• Heute begleiten wir Christian Rach bei einem Ausflug nach Hannover ins Café Tabac. Der ehemaligen Studentenkneipe geht’s schlecht, die zahlenden Gäste bleiben aus und angeblich weiß keiner, warum. Rach hat einen Trick ausgegraben, der schon im Fernsehen der Neandertaler nur noch Gähnen hervorgerufen hätte: Er kommt einfach einen Tag früher als angekündigt und überrascht damit die Café-Besitzer maßlos. (Die kennen ihn zwar aus dem Fernsehen, schließlich haben sie ihn selbst gerufen, aber sein Markenzeichen kennen sie nicht???)

    Der Küchenchef Jan Wahrmund begrüßt den Hamburger Meisterkoch standesgemäß in weißen Kochklamotten und holt erst mal die Chefin dazu. Die ist erst 25 Jahre alt und heißt ernsthaft Katerina Sklavinitis. Ihr Hauptproblem scheint ihre mangelnde Durchsetzungsfähigkeit zu sein, das Personal tanzt ihr auf der Nase herum, manchmal befolgt es ihre Anweisungen, dann wieder nicht. Sie weiß auch nicht, woran es liegt, vermutlich an ihrem Alter.

    Rach ist ein Gewohnheitstier und will nicht lange palavern, sondern erstmal richtig futtern. Er bestellt bei Katerina gleich drei Vorspeisen auf einmal. Die werden auch prompt geliefert, aber damit beginnt der Ärger des Gastropapstes. Die Muslitos mag er schon beim Ansehen gar nicht (“das ist Scheißdreck”). Warum der Salat denn frittiert sei, verlangt er zu wissen. Das sei eine Marotte vom Koch, erklärt Katerina. Den Rest lässt er gnädig passieren, gar so schlimm scheinen die Gaumenbeleidigungen nicht auszufallen. Das Gemüse ist knackig und frisch, bemerkt er erfreut.

    Für die Bestellung der Hauptmahlzeit kommt sogar extra der Chefkoch aus der Küche angesprintet, in der Hand ein Bund Lauch. Rach bestellt Pasta Liguria, Lamm und Pfannkuchen mit Spinat. “Echt, Du magst Spinat-Pfannkuchen?”, fragt Wahrmund ungläubig. “Nee, mag ich nicht, aber deswegen bestelle ich’s ja.”, ist des Meisterkochs etwas merkwürdige Erklärung. Die Kamera begleitet Wahrmund in die ziemlich spackige Küche und zeigt seinen Kampf gegen die Tücken der Technik, überall klemmt was oder geht nicht richtig.

    Kaum sind die bestellten Speisen draußen beim Meisterkoch angekommen, hagelt es auch schon wieder Kritik. Der Spinat – den er ja bekanntlich sowieso nicht mag – ist sauer, vielleicht liegt es an der Zitrone, vielleicht ist der Spinat aber auch alt, die Tomaten hätten in kleine Streifen geschnitten werden müssen und der Rosmarin stammt ganz klar aus der Dose. Rach ist genügend vergrellt, schnappt sich diesmal alle drei Teller und sucht die Küche auf. Im Hintergrund spielt die Mundharmonika-Melodie aus “Spiel mir das Lied vom Tod” und tatsächlich sehen sich die beiden Köche einige lange Sekunden direkt in die Augen. Dann zieht Rach… ein paar derbe Kritiken ab, besonders der Spinat-Pfannkuchen kommt schlecht weg. Jan sieht das nicht nur ein, nein, er selbst ist sogar noch viel strenger mit seiner Küche und führt Rach erstmal die zahllosen defekten 30 Jahre alten Küchengeräte vor. Der Hamburger ist geplättet und kann nicht verstehen, weshalb der Wahrmund  nicht schon längst entweder die Sachen repariert oder sich verdrückt hat. Schnell sucht der das Gespräch mit der jungen Chefin und fordert sie auf, sich zu entscheiden, ob sie zukünftig überhaupt noch eine Küche anbieten will oder das “Café Tabac” nicht lieber zur reinen Kneipe macht. Katerina gesteht dabei kleinlaut, dass sie so klamm ist, dass nicht mal Reparaturen der Küchengeräte drin sind. Das war’s für den ersten Tag, Rach ist völlig erschöpft und gönnt sich erstmal eine Nacht Pause. (passende Hintergrundmusik: “Rette mich” von Tokio Hotel)

    Am zweiten Tag steht bei Rach immer der traditionelle Rundgang durch das zu rettende Etablissement an. Katerina führt ihn zunächst in das “Raucherzimmer”, das passenderweise direkt vor der Küche liegt. Das Raucherzimmer ist eine glatte 9,0 auf der nach oben scheinbar offenen Ekelskala. Der Raum ist nicht nur orange-gelb vom Nikotin, es schimmelt auch an Decken und Fußbodenleisten. Auf ein paar Lautsprechern an der Wand wachsen sogar komische Dinger, falls das Zeugs lebt, müsste es taxonomisch irgendwo zwischen Beulenpest und Koralle eingeordnet werden. Ein weiterer Spezialfall ist der so genannte Personalraum, ebenfalls seit gefühlten 150 Jahren ungelüftet und seit dem Pleistozän nicht mehr renoviert. Sein anheimelnder Mittelpunkt ist die mumifizierte Kaffeemaschine, als zusätzliches Highlight gibt es Schimmelflecken und die sich abpellende Tapete an der Decke. Die Idee, diesen Raum mal frisch zu streichen, ist über das Projektstadium nie hinausgekommen, sagt Katerina und lacht hilflos.

    Danach geht Rach allein nochmal in die Küche und kriegt von Koch Jan die Hiobsbotschaft, dass er die ganze Situation nicht mehr mitmachen und in den Sack hauen möchte. Der zig-fache Gastronomie-Nobelpreisträger Rach ist geschockt, fädelt mit seinem immensen Einfühlungsvermögen aber schnell ein Gespräch zwischen Katerina und Jan ein. Beide reden dabei Tacheles und werden sich einig, dass sie MITEINANDER versuchen wollen, die Karre aus dem Dreck zu ziehen – was hier durchaus wörtlich gemeint ist.

    Mit neuer Zuversicht wird jetzt die Besichtigung in der Küche fortgesetzt und Rach kann nur konsterniert konstatieren, dass eigentlich das gesamte Inventar in den Schrott gehört, komplett und ausnahmslos. Der Laden existiert seit gut 30 Jahren und genau so alt sind auch sämtliche Geräte, die damit ein Mehrfaches ihrer normalen Lebenserwartung auf dem Buckel haben.

    Der dritte Tag beginnt mit einer großen Personalversammlung um sämtliche Mitarbeiter auf die anstehenden Veränderungen einzunorden. Schnell wittern die ersten eine Speisekartenrevolution und kämpfen um die Schale Milchkaffee und das belegte Baguette wie eine Löwenmutti um ihr Löwenjunges. Rach redet ihnen ins Gewissen, die Seele des Café Tabac sei nicht das Baguette, sondern das seien sie, die Mitarbeiter. Gerade die bisherige Speisekarte haben doch am Ende zu den bekannten Problemen geführt, darum müsse man auch hier Änderungen vornehmen, schließlich gehe es doch um die Arbeitsplätze aller Anwesenden.

    Rätselhafte und unerklärte Dinge geschehen in der Küche: Die alten Geräte inkl. Herd und Kühlkombination werden abgeholt und entsorgt. Dabei enthüllen die von der Wand gerückten Gerätschaften noch die eine oder andere widerliche Stelle auf dem Fußboden, die beim Zuschauen für einen heftigen Würgereflex sorgt. Später wird ein niegelnagelneuer Gasherd angeliefert, bei dem tatsächlich alle Flammen funktionieren und nicht nur zwei. (Hintergrundmusik: “Krieg der Sterne”) Das ist zugleich Freude und Verpflichtung für Küchenchef Jan, denn jetzt fällt für ihn eine wichtige Ausrede für schlechtes Kochen weg. Kurz darauf finden auch noch ein Lavasteingrill und ein neuer Kühlschrank den Weg ins Café Tabac. Was ja aus dem Blickwinkel der Hygiene durchaus zu begrüßen ist, erzeugt bei mir die leider unbeantwortet bleibende Frage, wer das alles bezahlt! Katerina ist blank, das hat sie mehrmals öffentlich erklärt, und eine Transplantation aus dem Rach’schen Restaurantimperium auf Geschenkebasis ist das bestimmt auch nicht, also hat doch vermutlich RTL ein bisschen zugeschustert. Ist ja auch o.k., Katerina und ihre Leute haben das verdient, keine Frage. Nur eine Erklärung für uns Zuschauer wäre doch trotzdem nett gewesen.

    Auch am vierten Tag wird umgebaut im Café Tabac; Katerina hat offenbar die Nacht durchgemacht und ist schon (oder noch) ziemlich gnatzig. Dieser Tag steht ganz im Zeichen von Christian Rach, denn er zeigt den Küchenkräften, wie man – also er – es richtig macht. Für jeden Mitarbeiter gibt es ein Stück Entrecôte vom neuen Lavasteingrill und frisches Gemüse und natürlich scheint es allen zu schmecken.

    Der letzte Tag sieht die Wiedereröffnung des flugs renovierten Café Tabac. Alles dauert länger als gedacht und der Zeitplan gerät böse in Schieflage. Die Eröffnungsgäste müssen erstmal draußen auf der Terrasse warten (gut, dass das im Sommer gedreht wurde) und als sie dann endlich ins Restaurant dürfen, “ertrinkt” die Küche schnell in Bestellungen. Rach gerät in einen hier offenbar ungewohnten Kommandierton. Er sieht alles und verzeiht nichts. Hier wird zu viel Speck genommen, da sind die Portionen zu groß, dort steht die Pfanne schief auf dem Herd… zu spät, der Pfannkuchen hat linksseitig Ähnlichkeit mit Holzkohle angenommen und muss entsorgt werden. Rach fühlt sich als Mittelpunkt des Wirbelwinds offensichtlich pudelwohl, alle anderen dürften wohl momentan den Tag verfluchen, an dem sie den Hamburger zu sich riefen. Die Gäste sind dagegen angeblich hochzufrieden, behauptet RTL. Für Christian Rach genau der richtige Zeitpunkt, um den Laden zu verlassen, er verabschiedet sich zunächst vom Café Tabac.

    Zwei Monate später ist “Zahltag”, Rach kommt zurück um nach dem Rechten zu sehen. Das Café ist gut besucht, aber Katerina berichtet ihm etwas ominös von Personalproblemen in der Küche. Sie helfe dort nun höchstselbst aus und mache gleichzeitig die Bedienung. Und ihre Mutter helfe auch noch dabei aus. Den bestellten Blaubeerpfannkuchen gäbe es nicht mehr, stattdessen enthalte der nun “dieses und jenes” Obst der Saison. Hmmm, ein Besuch in den Küchenräumen bringt dann leider nicht das erhoffte Wiedersehen mit Jan Wahrmund (der hat heute seinen freien Tag), stattdessen drücken sich zwei neue Weißkittel schnell aus dem Licht der Kamera. Profi Rach fährt mit seinem Finger über die Dunstabzugshaube: Alles o.k., die Küche ist sauber. Gleichzeitig mit dem bestellten Steak kommt auch der eigentlich dienstfreie Jan hinzu. Der wirkt ziemlich fertig, hat sich wohl in den letzten Wochen küchentechnisch ziemlich verausgabt. Rach macht ihm Mut, sie seien absolut auf dem richtigen Weg. Katerina und Jan bedanken sich artig beim Sternekoch und man scheidet als Freunde.

    Also, auch zur Halbzeit der aktuellen Rach-Staffel hält sich weiterhin die schon in den ersten Folgen beobachtete Tendenz: Es menschelt mehr als früher, wird weniger gestritten und das Ganze spielt kaum noch in der Küche. Stattdessen geht es fast immer um die möglichst richtige Platzierung und Dosierung des fehlenden Arschtritts, damit die Restaurantbetreiber in die richtige Richtung geschubst werden und danach allein weiter laufen können. Für Arschtritte ist Christian Rach bekanntlich genau der richtige Mann, aber sein preisgekröntes Kochtalent könnte meinetwegen gern mal wieder etwas öfter aufblitzen. :-)

    Weitersagen:

    • del.icio.us
    • Facebook
    • Google Buzz
    • LinkArena
    • Webnews.de
    • Yahoo! Bookmarks
    • Yigg
    • MisterWong
    • Live
    • LinkedIn
    • Digg
    • Google
    • Blogger

    Posted by TV-Glotzer @ 1:31 am

    Tags:

  • Leave a Comment

    Please note: Comment moderation is enabled and may delay your comment. There is no need to resubmit your comment.