• Hallo zusammen,

    Kabel Eins beginnt heute mit einer neuen Staffel der beliebten Castingshow “Deutschland sucht den naivsten Auswanderer”, die hier allerdings etwas langweilig “Mein neues Leben” heißt. Der Vorspann ist frisch renoviert – hoffentlich hat man sich mit dem Inhalt auch so viel Mühe gegeben und ein paar schöne Deppen ins Licht der Kamera gezerrt.

    Mein persönliches, bisher unübertroffenes Highlight der Serie ist übrigens noch immer die Hartz-4-Familie aus Zonesien, die in der 2007er Staffel ohne Vorbereitung und Verstand nach Norwegen auswandert, sprich: Sie können alle kein einziges Wort Norwegisch. In ihrer neuen Heimat angekommen, pöbeln sie den norwegischen Vermieter auf Prolldeutsch an, weil ihre mitgebrachten Möbel nicht mehr in das unbesehen möbliert (!) gemietete Haus passen, werfen kurzerhand alle vorhandenen Möbel über den Balkon raus, merken dann, dass sie dabei versehentlich auch den einzigen Herd beseitigt haben und kochen sich gegen Ende der Folge eine Frikadelle auf der Heizung. Darüber habe ich noch wochenlang gelacht… :-)

    Zurück zur heutigen Folge. Wie immer werden heute drei unterschiedliche Schicksale präsentiert, zerhackt in kleine, auch für den unbedarften Kommerzglotzer leicht verdauliche Häppchen. Ich sortiere die Handlungsstränge hier mal nach Protagonisten und fange mit dem langweiligsten an, nämlich mit dem, der es nach ökonomischen Maßstäben wohl “geschafft” hat. Thomas Kramer lebt bereits seit einigen Jahren in Miami, Florida und nervt gleich in der ersten Szene durch überhebliche Arroganz: Wir sehen ihn bei einer Tour durch das abendliche Lichtermeer seiner Wahlheimat in einer fetten Limousine und später bei einer Massage. Der “Immobilientycoon” wohnt in einem 45 Millionen Dollar teuren Haus auf bescheidenen 1.500 Quadratmetern direkt am Wasser und ist – man glaubt es kaum – noch Junggeselle. (Komisch, normalerweise findet sich doch in dieser Preisklasse für jeden Kotzbrocken noch ein hirnlos-heiratswilliges It-Girl, insbesondere, wenn der Kandidat schon etwas angegraut ist und sein Lebenswandel Hoffnung auf eine hübsche Erbschaft in vertretbar naher Zukunft weckt?! )

    Kabel Eins hat eine läppische Rahmenhandlung zusammengestrickt, bei der Übermensch Kramer einem angeblichen Repräsentanten (man nennt ihn “Anton”) irgendeines investitionsfreudigen arabischen Ölscheichs zeigen will, welche Wundertaten er in der amerikanischen Metropole so vollbracht hat und dabei praktischerweise gleich das Fernsehteam mitnimmt. Gähn, ist das langweilig! Wir schippern mit einem Bötchen über diverse Kanäle und lauschen den selbstverliebten, mit Business Buzzwords gespickten Ergüssen des Meisters über das von ihm gebaute Stadtviertel (“T-K-Land”). Ein schöner Satz: “Dieses Haus ist mein Masterpiece.” Keine Ahnung, wie das zu den Versagergeschichten der früheren Staffeln passen soll, so habe ich mir das jedenfalls nicht vorgestellt und darum boykottiere ich den Sack ab jetzt: Wer sich für Thomas Kramer interessiert, den Meister des bekannten Universums, muss sich leider die Wiederholung der Folge selbst ansehen… :-(

    (Der weitere Verlauf der Sendung gibt mir übrigens Recht, beim Vorspulen der Kramerschen Szenen kommen nämlich noch ein paar richtig eklige Momente, als der Multimillionär dem Fernsehteam seine in einem Sarg (!) gelagerte Sammlung von Sado-Maso-Sexspielzeug vorführt. Völlig ungeniert erklärt er der dafür sicherlich dankbaren Filmcrew seine Vorlieben im Bett und auch die Funktion des “Angel Recovery Room”, der direkt an das Kramersche Schlafzimmer grenzt, bleibt nicht im Dunkeln. Jetzt verstehe ich doch, warum der Typ noch Single ist. In puncto Schamlosigkeit und Mediengeilheit übertrifft Kramer sogar noch Jürgen Drews – und das will echt was heißen.)

    Der Kontrast zur nächsten Story könnte nicht größer sein. Wir kommen zurück nach Deutschland, ach ne Spanien, genauer gesagt nach Cala Blava auf der Insel Mallorca. Hier hausen seit einigen Jahren Lothar Bünder und Hans-Jürgen Baumgarten buchstäblich in einer Höhle, sie sind nämlich obdachlos. Beide gerieten durch persönliche Schicksalsschläge aus der Bahn und blieben auf Malle hängen, der eine saß früher mal im Knast, der andere wurde Opfer eines Raubüberfalls. Heute haben die beiden so gut wie nichts – und das teilen sie auch noch brüderlich. Aber immerhin hängt hinten an der Höhlenwand eine schwarz-rot-goldene Fahne…

    Hier auf Malle geht es kurz nach dem Aufstehen um eher profane Dinge, das Klopapier ist alle und irgendwie fiel auch noch das appetitanregende Wort “Hämorrhoiden”. Unwillkürlich möchte man den Protz-Kramer von der ersten Geschichte mal für eine Nacht hier in Lothar oder Hans-Jürgens Schlafsack in der Höhle einquartieren. Kramers einzigen Gesundheitsprobleme sind vermutlich die Hornhaut vom Geldzählen und der Tennisarm vom Sich-selbst-auf-die-Schulter-klopfen. Da könnte man glatt zum Kommunisten werden…

    Allerdings verscherzt sich Lothar schnell meine Sympathien, denn er zeigt sich von einer sehr gewalttätigen Seite, als er andere Obdachlose mit Faust und Messer von “seinem” Stamm-Müllcontainer hinter dem Supermarkt vertreibt. Die Container mit Gemüseresten können die ja gern haben, aber über die Verteilung des weggeworfenen Fleisches entscheidet Lothar ganz allein, so ist hier die Hackordnung. “Und wem da nicht passt, dem schlage ich den Schädel ein!”, setzt er wenig konziliant noch hinzu. Übrigens ist Deutsch auf Mallorca offensichtlich auch unter den Obdachlosen die gängige Verkehrssprache.

    Warum Kabel Eins meint, der wenig glorreiche Obdachlosen-Alltag sei ein interessantes Thema für diese Auswandererserie, bleibt mir schleierhaft. Mich jedenfalls stößt der in martialischer Tarnuniform mit Springerstiefeln und gegelter Minimalfrisur durch das winterliche El Arenal stromernde Lothar mit seinem ihm devot ergebenen Freund Hans-Jürgen eher ab. Und so spannend ist es auch nicht, wie die beiden auf der Suche nach Kleingeld an Telefonzellen herumprökeln (Tagesergebnis: ca. 1,50 Euro) und in windigen Läden nach Gelegenheitsjobs fragen. Ihr Highlight der Woche ist ein Auftrag zur Poolreinigung in einer 10 km entfernten Villa, zu der sie zu Fuß latschen müssen, weil sie kein Autofahrer als Anhalter mitnehmen will. Die so verdienten 35 Euro werden im Supermarkt postwendend in deutsches Bier und Grünkohl (!) umgesetzt und ab geht’s zum gemütlichen Tagesausklang in die heimische Höhle. So ein Leben kann man ja wohl kaum als geplante Auswanderung bezeichnen, die bedauernswert verunglückten Biografien von Lothar und Hans-Jürgen gehören meines Erachtens eher in eine Sozialreportage über die Schattenseiten der Balearenmetropole.

    Und auch die dritte Geschichte der heutigen Folge zeigt keine Neuauswanderer. Jürgen und Phoo Füller betreiben bereits seit drei Jahren ein Hotel-Resort im bergigen Norden von Thailand und sind schon in früheren Folgen von “Mein neues Leben” aufgetreten. Für dieses Mal sieht das Drehbuch die Errichtung zweier neuer Bungalows in dem ehemaligen Reisfeld vor, aus dem inzwischen eine Art Hotelanlage geworden ist. So weit, so langweilig. Im Grunde genommen geht es in dieser Geschichte um Jürgens stetigen, aber vergeblichen Kampf als pingeliger, pünktlichkeitsgewohnter Diplom-Kaufmann gegen die allgemeine Lahmarschigkeit in der neuen Heimat, wobei seine einheimische – und erheblich jüngere – Ehefrau immer etwas zwischen beiden Welten hin- und hergerissen zu sein scheint. Im Vergleich zu früher ist Jürgen in seinen Ansprüchen allerdings schon erkennbar milder geworden, vermutlich bleiben die Jahre im feucht-warmen Klima Thailands auch mental nicht ganz ohne Folgen.

    Einen Vorzug haben Follow-Up-Stories aus der “was macht eigentlich…”-Kiste natürlich für den Sender: Man kann ellenlange Rückblicke aus den früheren Folgen zeigen. Wir erleben also noch einmal mit, wie Jürgen mit Frau und Kind vor drei Jahren bei den Schwiegereltern in den Reissümpfen ankommt und zunächst mit einer kleinen Nothütte vorlieb nehmen muss. Das eigentlich schlüsselfertig erwartete eigene Hotel ist nämlich nicht nur nicht fertig, sondern wurde noch gar nicht begonnen, ja noch nicht einmal genehmigt. Ich frage mich bei dieser Gelegenheit, für wen der Kulturschock eigentlich größer ist, für Jürgen, der aus seiner durchorganisierten deutschen Heimat direkt in ein knietief unter Wasser stehendes Reisfeld umzieht oder für Phoo, die irgendwie ihren Eltern verklickern muss, weshalb sie aus Deutschland mit einem grauhaarigen Zausel zurückkommt, der altersmäßig glatt ihr Vater sein könnte. :-)

    Für die mediale Vermarktung etwas hinderlich ist, dass Phoo bedauerlicherweise gar nicht so ein fieses Deutsch spricht wie Narumol, unsere Thailänderin der Herzen aus “Bauer sucht Frau“. Im Gegenzug scheint Jürgen allerdings noch immer nicht der thailändischen Sprache mächtig, Phoo fungiert für alle seine umfassenden Anweisungen an die Bauarbeiter als Dolmetscherin. Und sie übersetzt auch Jürgens schroffe Befehle in eine kompatible Sprache, so dass die einheimischen Bauarbeiter bei Kritik nicht gleich ihr Gesicht verlieren. Ob das möglicherweise auch eine Ursache für die diversen Missverständnisse ist, die hier an der Tagesordnung zu sein scheinen, kann nur vermutet werden.Vielleicht hat Jürgen aber auch mit seiner unausgesprochenen Vermutung Recht, dass hier sowieso alle dämliche Pfuscher sind, zumindest scheint er das zu denken, wenn er wie ein Feldherr mit strengem Blick und Maßband über seine Baustelle schreitet.

    Heute erregt der zu geringe Abstand zwischen den neuen Bungalows Jürgens Missfallen. Warum er das erst jetzt bemerkt, wo die Fundamente – oder wie man die Löcher mit plattgeklopfter Erde hier nennt – schon fertig sind, bleibt sein Geheimnis. Er genießt jedenfalls sichtlich seinen Triumph, einen Fehler gefunden zu haben. Ja, so sind wir Deutschen eben, lieber Recht behalten und einen Freund verlieren, als anders herum… Phoo kriegt es jedenfalls auf diplomatische Art hin, dass der düpierte Bauleiter den Bungalow-Grundriss noch einmal neu absteckt. Zur Belohnung darf die gesamte Belegschaft auch im Fischteich des Hotels angeln. Sie sollten dort nur “keine Bombe oder elektrisch machen”, wie Frau Füller etwas narumolistisch einschränkt.

    Noch eine Rückblende zum Thema Pfusch am Bau: Vor zwei Jahren, beim letzten Besuch des Fernsehens, war draußen Regenzeit und auch drinnen gab es fließend Wasser, weil nämlich die Fenster nicht dicht waren, um es mal gelinde zu sagen. Jürgen kriegte schon damals wegen der thailändischen Arbeitsmentalität die Pimpernellen. Die Fenster gingen entweder nicht zu oder nicht auf, alles war aufgequollen und verzogen. Danach sollten die Fenster auf “Bitten” des Deutschen ausgetauscht werden und weg sind sie auch tatsächlich, allerdings gab es inzwischen auch keinen richtigen Ersatz, das Glas in den Rahmen fehlt immer noch.

    In der nächsten Sequenz bereiten sich Jürgen und Phoo auf die Ankunft einiger Investoren vor, denen sie eine Beteiligung an ihrem Hotel schmackhaft machen wollen. Zwischendurch fällt mal wieder der Strom aus, was bei Jürgen zu einigen cholerischen Anwandlungen führt. Danach müssen sie die Trümmer eines Wegweisers zusammensammeln, der den Weg von der Hauptstraße zu ihrem wohl doch etwas abseits gelegenen Hotel erleichtern soll. Irgend ein Hirbel macht sich scheinbar einen Spaß daraus, das Teil in regelmäßigen Abständen zu zerpflücken, was Jürgens Begeisterung für Land und Leute nicht wesentlich verbessert.

    So, wenn man nun denkt, kurz vor dem Ende der zwei Stunden “Mein neues Leben” würden nun alle offenen Punkte der Stories geklärt und das wäre es dann, sieht man sich schwer getäuscht, um nicht zu sagen: enttäuscht. Kabel Eins hat nämlich das Konzept der Sendung geändert, in der nächsten Woche geht es laut Vorankündigung WEITER mit der Thailand- und mit der Mallorca-Geschichte. Also gibt es nicht nur keine richtigen Neuauswanderer mehr, sondern die ohnehin schon sterbenslangweiligen Stories werden auch noch zu endlosen Serien verlängert. So ein Mist!!! Glauben die vom Fernsehen echt, irgendwen interessiert es, ob die Grottenolme in El Urinal auch in der nächsten Woche ranziges Fleisch aus dem Container ziehen oder ob unsere fleißigen Reisfeldbewohner in Thailand-Nord einen Teilhaber finden? Wenigstens hat man Florida-Thomas abgesägt, aber der hat eh schon alles gesagt und gezeigt, im wahrsten Sinne des Wortes ALLES. Und was verbindet die drei Stories? Klar, in allen Geschichten liefern herrisch-überhebliche Deutsche die Fremdschämmomente, deshalb auch der ironische Titel dieses Blogs.

    Schade, früher war diese Serie mal ein interessantes Format, man konnte vom Sofa aus mit den Auswanderern mitzittern oder sich genüsslich über ihre Blödheit beömmeln. Offenbar hat das Fernsehen diese Spezies Mensch aber inzwischen bis zur Ausrottung gejagt und die heutige Sendung ist nun das Ergebnis. Wenn das in den nächsten Wochen nicht besser wird, kann mir “Mein neues Leben”, was das Bloggen anbetrifft, mal gepflegt den Buckel runterrutschen. :-(

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    Posted by TV-Glotzer @ 10:29 pm

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