramer, der in Miami maßgeblich für das Bild vom hässlichen Deutschen verantwortlich zeichnet, ist diesmal jedenfalls nicht dabei. Und das ist auch gut so!
Tja, etwas zu früh gefreut, wir starten gleich schon wieder in Miami. Wo Kabel 1 mit seinem Filmteam gerade mal hier ist, nutzt man die Gelegenheit, einfach alle abzulichten, die ihre Visage immer schon dringend in eine Kamera halten wollten. Und davon gibt es hier offenbar mehr als genug. Nun denn, heute ist es eine Frau, die uns ihre erfolgreiche Karriere in der amerikanischen Metropole nahe bringen will. Uschi Winter (50) war früher mal Playmate und durchsucht heute als Modefotografin die Straßen Floridas nach neuen Models. Das Fernsehteam begleitet sie, wie sie im offenen Cadillac im Art Deco-Viertel von Miami Beach herumfährt, albern winkend und jeden Passanten grüßend. Währenddessen parliert sie mit offensichtlich sorgfältig gepflegtem amerikanischen Akzent über die Vorzüge der Oberflächlichkeit und unverbindlichen Freundlichkeit in ihrer neuen Heimat. Seit 20 Jahren lässt sie sich dort nun schon die Sonne auf ihren Alabasterkörper brennen, da haut es hier und da wohl auch mal eine Synapse im Sprachzentrum aus der Umlaufbahn. Textprobe: “Hier ist schon easy, you know, Leben ist schon schöner.”
(Bemerkung am Rande: Was, um Himmels Willen, hat das bloß mit dem Titel der Sendung “Mein neues Leben” zu tun, die Frau ist seit zwanzig Jahren hier in Florida, das ist kein NEUES Leben, sondern ein schon mittelmäßig bejahrtes!)
Heute macht Uschi das Casting für das Foto-Shooting einer neuen Bademoden-Kollektion. In der Modelagentur ist sie wegen ihrer hohen Ansprüche gefürchtet, behauptet die Stimme aus dem Off. Und tatsächlich zeigt sie sich dort recht wählerisch, was Größe, Teint, Augenfarbe und Ernährungszustand der Bewerberinnen für die Bikinifotos angeht. Sie scheint schon ziemlich genau zu wissen, was sie will, über mangelnde Professionalität kann ich an dieser Stelle beim besten Willen nicht lästern. Hilfreich ist, dass Uschi früher selbst Model war (und immer noch gut beieinander ist), da sieht sie schon auf den ersten Blick, ob eine Bewerberin passt. 50 bis 100 “Mädchen” sichtet die Deutsche an so einem Tag. Was für mich zunächst nach einem traumhaften Job klingt, scheint aber bei Licht betrachtet doch echte Arbeit zu sein – für alle Beteiligten.
Noch sind keine Models ausgewählt, da macht die “Location” für das Shooting Probleme: Eigentlich sollte das ganze im Swimming Pool von Uschis Villa stattfinden, doch in Miami herrschen momentan nur 17° Celsius und Gänsehaut macht sich auf Bademodenfotos nicht gut. Also wird kurzfristig umdisponiert, vielleicht könnte man ja auch auf einen Hotelpool ausweichen, die sind nämlich windgeschützt. Das nächste Debakel droht, als sich Uschi endlich auf das blonde Model Mareike festgelegt hat und die dann aber postwendend krank wird, kaum dass ein zweites Probeshooting auf einer gemieteten Yacht ansteht. Aber so dramatisch, wie vom Off-Sprecher ausgemalt, ist die Sache dann doch nicht, Uschi bestellt einfach eine andere Schöne und kriegt doch noch ihre Bilder auf dem Schiff.
Das eigentliche Shooting am nächsten Tag beginnt ebenfalls unter leicht dramatischen Vorzeichen, der “Junge” erscheint nämlich nicht rechtzeitig. Später kommt er dann doch noch zum Set, lässt sich willig von den Damen eincremen, alles wird gut und Uschi kriegt endlich ihre gewünschten Motive am Strand und am Pool. Happy End, als die Sonne untergeht, hat sie das Shooting im Kasten und ist zufrieden.
Okay, das war zwar auch wieder keine richtige Auswandererstory, aber im Gegensatz zur letzten Woche kamen die Akteure in Miami diesmal wenigstens sympathisch rüber und waren ansehbar.
Nun aber von den Reichen und Schönen zu den Armen und Hässlichen: Die mallorquinischen Obdachlosen Lothar und Hans-Jürgen sind momentan etwas abgebrannt, ihr liquides Gesamtvermögen beläuft sich auf die überschaubare Summe von 4 Cent. Da schrillen natürlich die Alarmsirenen und es treibt die beiden aus ihrer Höhle, dringend muss ein Job her! Zunächst geben die beiden in der Nachbarkatakombe ihren neuen Hund “Bello” (klasse Einfall) bei den dortigen tschechischen Bewohnern ab und gehen dann zum Hafen von Palma, wo sie das schnelle Geld wittern. Und tatsächlich, die Drehbuchautoren haben sich nicht geirrt, werden sie für einen Tag zum Deckschrubben auf einer niederländischen Yacht angeheuert, was cash 13 Euro einbringt. Lothar gönnt sich bei der Arbeit ein paar nachdenkliche Momente, als er in die Kamera sinniert, wie die Besitzer der vielen teuren Boote hier wohl an ihre Knete gekommen sind. Übrigens war Lothar selbst auch mal ziemlich reich, allerdings nur sehr kurz und nicht ganz legal: Er hatte eine Bank überfallen, wurde erwischt und zu 18 Jahren Gefängnis verknackt.
Die 13 Euro reichen nur für kurze Zeit und schon wieder dominiert der Hunger den Alltag von Lothar und seinem introvertierten Kumpel Hans-Jürgen. Nun versuchen sie ihr Glück auf der fast menschenleeren Strandpromenade von Arenal, doch niemand hat einen Job für sie, ist halt gerade keine Touristensaison. Da bleibt als letzter Ausweg wieder nur der Müllcontainer vom Supermarkt. Lothar beißt die Zähne zusammen, steckt den ganzen Arm in den Dreckhaufen und angelt dann tatsächlich eine dicke Packung abgelaufenes Schweinefilet. Auf Mallorca ist damit das Abendessen für zwei Tage gesichert, aber mir vergeht einstweilen der Appetit!
Am nächsten Morgen kommt mal wieder eine der gefürchteten Kontrollen: Miguel ist so eine Art Hausmeister bei den dicken Millionärsvillen oben über den Höhlen. Und er hat für alle Höhlen die Oberaufsicht, guckt nach, ob Müll herum liegt oder die Bewohner Feuer machen oder sonst wie gegen die ungeschriebenen Höhlenhausordnungen verstoßen. Wen Miguel nicht mag oder wer ihm quer kommt, dem entzieht er die Duldung und die Grottenolme müssen sich mitsamt Inventar ad hoc eine neue Bleibe suchen. Aber Lothar ist geschickt und weiß genau, wann er buckeln muss, nämlich jetzt. Miguel hat nichts zu beanstanden bei den ordentlichen Deutschen, die können erst mal bleiben.
Anschließend machen Lothar und Hans-Jürgen den wöchentlichen Bade-Besuch bei einem befreundeten Ehepaar, ebenfalls aus Deutschland, aber vermögend. Und großzügig, denn hier dürfen die Höhlenmenschen ihre Wäsche und sich selbst waschen. Und die Haare werden ihnen bei Bedarf auch gleich geschnitten. Hans-Jürgen startet am Ende dieser Folge noch einen Arbeitsversuch als Gärtner, sägt den ganzen Tag Palmen und verpflanzt Oleander, kriegt den angebotenen Job aber am Ende nicht, weil er kein Wort Spanisch spricht. Also zurück in die Höhle… Grottenolm forever?
Phoo (gesprochen “Boh”) und Jürgen Füller erwarten in ihrem Hotel-Resort in Thailand-Nord heute wichtigen Besuch aus Deutschland: Ein Investorenpaar hat sich angesagt, das eventuell mit einer namhaften Summe in das junge Unternehmen einsteigen will. Und nicht nur das: Brigitte und Reinhard wollen vielleicht sogar selbst ganz in Thailand bleiben, so gut hat ihnen der letztjährige Urlaub im Reisfeld-Resort bei den Füllers gefallen. Das wäre natürlich auch für diese Sendung ein Kracher, denn dann hätten wir endlich die ersten richtigen neuen Auswanderer dieser Serie. Und für Füllers wäre das auch gut, denn die bräuchten mal ein bisschen tatkräftige Unterstützung nach den Jahren ohne Urlaub und Pause.
Gleich am nächsten Morgen könnte Jürgen die Hilfe gebrauchen, er muss allein das Frühstück für alle Gäste zubereiten weil Phoo zum Arzt ist, da fällt das Gas aus und der Herd bleibt kalt. Ohne Herd gibt’s kein Rührei, es ist aber noch kein Angestellter aufgetaucht, also muss sich Jürgen höchstselbst um die neue Gasflasche bemühen. Er kriegt vor laufender Kamera die Krise und entschwindet dann laut fluchend mit dem Auto in Richtung Gasmann. Später gibt es dann für sein irgendwann doch noch erschienenes Personal eine Standpauke. Verspätet kommen, aber pünktlich gehen, das funktioniert nicht. Allzu krass darf Jürgen seinen Anschiss aber nicht formulieren, entsprechend der hiesigen Kultur verlieren die Thailänder sonst ihr Gesicht und verdrücken sich dann auf Nimmerwiedersehen. Jürgen hat es schon nicht leicht als pingeliger Deutscher, der er im Herzen natürlich immer noch geblieben ist.
Erschwerend kommt hinzu, dass Brigitte und Reinhard, das potenzielle Investorenpaar, von der Personal-Malesche nichts mitbekommen sollen, sonst hauen die womöglich auch mitsamt ihrem Geld auf Nimmerwiedersehen ab. Zum Glück merken die aber nichts (spätestens wenn sie diese Sendung sehen, dürften sie aber ziemlich sparsam gucken) und es bahnt sich tatsächlich der Einstieg der beiden Schwaben im Füllerschen Imperium an. Brigitte und Reinhard sind von Hause aus Fahrradhändler und wollen das nach Möglichkeit auch hier in Asien wieder werden. Jürgen hat dazu gleich frech behauptet, die Thailänder seien neuerdings Fahrrad-verrückt und so ein Laden wäre ein glatter Selbstläufer. Sogar ein Fahrradverleih direkt hier im Hotel wird angedacht. Schließlich wird man sich bei einem gemütlichen Umtrunk zum Sonnenuntergang draußen auf der Hotelterrasse einig: Brigitte und Reinhard machen ihre Ankündigung wahr, werden ihren Laden in Deutschland verkaufen und kommen dann in einem halben Jahr dauerhaft nach Thailand zu Jürgen und Phoo. Hurra!
Damit ist diese Story wohl endgültig ausgelutscht und Kabel 1 schiebt deshalb schnell noch eine weitere unpassende Geschichte nach. Die spielt schon wieder auf Mallorca und dreht sich um Markus Redlich, der hierher ausgewandert ist und seinen Lebensunterhalt als Immobilienmakler bestreitet. Sein heutiger Fall sind zwei russische Damen, Mutter und Tochter, die sich erfreulicherweise ohne Budgetbeschränkung für eine standesgemäße Bleibe auf der spanischen Ferieninsel interessieren. Der Deutsche hat dicke Dollar- oder Rubelzeichen in den Augen und holt die beiden Frauen samt Bodyguard persönlich im dicken Daimler vom Flughafen ab. Das war es dann aber auch schon, denn dieser Handlungsfaden ist ein so genannter Cliffhanger. Erst in der nächsten Folge erfahren wir, ob und wie Markus es schafft, den Russinnen seine 11-Millionen-Finca anzudrehen und was für ein toller Typ er doch ist.
Puh, das war schon wieder eine echt langweilige Folge, was haben die nur aus dieser früher so spannenden Serie gemacht? Eine allerletzte Chance gebe ich Kabel 1 noch in der nächsten Woche. Wenn da wieder nur Hängengebliebene und längst Etablierte vorkommen, gucke ich mir die Sendung nicht mehr an, dazu ist mir meine Zeit zu schade!!!
Nachtrag vom 01.09.2010
Habe mir die Vorschau für die nächste Folge angesehen: Es bleibt alles wie gehabt, Makler schwänzeln um stinkreiche Kundschaft und unsympathische Deutsche protzen mit ihren geilen Karrieren im Ausland. Dazwischen versucht eine vor 15 Monaten ausgewanderte Familie, mit einem Wechsel der Behausung auch ihre internen Konflikte in den Griff zu kriegen. Schade, schade, schade. Keine Sprach-ignoranten Skandinavien-Auswanderer mit Prollallüren, keine entnervten Büromenschen, die sich ihren Lebenstraum erfüllen und unter der spanischen Sonne einen Grillimbiss eröffnen, ohne jemals zuvor eine Wurst in die Pfanne gehauen zu haben und ähnliche Glanzlichter. Unter diesen Umständen sage ich der Serie “Mein neues Leben” erst mal Adieu…





