Liebe Leute,
ganz üble Nachricht aus der Küche: Die aktuelle Restauranttester-Staffel geht heute zu Ende, Christian Rach zieht sich nach dieser Folge in die verdienten Ferien zurück. Und traditionell besucht er zum Staffelende immer ein paar alte Klienten aus früheren Jahren und sieht dort nach, ob seine Veränderungen noch Bestand haben. Das ist für ihn angenehm, denn er muss keine neuen Ideen entwickeln und auch RTL liebt aus nahe liegenden Gründen solche Folgen, die man im Wesentlichen billig aus dem eigenen Archiv zusammenpfriemeln kann.
Heute startet die “Was macht eigentlich…?”-Runde im malerischen Kappeln an der Schlei. Rückblende: Rach kommt in die “Alte Schiffsgalerie” und ärgerte sich sofort vor allem über die Speisekarte. Pangasiusfilet, tiefgefroren aus Vietnam importiert, serviert in einem norddeutschen Hafenrestaurant, so etwas mag der Meister ganz und gar nicht. Und der tatsächlich hier bei uns heimische Dorsch schmeckt ihm ebenso wenig, nach dem letzten Gang, “Rosis Pfeffertopf”, balanciert er gar den Teller mit der Gaumenbeleidigung auf drei Fingern zurück in die Küche. Also alles wie gehabt, hundert Mal gesehen, aber immer wieder schön. In der Küche kommt dann die Überraschung, Wirtsfamilie Ludwig praktiziert nämlich Rollentausch: Vater und Mutter spielten Koch und Köchin, haben das aber nie gelernt, der Sohn hingegen mimt den Kellner, ist aber eigentlich Koch von Beruf. Verkehrte Welt. Kein Wunder, dass es in der “Alten Schiffsgalerie” fast nur Dosenfutter gibt, was anderes kann die Küche nicht. Rach organisiert ein Wettkochen zwischen Mutter und Sohn, dass klar zugunsten des Sohnes ausgeht. Er schlägt vor, der 28jährige Markus solle die Leitung der Restaurantküche übernehmen und die Mutter dafür den Service, aber das will die Dame zunächst nicht. Nach einigen Tränen setzt sich der Hamburger schließlich durch, und statt Pulver und Dosenfraß gibt es nun viel mehr frische Zutaten, was die Gäste zur “Wiedereinweihung” drehbuchgerecht mit einem heftigen Applaus belohnen.
Zurück im Hier und Jetzt und in der “Alten Schiffsgalerie”: Christian Rach kommt zu Besuch und kontrolliert in der Küche, dass tatsächlich Sohn Markus und nicht wieder die Mutter kocht. Dem ist so und auch die fangfrische Ostseescholle schmeckt ihm. Mutter grummelt zwar noch ein bisschen über den wohl noch immer ungeliebten Wechsel in der Verantwortung, aber das Restaurant brummt inzwischen wieder und gibt dem genialen Sternekoch damit Recht.
Das war ja fast zu leicht, gleich weiter zu Fall Numero Zwo und in die Rückblende: In Fischen im malerischen Allgäu besucht Rach nun das Hotel-Restaurant “Inselperle” von Thomas und Susanne Gast. “Zu Gast beim Gast”, was für ein Spitzenkalauer mir hier doch gleich wieder einfällt, ich bin selber ganz verblüfft, Beruf verfehlt…
Genug gelacht, zurück zur “Inselperle”, die übrigens gar nichts mit irgend einer Insel zu tun hat. Und eine echte Perle ist es bislang auch nicht. Hier herrschen neben den beiden Gästen (Achtung, Gag!) auch noch Susannes Eltern Peter und Ingrid sowie insbesondere ihre Oma Gertraud, die den ganzen Laden finanziert – denn aus eigener Kraft trägt sich das Etablissement nicht, sonst wäre Rach ja auch nicht hier. Der Besuch des Sternekochs beginnt wie immer mit der Kritik an der Speisekarte (“sieht aus wie Sau”), danach wird das Essen besprochen (“da fehlt alles”) und schließlich geht’s in die Küche, wo es aussieht wie bei den Ludolfs unterm Sofa. Der Hamburger bemerkt außerdem eine völlig zerschranzte Kinder-Spielecke, in der man nicht einmal seinen Hund Gassi gehen lassen würde.
Rach ordnet eine Neuverteilung der Zuständigkeiten in der Küche an, zukünftig soll hier Thomas das Regiment führen, statt wie bisher seine Frau Susanne, die Enkelin der Geldgeberin. Das wiederum ärgert Susannes Papi, den stinkstiefeligen Peter. Er mosert so lange herum, bis Christian Rach, dem begnadeten Gelegenheits-Choleriker, der Kragen platzt. Vor der versammelten Familie inklusive Über-Oma liest er Peter mutig die Leviten und als der dann auch noch feist aus seiner Ecke grinst, wirft er die Brocken hin und geht: “Du hast den Laden in die Scheiße geritten, mir reicht’s, auf Wiedersehen!” Miss Elli, äh Oma Gertraud bekommt nun wohl aber doch etwas Muffensausen wegen ihrer investierten Millionen und beginnt, in nicht-untertitelter bayerischer Mundart auf ihren Sohn (oder Schwiegersohn, man weiß es nicht) einzuplärren. Draußen vor dem Restaurant haben die Drehbuchschreiber dann eine leidenschaftliche Szene zwischen Susanne und Chrischan inszeniert, sie bettelt ihn an, doch nicht zu gehen, sie brauche ihn so sehr. Und natürlich lässt sich Rach, der innerlich ein reines Goldstück ist, nicht lange bitten, außerdem ist die Sendezeit ja noch nicht verbraucht. Der Hamburger sinniert und entwickelt das Konzept von der Inselperle als kinderfreundlichem Hotel-Restaurant für den schmalen Geldbeutel. (Ich wette, Peter hasst Kinderlärm und Christian Rach will ihm damit nur eins auswischen.)
Wir schalten um ins Jahr 2011, Rach ist wieder in Fischen. Susanne empfängt ihn am Eingang mit ihrem frisch geschlüpften Nachwuchs und so wie sie aussieht, ist bereits ein Geschwister unterwegs. In der “Inselperle” läuft es dagegen nicht so rund, der erhoffte Gästeansturm ist ausgeblieben, das Restaurant wurde “vorübergehend” sogar geschlossen, nur der Hotelbetrieb geht weiter. Rach fördert aus ungenannter Quelle ein paar “Liebesbriefe” zutage, die er zwischenzeitlich von Besuchern der “Inselperle” bekommen haben will. Augenscheinlich wurden sie alle von Querulanten verfasst und Susanne kann jede darin geäußerte Kritik erklären. Nur die Meckerfuzzis schrieben Briefe, die Zufriedenen genössen still, behauptet sie. Rach schaut sich im Laden um, sieht sein Konzept grundsätzlich befolgt und ermuntert Thomas und Susanne, so weiterzumachen. Von der restlichen Mischpoke ist übrigens nichts zu sehen, vermutlich verkehren die mit dem Sternekoch nur noch per Anwalt.
Der dritte Fall in seiner Erinnerungsshow bringt Christian Rach zurück ins “Maroush” nach Recklinghausen, einem hier im Blog besprochenen Fall vom Februar 2010. Wir erinnern uns: In einem Kellergelass unter der Ruhrpott-Erdoberfläche betreibt der siebenköpfige libanesische Gebrüder-Clan der Omirate ein Restaurant mit Spezialitäten aus ihrer Heimat. Organisatorisch katastrophal, zaubern die Brüder aber erstaunlich leckere Gerichte in ihrer merkwürdigen unterirdischen, leicht spackigen Küche. Rach schmeckt es, am Kochen selbst kann der momentane Misserfolg also nicht liegen. Der Grund ist aber schnell gefunden: Totales Missmanagement. Es gibt keinen Chef unter den Brüdern, die Buchhaltung in der schrankgroßen Bürokarikatur ist mit Worten nicht zu beschreiben und der ganze Laden hätte dringend eine Renovierung nötig. Rach bestimmt einen der Omirates als Häuptling, ordnet einen großen Frühjahrsputz in der Küche an und lässt vor allem den ganzen Kitsch- und Stehrumchen-Trödel aus dem Laden entfernen. Außerdem besorgt er den Brüdern von seinem RTL-Spesenkonto einen kleinen, roten Lieferwagen, mit dem sie zukünftig auf den Märkten in der Umgebung ihre libanesischen Spezialitäten auch ambulant vertickern sollen, quasi als zweites Standbein, falls das Kellerloch mal aufgegeben werden müsste. Zum Abschluss wird Rach ehrenhalber als achter Bruder in den Omirate-Clan aufgenommen. Es menschelt sehr.
Jetzt springen wir zurück in die Gegenwart. Christian Rach besucht seine “Brüder” unter der Erde und schon am Eingang wird klar: Hier ist es gut gelaufen, die Omirates haben alles richtig gemacht, der Laden brummt und hat sich lt. Off-Stimme sogar zu einem gastronomischen Highlight dieser malerischen Stadt entwickelt. Die Küche glänzt tipptopp und auch das Büro ist einigermaßen ansehnlich. “Gut, Bravo!”, applaudiert der Sternekoch und lässt sich danach von den Kochkünsten seiner Brüder kräftig verwöhnen. Wären alle Restaurants so in Ordnung, müsste er wohl Arbeitslosengeld beantragen.
Auch der nächste Fall stammt aus der letzten Staffel, es geht um das “Bundeskegelzentrum” in Augsburg, einem riesigen Laden, der den Pächter Thomas Preißler völlig überfordert. Der ist weniger Chef als Hausmeister und setzt überall im Gebäude mit Verbotsschildern persönliche “Duftmarken”. Das “Bundeskegelzentrum” hat den Charme einer ollen Turnhalle, man ahnt den Geruch des schwitzigen Gummifußbodens in der Anlage. Als Restaurantbesucher sollte man sich auf jeden Fall die Nase zuhalten – und die Ohren am besten auch. Rach schließt schnell Freundschaft mit Küchenperle Vera, die zwar nicht überragend kocht, aber den Hamburger mit ihrer mütterliche Art anrührt. Rach fängt an zu denken, was könnte man hier tun? Als erste Maßnahme soll eine (ziemlich teure) Lärmschutzwand her, die die Kegelbahnen vom Restaurant trennt. Rach spricht deswegen mit den durchweg deutlich angejahrten Vorsitzenden der hier praktizierenden Kegelvereine und macht auch im Radio einen Aufruf, ihn mit sachdienlichen Spenden zu unterstützen. Sobald die Wand steht, wird das Koch-Know-how der Küchencrew von Christian Rach persönlich auf den Stand des 21. Jahrhunderts gebracht. Ab jetzt gibt’s hier zahllose leckere Kleinigkeiten, abseits des Trubels der Kegelbahn, behauptet der Off-Mensch. Und der Name ändert sich auch, aus dem “Bundeskegelzentrum” wird die nach viiiiel mehr Spaß klingende “Kegelburg”.
Und heute? Die “Kegelburg” sieht bei Christian Rachs Besuch in dieser Staffel noch immer top aus. Zwar ist das Restaurant wegen der frühen Stunde noch leer, aber unten auf der – akustisch abgetrennten – Kegelanlage tummeln sich bereits zahlreiche Mittagsgäste in spe. Vera, Rachs Lieblingsköchin, gibt es auch noch und sie kredenzt dem Sternekoch gleich einen leckeren Mexiko-Burger – hier ist nämlich gerade “Burger-Woche”. Thomas Preißler ist vom Hausmeister wirklich zum Gastronomen geworden, veranstaltet andauernd irgend welche Aktionen, wie eben die Burger-Woche. Rach ist begeistert, hier hat sich alles großartig entwickelt. Und mit “Ich liebe es, wenn ein Plan gelingt” entschwindet der Gastropapst zu seinem letzten Kontrollbesuch.
Die heutige Folge endet im malerischen Lengerich, einem Epizentrum für alle Anhänger ungesunder Ernährung, das den Mülltv-Blog-Lesern ebenfalls aus der letzten Staffel bekannt ist. Hier nämlich hat Thomas Windmöller in seinem ungünstig in einer etwas toten Einkaufspassage gelegenen “Hexenhäuschen” eine Methode entwickelt, wie seine Gäste ohne große Mühe ihren Cholesterin-Spiegel in rekordverdächtige Höhen katapultieren können: Er tunkt einfach alles, was man hier bestellen kann, bis über beide Ohren entweder in Sauce Hollandaise oder Bolognese oder auch in beides, wenn gewünscht. Letzteres ergibt dann das Kultprodukt “Hollo-Bollo”, eine Erfindung, die dem Wirt vermutlich inzwischen den Ehrenpreis der Bundesärzteschaft eingebracht haben dürfte. Für ganz Hartgesottene gibt es übrigens auch noch Sauce Hollandaise ohne alles, also einfach nur pure gelbe Schlonze aus dem Tetrapak, dazu ein paar Brötchen. Ach ja, das hätte ich noch sagen müssen: Hier ist nichts, aber auch absolut gar nichts frisch, nicht einmal die Bratkartoffeln, alles kommt aus Tüten, Dosen, Tetrapaks oder Gläsern. Kein Wunder also, dass hier die Gäste ausbleiben, die sind vermutlich inzwischen alle an akuter Herzverfettung gestorben.
Rach kommt vorbei, stellt nach einiger Zeit aber resignierend fest, dass er weder gegen die blöde Lage des Restaurants noch gegen das kategorische Festhalten der Küchencrew an der bisherigen Hollo-Bollo-geprägten Speisekarte etwas ausrichten kann. Wenn Du einen Feind nicht besiegen kannst, musst Du Dich mit ihm verbünden. Dieser alten Weisheit folgend, ergreift Christian Rach in einem Moment des Irrsinns Partei für das “Hexenhäuschen” und beteiligt sich fortan an der Zersetzung der Gesundheit seiner Mitmenschen durch Vergiftung mit künstlichen Soßenimitationen. Der Sternekoch stellt Hollo-Bollo nun ganz ins Zentrum seines neuen Konzepts, macht das “Hexenhäuschen” gar zu einer Art Tempel für diese ungewöhnliche Droge. Die Bezeichnung “Restaurant” erkennt er dem Laden allerdings ab und degradiert ihn zur “Kneipe”. Wer ernsthaft “Pizza mit Gyros und Hollo” oder “Lasagne mit Doppelt-Hollo” anbietet, der hat seinen Ruf unter den Weißkitteln dauerhaft verwirkt und darf sich nicht mehr in einem Atemzug mit echten Restaurants nennen. Nach dieser Erkenntnis schaltet Christian Rach einfach seine für das Kochen zuständige Gehirnhälfte ab und gibt sich ganz der heiteren Seite des Hollo-Bollo-Kults hin. Es wird eine wunderbare, sehr komische Folge ohne jeden Sinn und Verstand und mit der höchsten je bei Rach gemessenen Einschaltquote.
Die Rückkehr in die Kneipe “Hexenhäuschen” verläuft genauso erfolgreich, wie alle anderen Visiten der heutigen Folge. Thomas Windmöller zelebriert nach wie vor seinen unheiligen Hollo-Bollo-Kult, spricht gar von einer zeitweiligen Belagerung durch Hollo-Fans aus ganz Deutschland, als diese Rach-Folge zum ersten Mal ausgestrahlt wurde. Der Laden brummt tatsächlich auch heute noch und – man glaubt es kaum – es gibt auch Dinge ohne gelbe Soße auf der Speisekarte. Sicherheitshalber bestellt Christian Rach aber zum Bier nur einen Hollo-freien Teller mit Pommes und Steak, er hängt doch zu sehr am Leben. Zum Schluss überreicht ihm der rundliche Hexenmeister persönlich ein T-Shirt mit Hollo-Bollo-Aufschrift und lacht sich kringelig, als es beim Anprobieren etwas knapp ausfällt, Rach sei wohl nicht dünner geworden, frotzelt er frech in die Kamera.
So, mit diesem wunderbaren Sahnehäubchen auf einer rundum gelungenen Folge endet die Staffel und Christian Rach verabschiedet sich in die verdiente Sommerpause. Ich tippe mal, wir sehen ihn – abgesehen von Wiederholungen – das nächsten Mal in seiner “Restaurantschule” wieder. Bis dann also!





