Hallo Leute,
“Deutschland sucht den Superstar” und “Holt mich hier raus – Ich bin ein Star” an ein und demselben Abend, wie soll man als Fremdschämgourmet das bloß alles schaffen? Ich habe mich jedenfalls entschieden, die schlammige C-Promiverwertung in Australien nicht zu bloggen, da müsste man sich jeden Tag (!) stundenlang irgendwelche halbgaren Lebensweisheiten von gewesenen oder nie gewordenen Stars am Lagerfeuer anhören, zusehen, wie ein pathologisch schweigsamer, langhaariger Ex-Kommunarde und platonischer Haremswächter zusammen mit 30.000 Kakerlaken schon mal im Sarg Probe liegt (er ist 70 Jahre) oder miterleben, wie eine drei Jahre jüngere moppelige Oma, jüngstes Viertel eines sächsischen Singequartetts, einer ehemaligen Bro’sis-Sängerin das aus Palmenblättern gefertigte Regendach klaut und als Bettvorleger missbraucht (alles heute passiert).
Nein, dann bleibe ich doch lieber bei Dieter Bohlen und seiner Pseudo-Jury aus Fernanda Brandao und Patrick Nuo, auch wenn sich mein Hauptärgernis der letzten Sendung gleich wiederholt: Man hat aus dem irrsinnigen Auftritt von Cosinus beim zweiten Casting nicht gelernt, irgend jemand hat nochmal die Käfigtür offen gelassen und die Fraggels sind erneut ausgekniffen. Einer davon hat sich ins DSDS-Studio verirrt und kommt vielleicht einigen überlebenden Zuschauern der siebten Staffel bekannt vor: Es ist Andreas Gerlich, der minderbegabte Scooter-Imitator aus Berlin, den ich hier zur Strafe mit vollem Namen nenne. Inzwischen ist er 30 Jahre alt und noch immer auf der Suche nach Talent und Verstand, leider vergeblich. Wenigstens dürfen wir hoffen, dass er im nächsten Jahr wegen Überschreitens der DSDS-Seniorengrenze an der Tür abgefangen wird. Heute aber ist er leider tatsächlich da. Im Einspieler suhlt er sich in seiner vermeintlichen Prominenz, angeblich geraten umstehende Passanten immer automatisch in Ekstase, sobald er in seinem miserablen Englisch “Wicketttt” oder “Heipaheipa” ruft. Er habe soundsoviele Facebook-Freunde und sei irgendwo auf Platz Eins der schrägsten DSDS-Kandidaten gewählt worden. Der arme Mann ist gelernter Maler und Lackierer und hat ganz offensichtlich in der Berufsschule beim Thema “schädliche Dämpfe” gepennt…
Seinen Titel als Megaspacken will er heute mit der Nummer “Lett sä Triem kamm truh” von DJ Bobo verteidigen, zumindest klingt der Titel bei Andreas so. Dieter Bohlen vergräbt schon bei dieser Ankündigung das Gesicht in den Händen. Ungefragt erklärt der Kandidat dann auch noch, dass “Bobo” im Spanischen ja “Popo” hieße. Fernanda, die sich mit diesem Thema bestens auskennt und als Brasilianerin immerhin das verwandte Portugiesisch als Muttersprache hat, wirft ein, soweit sie wisse, bedeute das eher “Volltrottel”. Egal, welche Übersetzung korrekt ist, der schweizerische Tanzwichtel hätte sich keinen passenderen Namen ausdenken können. Bleiben wir beim Thema “Arsch”: Andreas Casting-Auftritt geht natürlich komplett in die Hose. Was im vorigen Jahr noch beispiellos bescheuert, grenzdebil und damit irgendwie in letzter Instanz doch originell war, ist dieses Mal einfach nur doof. Unter seiner heftigen Choreografie leidet der Gesang erheblich, wenn man das überhaupt so nennen darf. Bohlen gefriert das Lachen und er schimpft etwas von “Bewegungsneurotiker, Du bist hier der Loser, Feierabend und Auf Wiedersehen”. Als Andreas dann noch dreist um einen Gefallen bittet, fällt Onkel Dieter ihm etwas pietätlos mit dem Angebot ins Wort, er könne ihn in seinem Garten als Kompost für die Blumen vergraben. Ob dieser Aussicht verflüchtigt sich der schräge Vogel hoffentlich auf Nimmerwiedersehen.
Nun kommt eine exotische Schönheit mit bronzefarbenem Teint ins Studio: Zazou Mall ist 25 Jahre alt, lebt in der Schweiz und grinst süß wie Kinderschokolade. Dieter und Patrick schießt bei ihrem Anblick erkennbar das Testosteron in die Adern, insbesondere, als sie dann auch noch ein paar Tanzschritte wagt, was bei ihr einfach super aussieht. Die Jury strahlt schon, bevor Zazou auch nur den ersten Ton von “Right to be wrong” (Joss Stone) gesungen hat. Und danach haben sie sogar noch mehr Grund zur Freude, denn sie klingt wirklich, wirklich gut. “Wenn Du singst, siehst Du aus wie eine ganz junge Whitney Houston – aber in Edel”, platzt es aus dem selig lächelnden Dieter Bohlen heraus. Patrick wartet offenkundig noch darauf, dass bei ihm das Blut in den Kopf zurückfließt und darum schweigt er vorübergehend. Bis zum Wiedersehen im Recall hat er sich hoffentlich wieder eingekriegt.
Freakshowalarm, die Zweite: Celal (22), ein abgebrochener Lackierer (s.o.), hält sich für den “Auserwählten” und berichtet im Einspieler dazu langatmig, sein Vorbild sei Neo (Keanu Reeves) aus der Filmtrilogie “Matrix”. Was das mit seiner Berufung als Sänger zu tun haben könnte, erklärt er uns dann auch noch. “Es gibt nur wenige Stars, die nebeneinander Modeln, Singen und Schauspielern können. Ich will einer von diesen Stars werden.” Für diese Anmaßung wird er von RTL mit einigen nachgestellten Bullet-Time-Szenen durch den Kakao gezogen und wir ahnen dunkel, mindestens das Singen kann er sich nach seinem Besuch bei Onkel Dieter von der Backe schmieren. Der Auftritt beginnt schon mal denkbar schlecht. Celal erzählt von sich, er habe eine zweijährige Tochter, die lebe jetzt aber bei seiner Ex-Freundin. “Warum seid ihr nicht mehr zusammen?”, will Bohlen, der Frauenversteher und anerkannte Experte für langjährige Partnerschaften, wissen. “Dieter, Du weißt doch, wie Beziehungen laufen”, erklärt “der Auserwählte” da etwas kumpelhaft, was beim Poptitan nicht gut ankommt. Die anstehende Zerlegung fällt angesichts des dünnen, etwas an Menderes erinnernden Stimmchens leicht. Celal vergreift sich an Inner Circles “Sweat”, Englisch kann er übrigens auch nicht. Diesmal macht Fernanda den Vollstrecker: “Da gibt es soviel zu bemängeln, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.” Bohlen ist aber noch von der Anbiederung vorhin vergrätzt, er will weiter bohren, also soll der Kandidat noch ein Liedchen trällern. Nun verunstaltet dieser Alicia Keys “If I ain’t got you”, womit er sich endgültig die Schlinge um den Hals legt. “Ruf bei Google an und lass’ Deine Stimme wegpixeln”, rät ihm Dieter Bohlen, dann gibt es dreimal “Nein” und Celal ist Geschichte.
Marvin Cybulski aus Hannover ist mit 29 Jahren schon ein DSDS-Opa und – man glaubt es kaum – ebenfalls Maler und Lackierer. Das ist heute schon der Dritte, ist das denn neuerdings bei denen so eine Art Berufskrankheit? Der mit seinem etwas zu engen schwarz-weiß gestreiften Sträflingspullover ziemlich bullig aussehende Marvin ist von der Stimme und Gesinnung her eindeutig Rocker, das ist durchaus positiv gemeint. Was ihm äußerlich am Superstar fehlt, macht er mit einer erfreulich bunten Homestory wett: Er hat drei Töchter mit drei verschiedenen Frauen, wobei der Kontakt zur ältesten Tochter inzwischen ganz abgerissen ist. Wir ahnen schon, welche rührende Geschichte sich die RTL-Autoren da für die Mottoshows zusammenklöppeln würden… Marvins heutiger Auftritt mit Gitarre fällt in die Kategorie “laut, aber authentisch”. Nach etwas Feintuning von Bohlen (“das ist hier kein Stimmenimitatorenwettbewerb, sing’ mal nicht so schlecht wie Marius Müller-Westernhagen, sondern ganz normal”) stimmt er von Chris Norman “Midnight Lady” an und überzeugt auf ganzer Linie. Er schafft mit Leichtigkeit den Einzug in den Recall.
Die nächste Kandidatin warnt im Einspieler schon selbst vor ihrer kraftvollen Stimme. Gentiana ist 18, von Beruf Friseurin und kommt aus Eggenfelden. Alarm, bei diesem Ort denken Experten natürlich an den berühmtesten Sohn der Stadt, den begnadeten Sänger, Selbstdarsteller (auch im Dschungel) und talentierten Autofahrer (Stichwort “Gurkenlaster”) Daniel Küblböck aus der 1. DSDS-Staffel. Gentiana könnte man wohl mit einigem Recht in der Schublade mit der Aufschrift “eingebildete Zicke” ablegen. Was sie singen will, kriegt Bohlen auch nach zweimaligem Nachfragen nicht verständlich heraus (in Englisch ist sie wohl eher lau) und bohrt dann auch nicht weiter. Sie knödelt vor der Jury, kommt aber mittendrin ziemlich vom Kurs ab und hält etwas ratlos inne. Auch das zweite Lied, welches auch immer das sein soll, geht schief. “Hast Du Stromschwankungen im Gehirn?”, ätzt Dieter Bohlen. Schon böse angezählt, will sie unbedingt noch einen dritten Versuch. Diesmal versteht man wenigstens “Kelly Clarkson”, der Titel heißt aber offenbar “Ma Leif is wizz satsch wizzat juh” (eigentlich “My Life would suck without you”), was sie auch nach mehrfachem Vorsagen durch den in den USA lebenden Patrick Nuo nicht unfallfrei über die Lippen bringt. Die Jury lässt sie konsterniert singen, bis im Refrain die Stelle mit dem besagten Liedtitel kommt. Hier ist Schluss mit Lustig, es heißt “suck” und nicht “satsch”, Patrick unterbricht sie mit einem lauten “Nein!”, dem sich auch Dieter und Fernanda anschließen. “Scheiße”, ist der treffende Kommentar von Gentiana beim Schließen der Studiotür.
Danach kommt die 16jährige Katharina Demirkan, die man wegen ihres Vornamens und der extrem blonden Haare niemals für eine Türkin halten würde. Sie verhaltensauffällig zu nennen, wäre eine Untertreibung, “beknackt” trifft es schon eher. Bereits beim Betreten des Studios kichert und gluckst sie herum, bis Patrick fragt, ob sie sich nicht vielleicht eher als Comedian bewerben wolle, denn als Sängerin. Aber, das muss man der Verrückten zugestehen, sie hat eine tolle, unerwartet kräftige Stimme, wie sie bei “Listen” von Beyoncé unter Beweis stellt. Bohlen grinst, einen Kugelschreiber zwischen den Zähnen und Dollarzeichen im Auge, wie ein Goldschürfer, der nach Wochen der Plackerei inmitten Tonnen von Geröll endlich ein Nugget gefunden hat. Aber er lässt sie zappeln und betteln, so leicht soll sie das Ticket für den Recall nicht kriegen. Nach Patricks “Ja” und Fernandas “Nein” liegt die Entscheidung allein bei Bohlen. Winselnd verspricht Katharina das Blaue vom Himmel, sie würde alles tun, sich Mühe geben, noch weiter an ihrer Stimme arbeiten und so weiter und so fort. Na gut, endlich gibt der Titan von Tötensen nach und überreicht ihr den gelben Zettel. Wir alle wissen natürlich, dass sie mit dieser Einstellung und letztlich auch mit dieser Stimme niemals Superstar werden wird, aber wenigstens bringt sie Farbe in den Wettbewerb und eine bekloppte Blondine, die für ihre Karriere ALLES tun würde, ist allemal für Bildzeitungsschlagzeilen gut.
Den Abschluss der heutigen Folge macht ein gewisser Sven unklaren Alters, der scheinbar in Berliner gecastet wird, jedenfalls sieht man hinter ihm das Brandenburger Tor. Er trägt einen komischen Hut, was ihn etwas wie den “kontaktgestörten Milchbauern aus dem idyllischen Chiemgau” von “Bauer sucht Frau” aussehen lässt. Ansonsten schleppt er einen hölzernen Cajón ins Studio, auf den er sich dann setzt, und hat einige Schellen am Schuh und an der Hand befestigt. Leider kommt es aber nicht zu dem von Patrick erhofften Percussion-Happening, denn Sven hat das Temperament einer deutschen Schlaftablette, singt dazu grottig. Nach einem entsetzten “Das kann doch nicht Dein Ernst sein, das ist alles, was Du daraus machst?!” vom Meister kommt sogleich das vernichtende Urteil: “Du kannst überhaupt nicht singen und rhythmisch bist Du auch ‘ne Pfeife.” Diese wenig schmeichelhaften Worte klingen dem Kandidaten vermutlich noch im Ohr, lange nachdem er aus dem Studio geflogen ist.
So, wieder eine Stunde geschafft, am Mittwoch ist schon Casting-Halbzeit. Und die Vorschau verspricht wieder Spannung, angekündigt wird nämlich so eine Art kleiner Bruder von Menowin, Knacki mit Stimme und offenbar am Ende stinkesauer auf Dieter Bohlen, wenn man die Szenenfetzen richtig interpretiert. Mal sehen, was die RTL-Drehbuchschreiber sich da ausgedacht haben. Bis dahin sehe ich mir aber zur Entspannung die elf Schlammcamper im australischen Dschungel an, die singen wenigstens nicht. Hoffe ich jedenfalls…





