Frohe Ostern, liebe DSDS-Fans,
vorweg: wegen der Osterfeiertage habe ich leider nicht ganz so viel Zeit und werde mich deshalb heute etwas kürzer fassen, als Ihr es sonst gewöhnt seid. Aber nur etwas.
Von Feiertagsruhe ist bei “Deutschland sucht den Superstar” nichts zu spüren, nicht einmal Marco Schreyl hat heute frei – leider. Heute geht es um das Motto “Rock, Pop, Diskofieber”, wobei jeder der verbliebenen vier Kandidaten wieder drei Titel vortragen wird. Aber zuvor läuft noch das allwöchentliche Ritual der Selbstbeweihräucherung ab: Die Willkommenszeremonie für die Jury wird so langsam richtig langweilig. Fernanda Brandao will wie immer nur sparsam bekleidet auf sich aufmerksam machen und Patrick Nuo läuft im gewollt-coolen Leder-Outfit dem eigenen Klischee hinterher, ebenfalls vergeblich. Man merkt beiden deutlich die Panik darüber an, dass sie altersmäßig inzwischen erheblich aus ihrem Zielpublikum herausgewachsen sind und ihre Karrieren zu enden drohen. Mit eigener Musik läuft derzeit nämlich nicht viel und der kurzzeitige Ruhm als Superstar-Geburtshelfer dürfte – mindestens bei Patrick – übertönt werden von einer gewissen Oberlehrerattitüde, die sich die ausgehenden Twens gegenüber ihren etwa 10 Jahre jüngeren DSDS-Kandidaten angewöhnt haben.
Dieter Bohlen ist glatt doppelt so alt wie seine beiden Jury-Statisten und drei Mal so beliebt, daher bekommt er einen eigenen Auftritt: Die Halle wird verdunkelt, dramatische Musik wird eingespielt und plötzlich tritt ein Mensch mit einem Bündel grüner Laserpointer in jeder Hand auf die Bühne. Das ist natürlich Onkel Dieter, der Schlagertrillionär aus Tötensen in der Nordheide. Das Ganze sieht ein wenig peinlich aus, so wie ein kleines Kind, das seine erste Taschenlampe geschenkt bekommen hat und nun damit im Dunkeln herumspielt. Als das Licht wieder angeht, sieht man auch noch Bohlens anachronistisch anmutendes weiß-rot kariertes Peter-Frankenfeld-Gedächtnis-Sakko. Denn doch lieber sein albern-funkelnder Pailletten-Anzug oder noch besser: “Licht aus!”…
Die vier Kandidaten kommen heute zunächst – außerhalb der Wertung – mit dem gemeinsamen Titel “Crying at the Discotheque” von Alcazar auf die Bühne. Den stärksten Szenenapplaus für seine Strophen bekommt dabei immer Pietro Lombardi, aber auch für Ardian Bujupi, Sarah Engels und Marco Angelini wird ordentlich geklatscht. Danach darf Oberjuror Dieter Bohlen inmitten hysterisch kreischender weiblicher Pietro-Fans noch ein paar salbungsvolle Worte über die heutige Musikauswahl sagen, die angeblich den Kandidaten sehr viel abverlange. Jeder müsse dieses Mal alles geben, niemand sei mehr sicher, erklärt Bohlen mit Blick auf den in der Vorwoche so unerwartet von uns gegangenen Sebastian und denkt dabei garantiert auch an die Telefoneinnahmen von RTL, die umso höher ausfallen, je mehr Leute befürchten müssen, ohne ihren persönlichen Anruf könne ihr Favorit ausscheiden. Wäre mal interessant zu wissen, ob Onkel Dieter von RTL wohl ein paar Prozentchen der Telefongebühren abbekommt?
Als erster Kandidat geht heute Marco Angelini, der angehende Arzt und selbsternannte “Rocker” aus Österreich, ins Rennen. Er hatte ja in den letzten Shows deutliche Kritik einstecken müssen, sowohl wegen einer gewissen Schläfrigkeit, die seine Auftritte ausstrahlen, als auch wegen eines richtig fetten Patzers bei dem Titel “Hollywood Hills” von Sunrise Avenue am vergangenen Sonnabend. Warum trotzdem nicht er, sondern der vergleichsweise brillante Sebastian Wurth rausflog, wird ewig ein Rätsel bleiben. Sein erster Titel heute Abend ist “Angels” von Robbie Williams, ein Lied eher aus der langsamen Ecke, dessen Kraftlosigkeit die Jury auch nicht wirklich begeistert, am ehesten ist – man glaubt es kaum – Dieter Bohlen auf seiner Seite.
Danach tritt Ardian Bujupi auf, der erfolgreich seinen Ruf als Macho wider Willen kultiviert. Er singt zuerst “Here without you” von 3 Doors Down, eine langsame Gitarrenrocknummer, bei der in den leiseren Passagen die beständigen Juchzer seiner weiblichen Anhängerschaft stören. Und gekreischt wird von denen immer, bei jeder noch so kleinen Bewegung ihres Stars. Der will das aber auch nicht anders und hat sich in ein ärmelloses Shirt gezwängt, damit er ja auch allen die Ergebnisse seiner Besuche im Fitnessstudio präsentieren kann. Dieter Bohlen ist trotz der lauten “Zugabe”-Rufe aus dem Publikum nicht restlos zufrieden, Ardian eiere – passend zu Ostern – immer noch zu viel mit den Tönen herum, da sei ihm Marco technisch wirklich überlegen.
Der absolute, wenn mir auch unerklärliche, Favorit für die DSDS-Krone 2011 ist Pietro Lombardi. Er fühlt sich vermutlich schon so sicher, dass er heute mit “Just a Gigolo” von David Lee Roth, dem singenden Rest der Hardrock-Formation Van Halen, einen echten Fehlgriff riskiert. Das Lied ist nichts für ihn, er leiert häufig haarscharf am richtigen Ton vorbei, der Text sitzt offensichtlich auch nicht hundertprozentig und von Performance kann keine Rede sein. Pietro sieht mit seinem weißen Glitzersakko und dem silbernen eimerartigen Zylinderhut auf der Bühne etwas deplatziert aus, wie er so den Tänzern um sich herum bei der Arbeit zusieht. Naja, dem Publikum ist das völlig schnuppe, die kreischen und johlen trotzdem bei jeder Äußerung des 18jährigen. Patrick Nuo hat offensichtlich mit dem Leben abgeschlossen, wagt sich nach dem Ende des Titels aus der Deckung und kritisiert, das sei eine absolute Witzbold-Nummer gewesen, Pietro könne viel mehr und deshalb sei das einer seiner miesesten Auftritte bisher gewesen. Das Publikum pfeift entrüstet ob dieser blasphemischen Gotteslästerung!!! Fernanda beeilt sich daher, die letzten fünf Minuten schönzureden, Pietro stehe eben für gute Laune “There’s nobody like Lombardi!”. Gut gemacht, nun klatschen die Zuschauer wieder. Auch Dieter biedert sich selbstverständlich beim Zeitgeist an, denn davon lebt er schließlich (ziemlich gut). Er sehe das alles positiv, sagt er, wolle bei DSDS auch mal lachen und “nicht immer diese Betroffenheitsscheiße”, die man sonst dauernd im Radio hören könne. Würde Pietro bei gleicher Popularität nur depressive Lieder singen, dann hätte Bohlen garantiert genau das Gegenteil gesagt. Oder mit den unsterblichen Worten von Pippi Langstrumpf: “Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt!”
Die letzte in der ersten Runde ist Sarah Engels. Nach einem kurzen Exkurs über ihr Tanz-Unvermögen steigt sie mit “I’m so excited” von den Pointer Sisters in das Rennen um das Halbfinale ein. Weshalb sie, die auf der Bühne am liebsten nur den Mund bewegt, sich gerade eine ausgesprochene Tanznummer ausgesucht hat, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Okay, sie turnt ein bisschen rhythmisch mit dem RTL-Cheftänzer herum, aber ansonsten lässt sie eher die anderen machen und folgt damit dem Beispiel des Staffel-Neunten Marvin Cybulski, der wegen seines unterentwickelten Bewegungsdrangs beständig in Gefahr war, als Immobilie ins Grundbuch eingetragen zu werden. Patrick und Fernanda registrieren bei Sarah ein gewisses Bemühen, die Kritik der Vorwoche umsetzen zu wollen, aber Mühe allein genügt bekanntlich nicht. Onkel Dieter kommt dagegen wieder als Exekutor, er bedauere beinahe, der Kandidatin beim letzten Mal zu mehr Choreografie geraten zu haben. Sie sei und bleibe ein “Bewegungslegastheniker”, könne ja nicht mal im Rhythmus gehen, solle es lieber bleiben lassen und sich nur allein auf die Stimme konzentrieren.
Zweite Runde, es geht weiter beim Ösidoktor Marco Angelini mit “How you remind me” von Nickelback: Ein weiterer nichtssagender Auftritt, der bei keinem Zuschauer im Gedächtnis haften bleiben dürfte, höchstens wegen der schwarzen Lederjacke mit den unpassenden roten Fransen an den Ärmeln. Trägt man sowas jenseits der Alpen etwa noch? Lauwarme Kritik der Jury, Patrick – wie so oft – negativ, Fernanda – wie eigentlich immer – positiv und Dieter stellt das Gesamtkonstrukt Marco infrage: Er sei kein Hardrocker, höchstens ein Schmuserocker und habe außerdem diesmal viele Töne versemmelt. Fazit: Daumen runter!
Mit “Fairytale” hatte der fiedelnde Grinse-August Alexander Rybak 2009 den Eurovision-Song-Contest für Norwegen gewonnen. Im Jahr darauf siegte bekanntlich die Deutsche Lena Meyer-Klappstuhl und verteidigte den Titel danach dank der Versessenheit und Geschäftstüchtigkeit ihres Mentors Stefan Raab fünf Jahre lang immer wieder aufs Neue. Erst 2016 wurde die Dominanz des Kölner Metzgersohns dann von seinem Intimfeind, dem dauerbeleidigten Schlagerkomponisten Ralph Siegel, brutal beendet, der für Österreich mit einem Quintett alleinerziehender, lesbischer, veganer Rollstuhlfahrerinnen mit Migrationshintergrund antrat, für das er in jahrelanger Arbeit einen Protestsong gegen Atomenergie, Massentierhaltung und die Erhöhung der Vermögenssteuer auf spanische Immobilien maßgeschneidert hatte. Aber ich schweife ab, zurück zu “Fairytale”: Diesen Titel, den jeder radiohörende Mensch anno 2009 vermutlich bereits bis zum Ohrenbluten genießen durfte, singt jetzt unglaublicherweise Ardian Bujupi und kann damit entweder grandios auf die Nase fallen oder seinen Platz im ewigen DSDS-Olymp sichern, dazwischen gibt’s eigentlich nichts. Er imitiert den kleinen Norweger mit den weißrussischen Wurzeln dabei sehr genau, bis hin zu den gepressten hohen Tönen, die auch im Original immer ganz leicht “drunter” hingen. Und Ardian tanzt. Er dreht sich dabei mit ausgebreiteten Armen schnell auf der Stelle, es sieht aus wie bei einer Balkanhochzeit, wie Dieter Bohlen hinterher befindet. Und ein paar weitere schräge Töne hat er auch noch ausgemacht. Der Titel passe so gut zu Ardian wie Currywurst zu Schlagsahne und habe bei DSDS eigentlich sowieso gar nichts zu suchen.
Bohlens Knuddelchen Pietro Lombardi wird in einem tränenrührenden Einspieler gezeigt, wie er im RTL-Kandidatenknast (angeblich) überraschenden Besuch von seiner kleinen Schwester Sarah bekommt. Die erweist sich als genetisch extrem verwandt, jedenfalls saut sie sich beim Ostereierausblasen genauso mit Dotter ein, wie zuvor ihr großer Bruder. Letzterer darf dann im Hasenkostüm noch ein bisschen die U7-Zielgruppe auf die Feiertage einstimmen. Uiiiii, ist der niedlich und so schön tolpatschig, Mammi-Mammi, darf ich für Pietro anrufen? Bitte, bitte, bitte!!!! Der allseits geliebte Kandidat bringt nun mit goldener Glitzerjacke und roter Hose “You are not alone” von Michael Jackson, einem im Nachhinein angesichts dessen traurigen Schicksals ziemlich nachdenklich machenden Titel. Musikalisch finde ich die Nummer eher flau, wieder eiert Pietro um den richtigen Ton herum, oft ohne ihn zu treffen, aber was macht das schon? Lombardi hat in Onkel Dieter inzwischen einen verlässlichen Paten und der verhindert jede substanzielle Kritik durch die anderen Jury-Kasper.
Sarah Engels muss für den Einspieler ein Boxtraining bei Regina Halmich absolvieren, die es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht hat, ihre Geschlechtsgenossin für den harten Kampf gegen Dieter Bohlen fit zu machen. Keine Ahnung, was das hier soll, genau genommen natürlich doch: Es liefert die fadenscheinige Begründung für ein paar bunte und bewegte (!) Sarah-Bilder. Die bringt heute als Abschluss der zweiten Runde “Eye of the Tiger” von Survivor, was aus dem Soundtrack zum Boxfilm Rocky III des bekannten Friedensaktivisten Sylvester Stallone stammt. “Boxfilm” könnte wieder auf Sport und Bewegung hindeuten, aber natürlich nicht bei Sarah. Bohlen ätzt etwas, “das war eher »Osterei of the Tiger«”.
Vor seinem dritten Titel müssen wir Marco Angelini im Einspieler noch beim Überlebenstraining in den Wald begleiten. Megaspannend, wie er mit seinem seppeligen Coach Feuer macht und Schnecken und Würmer frisst. Aber vielleicht braucht er das ja zukünftig, wenn RTL ihn irgendwann zur Superstar-Resteverwertung in den australischen Dschungel schickt? Da könnte man meiner Meinung nach auch gern den Song “Born to be alive” von Patrick Hernandez endlagern, der nervt schon im Original kolossal und wird in der Interpretation von Marco auch nicht besser. Im Stil eines Ferienclub-Animateurs singt er die Nummer zu Tode, auch wenn Onkel Dieter ihm hinterher bescheinigt, das sei heute sein bester Titel gewesen.
Ardian Bujupi darf in seinem Einspieler – aber auch nur dort – wieder in ein Auto einsteigen und damit seinen Machismo unter Beweis stellen. Im “echten” Leben hat ihn die Staatsanwaltschaft momentan zum Fußgänger degradiert, aber vielleicht kann er sich ja demnächst von seinen Plattengagen einen Chauffeur leisten… Im Live-Interview darf einer der möchtegern-coolen Kumpels mit Dreitagebart-Frisur auf dem Kopf seine vollverspiegelte Sonnenbrille vorführen und sich dabei so richtig schön lächerlich machen. Ardian singt danach den schwitzigen James-Brown-Soul-Klassiker “Sex Machine”, der bei der Jury einhellig zu Begeisterungsausbrüchen führt.
Mittlerweile scheint Pietro Lombardis ganzer Clan bei DSDS eingemeindet zu werden. Nach seiner ostereierblasenden Schwester lernen wir nun auch noch Tante Scarlet aus Amerika kennen, die extra eingeflogen wurde, um ihren Neffen mal live singen zu hören, nämlich “Gimme Hope Jo’anna” von Eddie Grant. Und diesmal singt er nicht nur, sondern pfeift zwischendrin sogar noch eine Strophe, was natürlich im Bezug auf das lästige Textlernen eine wesentliche Erleichterung für den vergesslichen Pietro darstellt. RTL fährt alles auf, was man zur Unterstützung eines zukünftigen Superstars so machen kann: Kunterbuntes Kostüm, knalliges Bühnenbild, Kinderchor und viele bunte Luftballons, die zum Ende von der Decke fallen. Der Kandidat scheint selbst begeistert von seinem Titel, das Publikum feiert ihn frenetisch und die Jury ist, Dieter sei Dank, völlig gleichgeschaltet zufrieden.
Den Ausputzer macht Sarah Engels. Nachdem wir im Einspieler erleben können, wie sie von den drei Herren der Schöpfung mit Fußmassage, Maniküre und kollektivem Ansehen von Frauenfilmen (hier: “Titanic”) verwöhnt wird, hören wir “A Moment like this” von Kelly Clarkson. Die ruhige Ballade ist wieder etwas für fußfaule Interpreten, die Choreografie für überflüssigen Schnickschnack halten. Okay, die Stimme ist natürlich ziemlich großartig, daran kann nicht mal ich etwas zum Meckern finden, aber immer nur große Gefühle? Das wird auch irgendwann langweilig. Die Jury ist aber durchgehend zufrieden, spricht von “Gänsehaut” und “fantastischer Leistung”.
Das war’s, alle Titel sind gesungen, jeder Einspieler gesendet, jeder derbe Vergleich von Bohlen aus dem Mülleimer hervorgewürgt und endlich kann Pietro seinen knappen Gedächtnisspeicher wieder für wichtigere Dinge freiräumen. Aber keine Mottoshow ohne Kandidatentod – jedenfalls fast keine… Vorbei am RTL-Comedy-Block, bestehend aus einer extrem undürren Dame im hautengen rosa Jogginganzug namens Cindy und einem unvorteilhaft frisierten Hänfling mit großkariertem Strickpullunder, spule ich direkt vor in die Verkündung des Ergebnisses, das diesmal eigentlich keine große Überraschung birgt: Marco Angelini darf sich fortan wieder ganz seinem Medizinstudium widmen, die Zuschauer schicken ihn heute nach Hause.
So, bis denne, wir sehen bzw. lesen uns nächste Woche wieder im Halbfinale, dann ist es nur noch eine Woche hin bis zu Pietros Gewinn der diesjährigen DSDS-Krone.





