• DSDS (RTL) 04.04.2010

    Vorweg eine Warnung!

    Leute, denen vom Arzt jede Aufregung verboten wurde, sollten die heutige Sendung  lieber nicht gesehen haben!!! RTL hat sich diesmal im Vorfeld nämlich jede Menge Dramatik einfallen lassen, um dem bislang eher gemächlich dahinplätschernden DSDS-Bächlein ein paar kräftige Stromschnellen zu verpassen. Ganz Deutschland, jedenfalls der Teil, der Bohlens Hofpostille “Bild” liest, ist in schwerster Sorge um Menowin Fröhlich. Dieters Hätschelkind ist nämlich angeblich seit Dienstag bis auf weiteres spurlos verschwunden. Bereits einige Tage zuvor hat er sich mit den DSDS-Mitbewerbern schwer gefetzt, was man beim genaueren Hinsehen wohl schon am letzten Samstag bei der Top-5-Show hätte sehen können, behauptet “Bild”.

    Nicht, dass plötzliches Verschwinden für Ex-Knacki Menowin besonders ungewöhnlich wäre, davon können z.B. die Justizbehörden und seine Ex-Cousine, Pardon Ex-Freundin ein Liedchen singen. Aber für “Deutschland sucht den Superstar” ist es schon ein Novum, dass einer der Top-Kandidaten sich im Vorfeld einer live übertragenen Mottoshow ohne Ankündigung verkrümelt, an keiner Probe teilnimmt und es unsicher ist, ob er überhaupt rechtzeitig zurückkommt. Sagt zumindest die “Bild” und die weiß ja eigentlich immer alles am besten, manchmal sogar besser als die Beteiligten selbst.

    Wie dem auch sei, jedenfalls klebt Fernsehdeutschland heute Abend mit Spannung vor der Glotze und wartet darauf, wie viele und welche Kandidaten zur Sendung erschienen sind. Nachdem der von Mal zu Mal nerviger werdende Moderatorenimitator Marco Schreyl seiner Profilneurose wieder ordentlich Zucker gegeben und sich wegen Ostern als “Eiermann” aufgespielt hat, der uns “seine” Sendung quasi als Ostergeschenk kredenzt, kommt die Jury auf die Bühne. Jau, die sind noch vollzählig: Dieter Bohlen, Nina Eichinger und Volker Neumüller, wobei die letzten beiden eigentlich nur am Tisch sitzen, damit uns Dieter sich nicht so langweilt.

    Dann werden die Kandidaten angesagt und ei der Daus: die Bande ist vollzählig angetreten, auch der vermeintlich auf der Flucht befindliche Menowin gibt sich die Ehre. Schon bei der Nennung seines Namens entringt sich einem Großteil der Zuschauerinnen ein Schrei der  Verzückung. Offenbar steht die Damenwelt auf Bad Guys à la Menowin – verstehe einer die Frauen… Die Top 4 singen gemeinsam “Crying at the Discotheque” von Alcazar. Dass Menowin das Stück angeblich nicht geprobt hat, ist weder zu sehen noch zu hören. Er tanzt die Choreografie ganz normal mit und bringt seine Einsätze scheinbar fehlerlos. Vermutlich ist die ganze Story mit seinem temporären Verschwinden also wirklich nur ein großer Bluff, um den Zuschauern ein wenig Action und Suspense zu liefern. Menowin, der Freiheitskämpfer, der sich nicht den DSDS-Regeln unterwirft, der unberechenbare Knastologe, den vermeintlich nicht mal Onkel Dieter so richtig zähmen kann, das lässt sich gut vermarkten. Armer Mehrzad, mit seiner Amöbenstory in der Bildzeitung (wo sonst?) über den einkassierten Führerschein stinkt er dagegen erbärmlich ab, Normalität ist bei RTL eben Langeweile.

    Das Motto des heutigen Abends lautet “alt gegen neu” und steht für die Megaidee, dass die Kandidaten in der ersten Runde alle einen aktuellen Titel und in der zweiten Runde einen Oldie singen müssen. Den Anfang macht diesmal Manuel Hoffmann. In seinem Einspieler wird mangels anderer Ereignisse zunächst ein weiteres Mal der Umstand beleuchtet, dass der angehende Kindergärtner mit der unklaren sexuellen Orientierung ursprünglich in der Top-6-Show rausgeflogen, dann aber einen Tag später als Ersatz für den in Ungnade gefallenen Helmut Orosz wieder in den Wettbewerb zurückgerufen worden war. Die eigentliche Überraschung kam dann eigentlich erst in der letzten Show, als Manuel nicht sofort wieder rausgewählt wurde und stattdessen der vermeintlich populärere Checker Thomas Karaoglu gehen musste. Um die restlichen Minuten des Einspielfilmchens zu füllen, hat RTL Manuel dann auf den Nürburgring verschleppt und lässt ihn als Beifahrer ein paar schnelle Runden drehen, was ihm sichtlich Spaß macht.

    Manuel singt “Chasing Cars” von Snow Patrol und treibt dabei seine aus den vorhergehenden Shows schon bekannte Mikro-Choreografie auf die Spitze, denn während der ersten und letzten Strophe liegt er rücklings im Dämmerlicht auf der Bühne, auch dazwischen dürfte sein Puls kaum über 60 hinausgegangen sein. Hier und da verrutscht ein Ton, aber im Vergleich zu seinen Geschlechtsgenossen wirkt Manuel sehr natürlich und unprätentiös. Die Jury feiert ihn überschwänglich, er steigere sich mit jeder Show und habe heute ein”absolutes Überraschungsei” gelegt.

    Kim Debkowski versucht über die Mitleidsschiene zu punkten, sie hat sich nämlich trotz eitriger Angina (Bildzeitung) in die Sendung geschleppt – ein Sonderapplaus der ganzen Halle ist ihr Lohn. In ihrem Einspieler beantwortet sie einige der wohl zahllosen für sie eingegangenen Zuschriften von Leuten, die noch unbedarfter sind als sie. Wer würde sich sonst Lebenshilfe von einer 17jährigen holen, die mehr Zeit vor dem Schminkspiegel als in der Schule verbringt?

    Mit dem teilweise gerapten “Evacuate the Dancefloor” von Cascada tritt Kim heute in der ersten Runde an. Sie trägt wie immer ausgefallene Klamotten, nämlich die glitzernde Diskoversion des “kleinen Schwarzen” inkl. passender Leggins, dazu eine ebensolche schwarze Gesichtsmaske. Hatte ich schon erwähnt, dass sie heute mit einer aufgeplusterten Riesenmähne im Afrolook herumläuft? Kims gelungene Verkleidung und ihr beispielhafter Fleiß werden von der Jury gelobt, allerdings gibt es bei Dieter einen kleinen Wermutstropfen: “Wenn nur die Scheiß-Stimme nicht wäre”, resümiert er unter den gellenden Pfiffen ihrer Anhänger… Übrigens grüßt Kim hinterher noch den im Publikum sitzenden Benny Kieckhäben, einen Veteranen der letzten Staffel. Damals hatte er die Rolle als Paradiesvogel inne, die in diesem Jahr eben Kim zufällt.

    Nach der ersten Werbepause kommt nun – mal wieder an einer hinteren Position – der Liebling der Massen, zumindest was die Gröhllautstärke seiner Fans angeht: Menowin Fröhlich stellt im Einspieler klar, dass es natürlich gar keinen richtigen Streit mit den anderen Kandidaten gab und er selbstverständlich auch Kritik vertrage. Allerdings gäbe es dazu kaum Anlass, denn die letzten Wochen hätten immer wieder bewiesen, dass Deutschland ihn “geil” fände. Offenbar hat er sich mental schon völlig auf den Titelgewinn eingestellt. Allerdings rechtfertigt sein heutiger erster Auftritt mit Milows “Ayo Technology” meines Erachtens keineswegs die Hoffnung auf den Titelgewinn und nährt sogar Zweifel, ob der Kandidat überhaupt zu Recht unter den Top 4 ist. Die Nummer wirkt tatsächlich völlig ungeprobt und Menowin brabbelt sich in den leiseren Passagen der ersten Hälfte kilometerweise unverständlichen Text in den Bart. Entweder ist das alles zu schnell und deswegen versteht man nichts oder er hat – mal wieder – den korrekten Text vergessen und improvisiert über weiter Strecken mit spontan erfundenen Vokabeln, was dann in sich schon eine bewundernswerte Leistung wäre.

    Menowins Anhänger scheinen davon völlig unbeeindruckt und johlen und kreischen während der gesamten Nummer. Offenbar hat bei denen schon so eine Art Entkopplung stattgefunden, der Kandidat wird nicht wegen seiner musikalischen Leistung, sondern tatsächlich nur aufgrund seiner (von RTL aufgebauten) Persönlichkeit unterstützt. Der greifbare Triumph einer im Leben ansonsten eher gescheiterten Figur wie Menowin ist einfach eine tolle Geschichte, die vielleicht auch vielen anderen Losern Hoffnung macht. Das ist so ein bisschen wie damals bei der ersten Big-Brother-Staffel die unerklärliche kurzzeitige Idolisierung von Zlatko, einem Typen von derart überschaubarem Intellekt, dass man ihn nicht mal allein zum Einholen schicken würde. Der wurde zum Messias für alle, die noch beschränkter waren, als er selbst.

    Die Jury, auch Papa Bohlen, ist sich einig: Das gerade gehörte Lied war eine Katastrophe, der Text nur als Buchstabensuppe zu gebrauchen und es fehlte jegliches Gefühl. Menowin habe großes Talent, trete das aber momentan mit Füßen. Seine fanatisierten Anhänger buhen und pfeifen bei jedem kritischen Wort so laut, dass die Jury akustisch kaum noch durchkommt. Wie gesagt, die Leute ticken irgendwie schon nach anderen Maßstäben, die zwar viel mit der RTL-Superstar-Vermarktung, aber nichts mit Musik zu tun haben.

    Die “rote Laterne” trägt heute Mehrzad Marashi, den wir im Einspieler als respektvollen Samurai-Schwertkämpfer erleben dürfen. Menowins renitente Fans zeigen, wes Geistes Kind sie sind und buhen schon vor dem ersten Ton von Gnarls Barkleys “Crazy” um die Wette, die Ignoranten. Aber Mehrzad zieht sein Ding durch und liefert die von ihm gewohnte Qualität ab. Passend zum Titel hantieren die Tänzer auf der Bühne mit Zwangsjacken, vielleicht sollte man die hinterher für die schlimmsten Menowin-Fans reservieren, die sich zwischendurch immer wieder lautstark mit “Meno”-Sprechchören bemerkbar machen. Die Jury lobt Mehrzad für seine Beständigkeit und sein Durchhaltevermögen trotz der lauten Meno-Fans. Dieter rät ihm, doch lieber mal wieder eine langsame Nummer zu singen, das könne er noch besser.

    Zweite Runde, nun kommen die Oldies dran. Manuel Hoffmann bringt eine gut gesungene Version von “A Walk in the Park” von der Nick Straker Band. Was aber alle im Saal umhaut, ist die Choreografie: Manuel läuft auf der Bühne buchständlich während des ganzen Titels, links und rechts je eine joggende Tänzerin im bunten Trainingsanzug. Zum Refrain joggen sie dann immer zu dritt völlig synchron, das sieht einfach tierisch witzig aus. Der Junge hat ganz offensichtlich Spaß an dem, was er macht und kann gleichzeitig über sich lachen. Zwei Dinge, die insbesondere Menowin völlig abzugehen scheinen. Die Jury fühlt sich allerbestens unterhalten, erkennt Manuel nicht wieder und gratuliert ihm zu der explosionsartigen, positiven Entwicklung. Dieter erklärt “Chasing Cars” von vorhin gar nachträglich noch zum besten Act der ersten Runde. Was will man mehr? Vor allem am Ende nicht rausfliegen!

    Mit schlimmer Diskomucke aus den 70ern, einem echten Sündenfall schlechten Geschmacks, kommt jetzt noch mal Kim Debkowski. Sie hat aus Opas Plattenregal “Yes Sir, I can Boogie” des weitgehend talentfreien Duos Baccara exhumiert. Die konnten damals nämlich nicht nur schlecht singen und tanzen, sondern sprachen darüber hinaus im wahren Leben auch kein Englisch, was man jedem einzelnen Wort des englischen Textes anhört. Die somit extrem niedrigen Standards erfüllt Kim bei weitem und die Jury ist wirklich zufrieden mit der kleinen Dame. Kims Outfit muss hier noch gewürdigt werden, auch wenn es sich verbal kaum beschreiben lässt: Irgendwas zwischen Blumenmädchen und Eisverkäuferin, weißer Riesenhut mit Krempe, weiße Overknee-Stiefel, dazwischen ein schwarz-weißes Kleid, das oben am Hals in einem asymmetrischen Wellenmuster ausläuft.

    Die zweite Nummer von Menowin Fröhlich ist “Celebration” von Kool and the Gang. Diesmal läuft es besser für den sichtlich kämpfenden Kandidaten, auch wenn er am Anfang mal wieder den Text durcheinander wirbelt. Die Choreografie sieht allerdings mehr nach Aerobic als nach Tanzen aus. Begünstigt durch seine kurzen Beine, legt Menowin ein irres Tempo hin, gerät dabei schnell außer Atem und kriegt dann wieder diesen völlig humorlosen, etwas brutal wirkenden Blick, der sagt: “Komm’ mir nur nicht in die Quere, sonst wird das für Dich böse enden!” Die Jury ist einigermaßen zufrieden (Nina Eichinger: “Besser wie die erste Nummer.” [sic!]), beklagt aber die mangelnde Vorhersagbarkeit der Menowinschen Leistungen. Dieter macht auf Understatement: “Vielleicht geben Dir die Menschen ja noch eine Chance.” – als wenn die Rauswahl von Menowin eine reale Gefahr wäre…

    Als letzten Song des Abends hören wir nun den Schmachtfetzen “Unchained Melody” der Righteous Brothers, genial vorgetragen von Mehrzad Marashi, natürlich mal wieder mit seinem Markenzeichen, dem Hut. Bei der schwierigen Ballade stimmt aber wirklich jeder Ton, das könnte von den verbliebenen Kandidaten garantiert kein anderer singen. Die Jury ist hin und weg und lobt Mehrzads Talent über den grünen Klee.

    Das war es, nun haben die Zuschauer wieder das Sagen. Ob das angesichts des realitätsfernen Hype um Menowin eine gute Entscheidung wird, sei dahingestellt.

    Nach mehr als einer Stunde mit “Blöden Mädchen” und ähnlichem Kokolores naht der Moment der Wahrheit. Sofort weiter in die Top-3-Show kommen Mehrzad und (bedauerlicherweise) auch Menowin, der sofort kämpferisch die Faust zum Siegeszeichen ballt. Nein, das hat er heute absolut nicht verdient, er war heute wohl eher der schwächste Kandidat, aber wie gesagt: Darum geht es bei DSDS schon lange nicht mehr. Im abschließenden Duell zwischen Manuel und Kim zieht die letzte Frau im Wettbewerb den Kürzeren: Kim Debkowski ist raus! Kleine Pause, Helm ab zum Gebet. Sie wird uns fehlen, denn eines kann man ihr nicht absprechen: Sie hat Farbe in die Sendung gebracht, sehr viel Farbe. Fast zu viel.

    Eine weitere Erkenntnis bringt der heutige Abend: Der so lieb und harmlos wirkende, mehrfach totgesagte Manuel ist in Wirklichkeit ein Killer. Mit seiner impertinenten Gabe zum berechtigten Überleben des Telefonvoting zieht er eine Spur der Verwüstung durch das Lager ursprünglicher Favoriten. Nelson, Ines, Helmut, Thomas, Kim, wer nennt die Namen? Wenn es einen Titel gäbe für die größte Leistungssteigerung zwischen Casting und Mottoshows, für den Superstar der Herzen, ihm wäre er sicher. Leider tickt DSDS aber anders… :-(

    Für die Vorhersage, wer am nächsten Sonnabend gehen muss, braucht man kein Prophet zu sein, das wird unter Garantie Manuel werden. Danach steigt dann das epische, welterschütternde Finale zwischen dem coolen Könner Mehrzad und dem verbissenen Kämpfer Menowin. Hauptsache, alle Menowin-Gegner halten dann zusammen und rufen für Mehrzad an. Menowin als Superstar, das wäre echt ein Armutszeugnis für diese ohnehin langweilige und musikalisch grundsätzlich dürftige Staffel. Vielleicht sollte Onkel Dieter danach mal fünf Jahre Pause machen, damit ein paar neue Talente nachwachsen können (und ein paar andere nervige Pfeifen endlich die DSDS-Altersgrenze überschreiten)!

    Posted by TV-Glotzer @ 3:11 am

    Tags: , , , ,

  • 4 Responses

    WP_Modern_Notepad
    • DDH Says:

      Bravo! Ich unterschreibe wirklich jedes Wort dieses brillanten Artikels und halte die conclusio noch einmal für hervorhebenswert:

      “Hauptsache, alle Menowin-Gegner halten dann zusammen und rufen für Mehrzad an.”

    • DDH Says:

      post scriptum: Aber bitte Triumph schreiben, nicht Triumpf! ;)

    • TV-Glotzer Says:

      Hi Dominik,

      sorry, bin eigentlich auch ein Sprachästhet, habe aber den gestrigen Blog buchstäblich in der Nacht geschrieben (obwohl ich schon vor 9 Uhr wieder aus den Federn musste). Zwischen 4 und 5 Uhr fällt leider auch bei mir hin und wieder die Rechtschreibkontrolle einer fehlenden REM-Phase zum Opfer… ;-) Aber Danke für den Hinweis, bin sowieso gerade dabei, den Artikel nochmal durchzusehen und etwas anzuhübschen.

    • Hogans Heroes Says:

      Habe das Blog zufällig entdeckt. Absolut geile Schreibe, habe
      mehrmals heftig schmunzeln müssen, klasse!
      Viele Grüße aus dem kalten Süden..

    Leave a Comment

    Please note: Comment moderation is enabled and may delay your comment. There is no need to resubmit your comment.