• Hallo Leute,

    auch in der zweiten Folge der neuen Staffel von “Mein neues Leben” kommen keine echten Auswanderer vor. Aus der Vorwoche kennen wir bereits Lothar und Hans-Jürgen, die es auf Mallorca seit einigen Jahren mehr oder weniger freiwillig in eine Höhle verschlagen hat. Sie ernähren sich hauptsächlich aus den Mülltonnen eines benachbarten Supermarkts. Warum man ihr Schicksal in diese Auswandererserie gequetscht hat, weiß nur der zuständige Redakteur im Sender, ich jedenfalls nicht. Besser passen da schon Jürgen und Phoo Füller. Das Ehepaar ist von Deutschland in den Norden von Thailand ausgewandert und hat dort ein Hotel-Resort aufgebaut. Auch hier kann man nicht mehr direkt von einem “neuen Leben” sprechen, immerhin leben Füllers schon seit drei Jahren in Thailand. Mal sehen, wen uns Kabel 1 heute als dritten Handlungsfaden serviert. Der unsympathische Immobilienprotz Thomas Kramer, der in Miami maßgeblich für das Bild vom hässlichen Deutschen verantwortlich zeichnet, ist diesmal jedenfalls nicht dabei. Und das ist auch gut so!

    Tja, etwas zu früh gefreut, wir starten gleich schon wieder in Miami. Wo Kabel 1 mit seinem Filmteam gerade mal hier ist, nutzt man die Gelegenheit, einfach alle abzulichten, die ihre Visage immer schon dringend in eine Kamera halten wollten. Und davon gibt es hier offenbar mehr als genug. Nun denn, heute ist es eine Frau, die uns ihre erfolgreiche Karriere in der amerikanischen Metropole nahe bringen will. Uschi Winter (50) war früher mal Playmate und durchsucht heute als Modefotografin die Straßen Floridas nach neuen Models. Das Fernsehteam begleitet sie, wie sie im offenen Cadillac im Art Deco-Viertel von Miami Beach herumfährt, albern winkend und jeden Passanten grüßend. Währenddessen parliert sie mit offensichtlich sorgfältig gepflegtem amerikanischen Akzent über die Vorzüge der Oberflächlichkeit und unverbindlichen Freundlichkeit in ihrer neuen Heimat. Seit 20 Jahren lässt sie sich dort nun schon die Sonne auf ihren Alabasterkörper brennen, da haut es hier und da wohl auch mal eine Synapse im Sprachzentrum aus der Umlaufbahn. Textprobe: “Hier ist schon easy, you know, Leben ist schon schöner.”

    (Bemerkung am Rande: Was, um Himmels Willen, hat das bloß mit dem Titel der Sendung “Mein neues Leben” zu tun, die Frau ist seit zwanzig Jahren hier in Florida, das ist kein NEUES Leben, sondern ein schon mittelmäßig bejahrtes!)

    Heute macht Uschi das Casting für das Foto-Shooting einer neuen Bademoden-Kollektion. In der Modelagentur ist sie wegen ihrer hohen Ansprüche gefürchtet, behauptet die Stimme aus dem Off. Und tatsächlich zeigt sie sich dort recht wählerisch, was Größe, Teint, Augenfarbe und Ernährungszustand der Bewerberinnen für die Bikinifotos angeht. Sie scheint schon ziemlich genau zu wissen, was sie will, über mangelnde Professionalität kann ich an dieser Stelle beim besten Willen nicht lästern. Hilfreich ist, dass Uschi früher selbst Model war (und immer noch gut beieinander ist), da sieht sie schon auf den ersten Blick, ob eine Bewerberin passt. 50 bis 100 “Mädchen” sichtet die Deutsche an so einem Tag. Was für mich zunächst nach einem traumhaften Job klingt, scheint aber bei Licht betrachtet doch echte Arbeit zu sein – für alle Beteiligten.

    Noch sind keine Models ausgewählt, da macht die “Location” für das Shooting Probleme: Eigentlich sollte das ganze im Swimming Pool von Uschis Villa stattfinden, doch in Miami herrschen momentan nur 17° Celsius und Gänsehaut macht sich auf Bademodenfotos nicht gut. Also wird kurzfristig umdisponiert, vielleicht könnte man ja auch auf einen Hotelpool ausweichen, die sind nämlich windgeschützt. Das nächste Debakel droht, als sich Uschi endlich auf das blonde Model Mareike festgelegt hat und die dann aber postwendend krank wird, kaum dass ein zweites Probeshooting auf einer gemieteten Yacht ansteht. Aber so dramatisch, wie vom Off-Sprecher ausgemalt, ist die Sache dann doch nicht, Uschi bestellt einfach eine andere Schöne und kriegt doch noch ihre Bilder auf dem Schiff.

    Das eigentliche Shooting am nächsten Tag beginnt ebenfalls unter leicht dramatischen Vorzeichen, der “Junge” erscheint nämlich nicht rechtzeitig. Später kommt er dann doch noch zum Set, lässt sich willig von den Damen eincremen, alles wird gut und Uschi kriegt endlich ihre gewünschten Motive am Strand und am Pool. Happy End, als die Sonne untergeht, hat sie das Shooting im Kasten und ist zufrieden.

    Okay, das war zwar auch wieder keine richtige Auswandererstory, aber im Gegensatz zur letzten Woche kamen die Akteure in Miami diesmal wenigstens sympathisch rüber und waren ansehbar.

    Nun aber von den Reichen und Schönen zu den Armen und Hässlichen: Die mallorquinischen Obdachlosen Lothar und Hans-Jürgen sind momentan etwas abgebrannt, ihr liquides Gesamtvermögen beläuft sich auf die überschaubare Summe von 4 Cent. Da schrillen natürlich die Alarmsirenen und es treibt die beiden aus ihrer Höhle, dringend muss ein Job her! Zunächst geben die beiden in der Nachbarkatakombe ihren neuen Hund “Bello” (klasse Einfall) bei den dortigen tschechischen Bewohnern ab und gehen dann zum Hafen von Palma, wo sie das schnelle Geld wittern. Und tatsächlich, die Drehbuchautoren haben sich nicht geirrt, werden sie für einen Tag zum Deckschrubben auf einer niederländischen Yacht angeheuert, was cash 13 Euro einbringt. Lothar gönnt sich bei der Arbeit ein paar nachdenkliche Momente, als er in die Kamera sinniert, wie die Besitzer der vielen teuren Boote hier wohl an ihre Knete gekommen sind. Übrigens war Lothar selbst auch mal ziemlich reich, allerdings nur sehr kurz und nicht ganz legal: Er hatte eine Bank überfallen, wurde erwischt und zu 18 Jahren Gefängnis verknackt.

    Die 13 Euro reichen nur für kurze Zeit und schon wieder dominiert der Hunger den Alltag von Lothar und seinem introvertierten Kumpel Hans-Jürgen. Nun versuchen sie ihr Glück auf der fast menschenleeren Strandpromenade von Arenal, doch niemand hat einen Job für sie, ist halt gerade keine Touristensaison. Da bleibt als letzter Ausweg wieder nur der Müllcontainer vom Supermarkt. Lothar beißt die Zähne zusammen, steckt den ganzen Arm in den Dreckhaufen und angelt dann tatsächlich eine dicke Packung abgelaufenes Schweinefilet. Auf Mallorca ist damit das Abendessen für zwei Tage gesichert, aber mir vergeht einstweilen der Appetit!

    Am nächsten Morgen kommt mal wieder eine der gefürchteten Kontrollen: Miguel ist so eine Art Hausmeister bei den dicken Millionärsvillen oben über den Höhlen. Und er hat für alle Höhlen die Oberaufsicht, guckt nach, ob Müll herum liegt oder die Bewohner Feuer machen oder sonst wie gegen die ungeschriebenen Höhlenhausordnungen verstoßen. Wen Miguel nicht mag oder wer ihm quer kommt, dem entzieht er die Duldung und die Grottenolme müssen sich mitsamt Inventar ad hoc eine neue Bleibe suchen. Aber Lothar ist geschickt und weiß genau, wann er buckeln muss, nämlich jetzt. Miguel hat nichts zu beanstanden bei den ordentlichen Deutschen, die können erst mal bleiben.

    Anschließend machen Lothar und Hans-Jürgen den wöchentlichen Bade-Besuch bei einem befreundeten Ehepaar, ebenfalls aus Deutschland, aber vermögend. Und großzügig, denn hier dürfen die Höhlenmenschen ihre Wäsche und sich selbst waschen. Und die Haare werden ihnen bei Bedarf auch gleich geschnitten. Hans-Jürgen startet am Ende dieser Folge noch einen Arbeitsversuch als Gärtner, sägt den ganzen Tag Palmen und verpflanzt Oleander, kriegt den angebotenen Job aber am Ende nicht, weil er kein Wort Spanisch spricht. Also zurück in die Höhle… Grottenolm forever?

    Phoo (gesprochen “Boh”) und Jürgen Füller erwarten in ihrem Hotel-Resort in Thailand-Nord heute wichtigen Besuch aus Deutschland: Ein Investorenpaar hat sich angesagt, das eventuell mit einer namhaften Summe in das junge Unternehmen einsteigen will. Und nicht nur das: Brigitte und Reinhard wollen vielleicht sogar selbst ganz in Thailand bleiben, so gut hat ihnen der letztjährige Urlaub im Reisfeld-Resort bei den Füllers gefallen. Das wäre natürlich auch für diese Sendung ein Kracher, denn dann hätten wir endlich die ersten richtigen neuen Auswanderer dieser Serie. Und für Füllers wäre das auch gut, denn die bräuchten mal ein bisschen tatkräftige Unterstützung nach den Jahren ohne Urlaub und Pause.

    Gleich am nächsten Morgen könnte Jürgen die Hilfe gebrauchen, er muss allein das Frühstück für alle Gäste zubereiten weil Phoo zum Arzt ist, da fällt das Gas aus und der Herd bleibt kalt. Ohne Herd gibt’s kein Rührei, es ist aber noch kein Angestellter aufgetaucht, also muss sich Jürgen höchstselbst um die neue Gasflasche bemühen. Er kriegt vor laufender Kamera die Krise und entschwindet dann laut fluchend mit dem Auto in Richtung Gasmann. Später gibt es dann für sein irgendwann doch noch erschienenes Personal eine Standpauke. Verspätet kommen, aber pünktlich gehen, das funktioniert nicht. Allzu krass darf Jürgen seinen Anschiss aber nicht formulieren, entsprechend der hiesigen Kultur verlieren die Thailänder sonst ihr Gesicht und verdrücken sich dann auf Nimmerwiedersehen. Jürgen hat es schon nicht leicht als pingeliger Deutscher, der er im Herzen natürlich immer noch geblieben ist.

    Erschwerend kommt hinzu, dass Brigitte und Reinhard, das potenzielle Investorenpaar, von der Personal-Malesche nichts mitbekommen sollen, sonst hauen die womöglich auch mitsamt ihrem Geld auf Nimmerwiedersehen ab. Zum Glück merken die aber nichts (spätestens wenn sie diese Sendung sehen, dürften sie aber ziemlich sparsam gucken) und es bahnt sich tatsächlich der Einstieg der beiden Schwaben im Füllerschen Imperium an. Brigitte und Reinhard sind von Hause aus Fahrradhändler und wollen das nach Möglichkeit auch hier in Asien wieder werden. Jürgen hat dazu gleich frech behauptet, die Thailänder seien neuerdings Fahrrad-verrückt und so ein Laden wäre ein glatter Selbstläufer. Sogar ein Fahrradverleih direkt hier im Hotel wird angedacht. Schließlich wird man sich bei einem gemütlichen Umtrunk zum Sonnenuntergang draußen auf der Hotelterrasse einig: Brigitte und Reinhard machen ihre Ankündigung wahr, werden ihren Laden in Deutschland verkaufen und kommen dann in einem halben Jahr dauerhaft nach Thailand zu Jürgen und Phoo. Hurra!

    Damit ist diese Story wohl endgültig ausgelutscht und Kabel 1 schiebt deshalb schnell noch eine weitere unpassende Geschichte nach. Die spielt schon wieder auf Mallorca und dreht sich um Markus Redlich, der hierher ausgewandert ist und seinen Lebensunterhalt als Immobilienmakler bestreitet. Sein heutiger Fall sind zwei russische Damen, Mutter und Tochter, die sich erfreulicherweise ohne Budgetbeschränkung für eine standesgemäße Bleibe auf der spanischen Ferieninsel interessieren. Der Deutsche hat dicke Dollar- oder Rubelzeichen in den Augen und holt die beiden Frauen samt Bodyguard persönlich im dicken Daimler vom Flughafen ab. Das war es dann aber auch schon, denn dieser Handlungsfaden ist ein so genannter Cliffhanger. Erst in der nächsten Folge erfahren wir, ob und wie Markus es schafft, den Russinnen seine 11-Millionen-Finca anzudrehen und was für ein toller Typ er doch ist.

    Puh, das war schon wieder eine echt langweilige Folge, was haben die nur aus dieser früher so spannenden Serie gemacht? Eine allerletzte Chance gebe ich Kabel 1 noch in der nächsten Woche. Wenn da wieder nur Hängengebliebene und längst Etablierte vorkommen, gucke ich mir die Sendung nicht mehr an, dazu ist mir meine Zeit zu schade!!! :-(

    Nachtrag vom 01.09.2010

    Habe mir die Vorschau für die nächste Folge angesehen: Es bleibt alles wie gehabt, Makler schwänzeln um stinkreiche Kundschaft und unsympathische Deutsche protzen mit ihren geilen Karrieren im Ausland. Dazwischen versucht eine vor 15 Monaten ausgewanderte Familie, mit einem Wechsel der Behausung auch ihre internen Konflikte in den Griff zu kriegen. Schade, schade, schade. Keine Sprach-ignoranten Skandinavien-Auswanderer mit Prollallüren, keine entnervten Büromenschen, die sich ihren Lebenstraum erfüllen und unter der spanischen Sonne einen Grillimbiss eröffnen, ohne jemals zuvor eine Wurst in die Pfanne gehauen zu haben und ähnliche Glanzlichter. Unter diesen Umständen sage ich der Serie “Mein neues Leben” erst mal Adieu… :-(

  • Hallo zusammen,

    Kabel Eins beginnt heute mit einer neuen Staffel der beliebten Castingshow “Deutschland sucht den naivsten Auswanderer”, die hier allerdings etwas langweilig “Mein neues Leben” heißt. Der Vorspann ist frisch renoviert – hoffentlich hat man sich mit dem Inhalt auch so viel Mühe gegeben und ein paar schöne Deppen ins Licht der Kamera gezerrt.

    Mein persönliches, bisher unübertroffenes Highlight der Serie ist übrigens noch immer die Hartz-4-Familie aus Zonesien, die in der 2007er Staffel ohne Vorbereitung und Verstand nach Norwegen auswandert, sprich: Sie können alle kein einziges Wort Norwegisch. In ihrer neuen Heimat angekommen, pöbeln sie den norwegischen Vermieter auf Prolldeutsch an, weil ihre mitgebrachten Möbel nicht mehr in das unbesehen möbliert (!) gemietete Haus passen, werfen kurzerhand alle vorhandenen Möbel über den Balkon raus, merken dann, dass sie dabei versehentlich auch den einzigen Herd beseitigt haben und kochen sich gegen Ende der Folge eine Frikadelle auf der Heizung. Darüber habe ich noch wochenlang gelacht… :-)

    Zurück zur heutigen Folge. Wie immer werden heute drei unterschiedliche Schicksale präsentiert, zerhackt in kleine, auch für den unbedarften Kommerzglotzer leicht verdauliche Häppchen. Ich sortiere die Handlungsstränge hier mal nach Protagonisten und fange mit dem langweiligsten an, nämlich mit dem, der es nach ökonomischen Maßstäben wohl “geschafft” hat. Thomas Kramer lebt bereits seit einigen Jahren in Miami, Florida und nervt gleich in der ersten Szene durch überhebliche Arroganz: Wir sehen ihn bei einer Tour durch das abendliche Lichtermeer seiner Wahlheimat in einer fetten Limousine und später bei einer Massage. Der “Immobilientycoon” wohnt in einem 45 Millionen Dollar teuren Haus auf bescheidenen 1.500 Quadratmetern direkt am Wasser und ist – man glaubt es kaum – noch Junggeselle. (Komisch, normalerweise findet sich doch in dieser Preisklasse für jeden Kotzbrocken noch ein hirnlos-heiratswilliges It-Girl, insbesondere, wenn der Kandidat schon etwas angegraut ist und sein Lebenswandel Hoffnung auf eine hübsche Erbschaft in vertretbar naher Zukunft weckt?! )

    Kabel Eins hat eine läppische Rahmenhandlung zusammengestrickt, bei der Übermensch Kramer einem angeblichen Repräsentanten (man nennt ihn “Anton”) irgendeines investitionsfreudigen arabischen Ölscheichs zeigen will, welche Wundertaten er in der amerikanischen Metropole so vollbracht hat und dabei praktischerweise gleich das Fernsehteam mitnimmt. Gähn, ist das langweilig! Wir schippern mit einem Bötchen über diverse Kanäle und lauschen den selbstverliebten, mit Business Buzzwords gespickten Ergüssen des Meisters über das von ihm gebaute Stadtviertel (”T-K-Land”). Ein schöner Satz: “Dieses Haus ist mein Masterpiece.” Keine Ahnung, wie das zu den Versagergeschichten der früheren Staffeln passen soll, so habe ich mir das jedenfalls nicht vorgestellt und darum boykottiere ich den Sack ab jetzt: Wer sich für Thomas Kramer interessiert, den Meister des bekannten Universums, muss sich leider die Wiederholung der Folge selbst ansehen… :-(

    (Der weitere Verlauf der Sendung gibt mir übrigens Recht, beim Vorspulen der Kramerschen Szenen kommen nämlich noch ein paar richtig eklige Momente, als der Multimillionär dem Fernsehteam seine in einem Sarg (!) gelagerte Sammlung von Sado-Maso-Sexspielzeug vorführt. Völlig ungeniert erklärt er der dafür sicherlich dankbaren Filmcrew seine Vorlieben im Bett und auch die Funktion des “Angel Recovery Room”, der direkt an das Kramersche Schlafzimmer grenzt, bleibt nicht im Dunkeln. Jetzt verstehe ich doch, warum der Typ noch Single ist. In puncto Schamlosigkeit und Mediengeilheit übertrifft Kramer sogar noch Jürgen Drews – und das will echt was heißen.)

    Der Kontrast zur nächsten Story könnte nicht größer sein. Wir kommen zurück nach Deutschland, ach ne Spanien, genauer gesagt nach Cala Blava auf der Insel Mallorca. Hier hausen seit einigen Jahren Lothar Bünder und Hans-Jürgen Baumgarten buchstäblich in einer Höhle, sie sind nämlich obdachlos. Beide gerieten durch persönliche Schicksalsschläge aus der Bahn und blieben auf Malle hängen, der eine saß früher mal im Knast, der andere wurde Opfer eines Raubüberfalls. Heute haben die beiden so gut wie nichts – und das teilen sie auch noch brüderlich. Aber immerhin hängt hinten an der Höhlenwand eine schwarz-rot-goldene Fahne…

    Hier auf Malle geht es kurz nach dem Aufstehen um eher profane Dinge, das Klopapier ist alle und irgendwie fiel auch noch das appetitanregende Wort “Hämorrhoiden”. Unwillkürlich möchte man den Protz-Kramer von der ersten Geschichte mal für eine Nacht hier in Lothar oder Hans-Jürgens Schlafsack in der Höhle einquartieren. Kramers einzigen Gesundheitsprobleme sind vermutlich die Hornhaut vom Geldzählen und der Tennisarm vom Sich-selbst-auf-die-Schulter-klopfen. Da könnte man glatt zum Kommunisten werden…

    Allerdings verscherzt sich Lothar schnell meine Sympathien, denn er zeigt sich von einer sehr gewalttätigen Seite, als er andere Obdachlose mit Faust und Messer von “seinem” Stamm-Müllcontainer hinter dem Supermarkt vertreibt. Die Container mit Gemüseresten können die ja gern haben, aber über die Verteilung des weggeworfenen Fleisches entscheidet Lothar ganz allein, so ist hier die Hackordnung. “Und wem da nicht passt, dem schlage ich den Schädel ein!”, setzt er wenig konziliant noch hinzu. Übrigens ist Deutsch auf Mallorca offensichtlich auch unter den Obdachlosen die gängige Verkehrssprache.

    Warum Kabel Eins meint, der wenig glorreiche Obdachlosen-Alltag sei ein interessantes Thema für diese Auswandererserie, bleibt mir schleierhaft. Mich jedenfalls stößt der in martialischer Tarnuniform mit Springerstiefeln und gegelter Minimalfrisur durch das winterliche El Arenal stromernde Lothar mit seinem ihm devot ergebenen Freund Hans-Jürgen eher ab. Und so spannend ist es auch nicht, wie die beiden auf der Suche nach Kleingeld an Telefonzellen herumprökeln (Tagesergebnis: ca. 1,50 Euro) und in windigen Läden nach Gelegenheitsjobs fragen. Ihr Highlight der Woche ist ein Auftrag zur Poolreinigung in einer 10 km entfernten Villa, zu der sie zu Fuß latschen müssen, weil sie kein Autofahrer als Anhalter mitnehmen will. Die so verdienten 35 Euro werden im Supermarkt postwendend in deutsches Bier und Grünkohl (!) umgesetzt und ab geht’s zum gemütlichen Tagesausklang in die heimische Höhle. So ein Leben kann man ja wohl kaum als geplante Auswanderung bezeichnen, die bedauernswert verunglückten Biografien von Lothar und Hans-Jürgen gehören meines Erachtens eher in eine Sozialreportage über die Schattenseiten der Balearenmetropole.

    Und auch die dritte Geschichte der heutigen Folge zeigt keine Neuauswanderer. Jürgen und Phoo Füller betreiben bereits seit drei Jahren ein Hotel-Resort im bergigen Norden von Thailand und sind schon in früheren Folgen von “Mein neues Leben” aufgetreten. Für dieses Mal sieht das Drehbuch die Errichtung zweier neuer Bungalows in dem ehemaligen Reisfeld vor, aus dem inzwischen eine Art Hotelanlage geworden ist. So weit, so langweilig. Im Grunde genommen geht es in dieser Geschichte um Jürgens stetigen, aber vergeblichen Kampf als pingeliger, pünktlichkeitsgewohnter Diplom-Kaufmann gegen die allgemeine Lahmarschigkeit in der neuen Heimat, wobei seine einheimische – und erheblich jüngere – Ehefrau immer etwas zwischen beiden Welten hin- und hergerissen zu sein scheint. Im Vergleich zu früher ist Jürgen in seinen Ansprüchen allerdings schon erkennbar milder geworden, vermutlich bleiben die Jahre im feucht-warmen Klima Thailands auch mental nicht ganz ohne Folgen.

    Einen Vorzug haben Follow-Up-Stories aus der “was macht eigentlich…”-Kiste natürlich für den Sender: Man kann ellenlange Rückblicke aus den früheren Folgen zeigen. Wir erleben also noch einmal mit, wie Jürgen mit Frau und Kind vor drei Jahren bei den Schwiegereltern in den Reissümpfen ankommt und zunächst mit einer kleinen Nothütte vorlieb nehmen muss. Das eigentlich schlüsselfertig erwartete eigene Hotel ist nämlich nicht nur nicht fertig, sondern wurde noch gar nicht begonnen, ja noch nicht einmal genehmigt. Ich frage mich bei dieser Gelegenheit, für wen der Kulturschock eigentlich größer ist, für Jürgen, der aus seiner durchorganisierten deutschen Heimat direkt in ein knietief unter Wasser stehendes Reisfeld umzieht oder für Phoo, die irgendwie ihren Eltern verklickern muss, weshalb sie aus Deutschland mit einem grauhaarigen Zausel zurückkommt, der altersmäßig glatt ihr Vater sein könnte. :-)

    Für die mediale Vermarktung etwas hinderlich ist, dass Phoo bedauerlicherweise gar nicht so ein fieses Deutsch spricht wie Narumol, unsere Thailänderin der Herzen aus “Bauer sucht Frau“. Im Gegenzug scheint Jürgen allerdings noch immer nicht der thailändischen Sprache mächtig, Phoo fungiert für alle seine umfassenden Anweisungen an die Bauarbeiter als Dolmetscherin. Und sie übersetzt auch Jürgens schroffe Befehle in eine kompatible Sprache, so dass die einheimischen Bauarbeiter bei Kritik nicht gleich ihr Gesicht verlieren. Ob das möglicherweise auch eine Ursache für die diversen Missverständnisse ist, die hier an der Tagesordnung zu sein scheinen, kann nur vermutet werden.Vielleicht hat Jürgen aber auch mit seiner unausgesprochenen Vermutung Recht, dass hier sowieso alle dämliche Pfuscher sind, zumindest scheint er das zu denken, wenn er wie ein Feldherr mit strengem Blick und Maßband über seine Baustelle schreitet.

    Heute erregt der zu geringe Abstand zwischen den neuen Bungalows Jürgens Missfallen. Warum er das erst jetzt bemerkt, wo die Fundamente – oder wie man die Löcher mit plattgeklopfter Erde hier nennt – schon fertig sind, bleibt sein Geheimnis. Er genießt jedenfalls sichtlich seinen Triumph, einen Fehler gefunden zu haben. Ja, so sind wir Deutschen eben, lieber Recht behalten und einen Freund verlieren, als anders herum… Phoo kriegt es jedenfalls auf diplomatische Art hin, dass der düpierte Bauleiter den Bungalow-Grundriss noch einmal neu absteckt. Zur Belohnung darf die gesamte Belegschaft auch im Fischteich des Hotels angeln. Sie sollten dort nur “keine Bombe oder elektrisch machen”, wie Frau Füller etwas narumolistisch einschränkt.

    Noch eine Rückblende zum Thema Pfusch am Bau: Vor zwei Jahren, beim letzten Besuch des Fernsehens, war draußen Regenzeit und auch drinnen gab es fließend Wasser, weil nämlich die Fenster nicht dicht waren, um es mal gelinde zu sagen. Jürgen kriegte schon damals wegen der thailändischen Arbeitsmentalität die Pimpernellen. Die Fenster gingen entweder nicht zu oder nicht auf, alles war aufgequollen und verzogen. Danach sollten die Fenster auf “Bitten” des Deutschen ausgetauscht werden und weg sind sie auch tatsächlich, allerdings gab es inzwischen auch keinen richtigen Ersatz, das Glas in den Rahmen fehlt immer noch.

    In der nächsten Sequenz bereiten sich Jürgen und Phoo auf die Ankunft einiger Investoren vor, denen sie eine Beteiligung an ihrem Hotel schmackhaft machen wollen. Zwischendurch fällt mal wieder der Strom aus, was bei Jürgen zu einigen cholerischen Anwandlungen führt. Danach müssen sie die Trümmer eines Wegweisers zusammensammeln, der den Weg von der Hauptstraße zu ihrem wohl doch etwas abseits gelegenen Hotel erleichtern soll. Irgend ein Hirbel macht sich scheinbar einen Spaß daraus, das Teil in regelmäßigen Abständen zu zerpflücken, was Jürgens Begeisterung für Land und Leute nicht wesentlich verbessert.

    So, wenn man nun denkt, kurz vor dem Ende der zwei Stunden “Mein neues Leben” würden nun alle offenen Punkte der Stories geklärt und das wäre es dann, sieht man sich schwer getäuscht, um nicht zu sagen: enttäuscht. Kabel Eins hat nämlich das Konzept der Sendung geändert, in der nächsten Woche geht es laut Vorankündigung WEITER mit der Thailand- und mit der Mallorca-Geschichte. Also gibt es nicht nur keine richtigen Neuauswanderer mehr, sondern die ohnehin schon sterbenslangweiligen Stories werden auch noch zu endlosen Serien verlängert. So ein Mist!!! Glauben die vom Fernsehen echt, irgendwen interessiert es, ob die Grottenolme in El Urinal auch in der nächsten Woche ranziges Fleisch aus dem Container ziehen oder ob unsere fleißigen Reisfeldbewohner in Thailand-Nord einen Teilhaber finden? Wenigstens hat man Florida-Thomas abgesägt, aber der hat eh schon alles gesagt und gezeigt, im wahrsten Sinne des Wortes ALLES. Und was verbindet die drei Stories? Klar, in allen Geschichten liefern herrisch-überhebliche Deutsche die Fremdschämmomente, deshalb auch der ironische Titel dieses Blogs.

    Schade, früher war diese Serie mal ein interessantes Format, man konnte vom Sofa aus mit den Auswanderern mitzittern oder sich genüsslich über ihre Blödheit beömmeln. Offenbar hat das Fernsehen diese Spezies Mensch aber inzwischen bis zur Ausrottung gejagt und die heutige Sendung ist nun das Ergebnis. Wenn das in den nächsten Wochen nicht besser wird, kann mir “Mein neues Leben”, was das Bloggen anbetrifft, mal gepflegt den Buckel runterrutschen. :-(

  • Die letzte Auswandererdoku auf Kabel1 hätte ich mir auch schenken können – hätte ich doch nur auf meinen eigenen Blog der letzten Woche gehört! Schon im Teaser war klar, dass wir es heute weder mit Überfliegern noch Vollpfosten zu tun haben. Nicht mal das Auswanderungsziel war exotisch: Gran Canaria, gefühlt ja ein Zipfel von Süddeutschland. Wenn ich ganz ehrlich bin, und das sind wir im Internet ja alle, bin ich sogar beim ersten Ansehen eingeschlafen und komme deswegen erst heute dazu, diese Folge zu belästern.

    Also, das mittelalterliche Pärchen Britta und Wigand hat vom sicheren Einkommen und dem grauen Wetter in Deutschland die Nase voll, gibt Werbeagentur (er) bzw. Piercingstudio (sie) auf und trollt sich nach Spanien. Auf den Kanaren will Britta, die sich dort den Kampfnamen “Brenda” zulegt, als Untermieterin eines Frisörladens eine Kosmetikecke aufmachen. Tja, zu früh gefreut, die Chefin des urspanischen Haarstudios “Struwwelpeter” (!) hat es sich anders überlegt und braucht den Platz jetzt selbst. Unsere beiden Auswanderer sind für ca. 5 Minuten down und überlegen dann, wie sie jetzt weitermachen können. (Überlegung am Rande: Wenn ich Wigand hieße, hätte ich mir auf jeden Fall auch einen Kampfnamen angeschafft…)

    Jetzt kommen wir zum Lowlight der Sendung, dem Moment fürs Fremdschämen: Aus unerfindlichen Gründen kennen Britta/Brenda und Wigand einen gewissen Bernie, der als stark angegrauter Jürgen-Drews-Ersatz in der deutschen Community von Gran Canaria  auftritt; man sieht ihn (Gottseidank nur sehr kurz) bei einer Open Air Unterhaltungsshow für schunkelnde Teutonen. Übrigens sollte man es sich mit Bernie nicht verderben, denn lt. Stimme aus dem Off laufen bei ihm die Fäden aller Deutschen auf Gran Canaria zusammen; das nennt man wohl einen “Paten”. Egal, zurück zu Bernies Show: Offenbar als Pausenunterhaltung verliest er zwischendurch Kleinanzeigen und stellt dem Publikum arbeitssuchende Landsleute (also Deutsche, keine Spanier) vor. Heute sind das die Powerfrau Brenda und ihr etwas hüpfig wirkender Partner.

    Bernies Direktwerbung kommt an und unsere beiden lernen so tatsächlich ein anderes Auswandererpaar kennen, das einen Beautysalon betreibt und dort noch ein Eckchen für Britta/Brenda frei hätte. Leider ist die “Location” bei näherer Betrachtung denn doch zu klein, aber der joviale Bernie lässt im Beisein der Kamera ein zweites Mal seine weitreichenden Beziehungen spielen. So bekommt Britta/Brenda in einem anderen Salon ihre Ecke, arbeitet  erfolgreich einen Tag zur Probe und ist glücklich. Und Wigand kriegt (ebenfalls mit “Vitamin B”) einen ersten Auftrag als Werbedesigner, stellt sich dabei geschickt an und hat ebenfalls “Land in Sicht”.

    Die Story geht also gut aus und setzt in ihrer Belanglosigkeit die negative Entwicklung der letzten Wochen fort. Offenbar sind Kabel1 die bunten Stories ausgegangen und deshalb versendet man nun auch Geschichten, die eigentlich im Flusensieb des Langeweilefilters hängen geblieben sein sollten. Aber eine Sache macht mich hoffen: Die ganze Story spielt komplett in einer “deutschen Blase”, nicht ein einziges Mal kommen echte Spanier vor. Vielleicht ermutigt Kabel1 damit mehr Leute, in Länder auszuwandern, deren Sprache sie eigentlich gar nicht sprechen. Das gäbe endlich wieder Reinfälle vom Feinsten und wir hätten was zu lachen… :-)

    Tags:

  • Heute gehören die 45 Minuten ganz einem ziemlich unspektakulären Fall. Die sympathischen Schwaben Andreas und Sandra Kanape ziehen mit ihren drei Söhnen Kevin, Steven und Raven in die kanadische Prärie. (Beim Nachlesen dieses Blogs frage ich mich, warum ich über die blöden Namen eigentlich keinen miesen Witz gemacht habe? Vielleicht werde ich ja langsam älter und vernünftiger… ;-) )

    Der Familienvater ist arbeitslos und hat von Deutschland aus bei einem kanadischen Baumaschinenhersteller als Schweißer angeheuert. Die Kanapes waren noch nie in Kanada und haben auch nur 3.000 Euro Startkapitel – das reicht bei Kabel1 normalerweise für eine Auswanderung mit Bauchlandung erster Klasse. Als dann auch noch gezeigt wird, wie sie ihren Hausrat in der alten Wohnung in 20kg-Portionen für den Postversand zerlegen, fängt bei mir im Hinterkopf schon der übliche Loser-Film an mit nicht ankommenden Paketen und/oder total zertöppertem Inhalt beim Öffnen in Kanada.

    Aber weit gefehlt, denn die Kanapes sind nicht ganz so doof, wie so manche Deppen, denen wir per Fernsehen schon beim Umzug ins Ausland über die Schulter gucken durften. Als aufmerksamer Zuschauer dieses Genres hat man inzwischen begriffen, dass der wichtigste Erfolgs- und Misserfolgsfaktor die Beherrschung der zukünftigen Landessprache ist. Und siehe da, das funktioniert, und nicht nur die Eltern, sogar die beiden älteren Söhne können ausreichend Englisch. Und utopische Ansprüche stellen sie auch nicht. Die öde, verschneite Landschaft finden sie toll, wenn auch der Vergleich etwas schräg ist: “Sieht aus wie die Ostsee, nur größer”. Hä?

    Sie bekommen von der Firma für den Übergang ein Haus gestellt, allerdings ohne Möbel. Sie fahren los und kaufen sich für umgerechnet 120 Euro im Second-Hand-Laden fast einen ganzen Hausstand. A propos Fahren: Einen dicken Wagen, der eigentlich gar nicht in ihr Budget passt, kaufen sie sich auch. Und am Ende finden sie sogar noch ein Neubauhaus zur Miete, was in Kanada wohl ziemlich selten ist.

    Mit den eigentlich zugesagten Jobs für Mutter Sandra und Sohn Kevin klappt es dann doch nicht gleich, aber Kevin kann vielleicht demnächst im örtlichen Supermarkt als Verkäufer anfangen. Somit geht so ziemlich alles gut aus und man fragt sich als schadenfroher Mediengaffer auf Katastrophensuche, weshalb man sich dieses Stückchen Heile Welt eigentlich angesehen hat.

    Also, folgende Erkenntnis ziehe ich aus diesem Filmchen: Wenn nicht schon im Vorspann herauskommt, dass die Auswanderer die Sprache nicht können und keine Nervenzusammenbrüche angekündigt werden, spare ich mir zukünftig die 45 Minuten. Schließlich gucke ich mir diese Sendungen doch nur an, um darüber zu lachen, wie ein paar Vollspacken mit einem Köpper in der Scheiße landen. Oder?

  • Entgegen dem Serientitel geht es in der heutigen Folge gar nicht um ein "neues" Leben, die beiden vorgestellten Auswandererpaare sind nämlich schon das dritte Jahr in Spanien bzw. seit 11  Jahren in Thailand. Aber egal, für die mediale Verwurstung im 45-Minuten-Format reichen die eigentlich banalen Schicksale gerade noch aus. Dabei hat man wieder schön nach dem Halb-und-halb-Prinzip gearbeitet: einem Loser wird ein Gewinner gegenübergestellt.

    Der Gewinner ist ganz klar Holger, der auf der Insel Phuket mehrere Tauchschulen betreibt und in ein paar Tagen auch die Tauchkurse in einem Fünf-Sterne-Hotel übernehmen soll. Dabei geht hier und da etwas schief, die Ausrüstungen kommen erst nicht und sind dann falsch zusammengebaut, ein Tauchlehrer wird krank und es fehlen noch Möbel in der neuen Location. Gääääähn… Das Ganze ist an Dramatik nur schwer zu unterbieten und hält einen kaum wach.

    Aber für die Spannung haben wir ja die Loser: Den Part übernehmen heute Norbert und Erika Meny, die vor drei Jahren aus nicht klar nachvollziehbaren Gründen ihre Jobs als Banker und Versicherungsangestellte in Deutschland gekündigt haben. Seitdem tingeln sie als Straßenkünstler durch Benidorm an der Costa Brava und leben buchstäblich von der Hand in den Mund. Die Tageseinnahmen liegen typischerweise bei 20 Euro, bei schlechtem Wetter auch weniger. Das reicht nicht mal in Spanien zum Leben und so haben Norbert und Erika jetzt eine neue Idee ausgetüftelt: Sie gründen den kleinsten bayerischen Biergarten der Welt um endlich an das große Geld heranzukommen.

    Auf dem Sperrmüll haben sie einen Grill, einen Tisch und Stühle gefunden, die werden nun weiß-blau angemalt. Die aus Deutschland per Internet bestellten Würstchen kommen erst mit Verspätung und dienen damit als Cliffhanger für eine Werbepause. Später sieht man die beiden Bayern in Lederhose und Dirndl, wie sie an der Strandpromenade laut jodelnd Flyer für ihren 4-Personen-Biergarten an die verschreckten Passanten verteilen. Ein echter Moment zum Fremdschämen…

    Ein weiterer solcher Moment kommt, als sie zu einem (britischen) Getränkegroßhändler gehen, bei dem sie sich vorher dick als neue Biergartenbesitzer angekündigt haben. Der Händler ahnt das Geschäft seines Lebens und hat fässerweise bayerisches Bier bereit gestellt. Sehr peinlich, wie Norbert dann kleinlaut – auf englisch – die Mickrigkeit seiner wirtschaftlichen Existenz zugeben muss und mit ganzen zwei Kisten wieder abzittert.

    Am Vorabend regnet es noch und Norbert und Erika sind verzweifelt, aber am Eröffnungstag ist es trocken. Die beiden bauen ihren einzigen Tisch mit Sonnenschirm und vier Stühlen auf, drapieren alles mit bayerischen Fahnen und schalten den Verstärker ein. Dann nervt Norbert die umstehenden Spanienurlauber mit seinem Gesang "In München steht ein Hofbräuhaus", hakt sich bei allen Passanten unter, die nicht schnell genug weg sind, und nötigt sie zum Wurstessen und Weißbiertrinken.

    Am Ende des Tages haben die beiden 35 Euro Umsatz gemacht und verbuchen den scheinbar als Gewinn, denn von den Kosten für Wurst, Bier und Standmiete ist keine Rede mehr. Etwas üppiger hätte es sein können, aber man schiebt das auf den doofen Standplatz. Ich tippe mal, demnächst sehen wir Peter Zwegat oder den helfenden Hagen, wenn sie per Flipchart den zwei Trachtenträgern erklären, wie sie das Geld für die Heimfahrt nach Deutschland zusammensparen können…

  • Die Globalisierung schreitet voran, wie man der gestrigen Folge von "Unser neues Leben" entnehmen konnte. Mal wieder wurden abwechselnd zwei Auswandererschicksale ans Licht der Weltöffentlichkeit gezerrt, die auf den ersten und zweiten Blick wenig spektakulär wirkten, aber für Otto Normalglotzer mit Sitzlähmung gerade noch annehmbar aufbereitet wurden.

    Die erste Story ist eher nicht so der Bringer und spielt in den USA. Eine deutsche Auswandererin, Mitte vierzig, ehedem Verwaltungsangestellte, ist jetzt in Texas als Polizistin tätig. Aus irgend einem Grunde will sie nach Kalifornien ziehen und dort wieder Polizistin werden. Per Internet hat sie einen deutschen Auswanderer ausfindig gemacht, der dort Polizist ist und besucht ihn für ein paar Tage.

    Sie fahren zusammen Streife durch die nächtlichen Problembezirke der Stadt und erzählen sich gegenseitig die gruseligsten Fälle aus ihren Revieren. Als mal ein Einsatzbefehl kommt, springt der Typ mit Taschenlampe und gezogener Wumme aus dem Auto und pirscht sich durch einen Trailerpark (sinnvollerweise unter voller Beleuchtung des Fernsehteams!). Die Frau bleibt dabei schön im Auto, denn sie hat ihre kugelsichere Weste nicht dabei.

    Am nächsten Tag machen beide Schießübungen in der Wüste, wobei er gnadenlos abstinkt. Seine Hoffnung, sich demnächst für ein SWAT-Team zu bewerben, erfahren einen Dämpfer, während sich die Frau über ihn beömmelt.

    Wie gesagt, das sind Dinge, die man sowieso nicht wissen wollte und jetzt auch getrost wieder vergessen kann. Wenden wir uns also dem interessanteren Fall zu, einem Pärchen aus Ostberlin, das seit drei Jahren in Paguera/Mallorca das Strandcafé "Schwarzwald" betreibt.

    An einem regnerischen Tag eröffnen sie das erste Mal seit der Weihnachtspause ihr Lokal. Draußen regnet es und drinnen ist die Stimmung auch ziemlich düster: Die Lieferanten haben (mal wieder) mehrere Sachen vergessen und müssen nun telefonisch angeraunzt werden. Aus dem Off kommt dazu die hämische Bemerkung, dass die beiden auch nach drei Jahren auf der Insel noch immer kein Spanisch können! Aber man hat ja Erfahrung mit der Improvisation: Als der Lieferant bald leibhaftig vor ihnen steht, holen unsere beiden schnell den niederländischen Ladenbesitzer von nebenan, verklugfiedeln dem die Lage auf Deutsch mit heftigem Berliner Akzent, der übersetzt das im Kopf auf Holländisch und erklärt dann auf spanisch dem Lieferanten, dass die Kaffeesahne – oder was auch immer – noch fehlt.

    So weit, so gut. Der Laden läuft trotz oder gerade wegen des Wetters ziemlich ordentlich und so kann man sich der nächsten Baustelle widmen: Man ist das dauernde Kuchenbacken leid, daher soll ein Bäcker eingestellt werden. Wohl angeregt durch die Casting-Schwemme im Fernsehen (oder gescriptet durch die Autoren dieser Sendung?), hat man sich dazu ein Wettbacken ausgedacht. Die zwei etwas nach Lebenskünstlern aussehenden deutschen Konditoren Lasse und Steven sollen im Keller des Café probeweise mehrere Torten produzieren; nach der Verkostung erhält der Gewinner dann einen festen Arbeitsvertrag.

    Leider haben die Herren das Prozedere nicht ganz verstanden, denn sie teilen sich die Arbeit an den Torten freundschaftlich. Der eine macht die Böden, der andere später die Füllung und die Glasur. Es gibt zwar eine kleine Meinungsverschiedenheit über den richtigen Kirschwassergehalt der Schwarzwälder Kirschtorte, aber dann geht es sofort weiter. Zwischendurch kommt die Chefin mal kurz vorbei und wundert sich etwas über die kollegiale und beschwingt-lockere Art der beiden, sagt aber nichts. Auch den etwas verwaschen klingenden Hinweis auf das ausgegangene Kirschwasser überhört sie offenbar…

    Zum großen Finale kommen beide Teigkünstler mit ihren Machwerken wieder an die Erdoberfläche und servieren die Kuchenstücke. Das Chefpärchen hat als Jury drei ebenfalls kräftig östelnde Bekannte hinzugebeten, die so aussehen, als ob sie öfter mal bei Esswettbewerben mitwirken. Nachdem der Geschmackstest zu keinem eindeutigen Ergebnis kommen konnte – weil beide Kandidaten an allen Torten gebastelt hatten – stand dann plötzlich doch ein Ergebnis fest: Einer der beiden hatte noch vier Wochen Kündigungsfrist und der andere war sofort frei. Weil die Stelle sofort besetzt werden sollte, war damit der Fall klar: And the Winner is Steven!