Wieder ist Samstagabend, draußen pfeift der unerbittliche Winterwind durch die vereisten, menschenleeren Straßen, doch in den Häusern und Herzen wird es auf einmal ganz warm: Es ist soweit, im ganzen Land scharen sich die Freunde des gepflegten Fremdschämens um die Fernsehgeräte, um ihrem Oberpriester Dieter Bohlen beim Zelebrieren der heutigen Menschenopfer zuzusehen. Spannend, wen der Schlagertitan aus Tötensen in seinem Format “Deutschland sucht den Superstar” heute den medialen Schlangen zum Fraß vorwirft und wer in seinen Augen Gnade findet und für maximal ein paar kurze Wochen ein Leben im Rampenlicht führen darf. Vorhang auf!
Mit einem kurzen Zusammenschnitt heulender Kandidaten, die gerade ihre Begegnung mit Bohlen hatten, stimmt uns RTL auf die kommende Stunde ein. In einem seltenen Moment der Reflexion erklärt der Meister sein Bedauern über seine Rolle als “Arschloch”. Es sei aber nun mal Aufgabe der Jury, den Kandidaten zu erklären, dass das Traumschloss ihrer Musikerkarriere im Lichte ihres Könnens denn doch nur eine Einzimmerwohnung sei.
In diesem Sinne passt der nächste Kandidat wie die Faust auf’s Auge: Der 24-jährige Markus kommt aus Ingolstadt und spricht so, wie Menderes singt, nämlich mit einer dünnen, leisen Mädchenstimme. Er selbst behauptet im Einspieler, seine Stimme sei wie die von Justin Timberlake und so wie der, könne er auch tanzen, das habe er oft genug Zuhause ausprobiert. Gott sei Dank, ich bin beruhigt, jetzt kommt also ein Profi!
Er schleicht buchstäblich ins Studio und stellt sich dann so leise vor, dass die Jury kollektiv nichts versteht. Im zweiten Anlauf hört wenigstens Nina Eichinger etwas und macht dann für Onkel Dieter (wird bald 56) und Volker Neumüller die Gebärdendolmetscherin. Fatalerweise fordert Dieter den Kandidaten zuerst auf, zur Einstimmung eine Runde zu tanzen. Das geht schon mal völlig in die Hose, er hüpft stocksteif über das Parkett und dreht sich unmotiviert herum, da hatten selbst die menschenscheuesten Landwirte von “Bauer sucht Frau” mehr drauf. Als er dann auch noch singen soll, ist er endgültig überfordert, hat offenbar sämtliche Titel und Texte vergessen und zieht deshalb umständlich eine handvoll Spickzettel aus der Tasche. Bohlen vergräbt das sorgenfaltige Gesicht in den Händen und bedauert intern vermutlich mal wieder sein Schicksal, bis in alle Ewigkeit eine endlose Prozession der Dilettanten an sich vorbei ziehen lassen zu müssen. (Selbst schuld, was ist er auch so geldgeil!)
Markus Vorstellung von “21 Guns” von Green Day verkommt zur unfreiwilligen Parodie und die Jury beendet das Trauerspiel, als er gerade mal den Faden verloren hat. Was der Kandidat selbst dazu sagt, versteht wieder keiner, weil er zu leise spricht. Draußen vor der Tür bringt er noch das wunderschöne selbstkritische Statement “Der Gesang reicht nicht fürs Singen” und verzieht sich dann zurück in die ihm gebührende mediale Bedeutungslosigkeit. Wenn’s schlecht läuft, sehen wir ihn im nächsten Jahr beim Casting wieder…
Céline Denefleh ist 16 und kommt aus Mannheim. Sie sieht mit ihrem dunklen Teint und den langen braunen Haaren nicht nur gut aus, sondern hat auch noch lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen, was im DSDS-Kontext durchaus von Vorteil sein kann. Ihr gesamter Auftritt wird von RTL “einfühlsam” mit lautem Herzpumpen und EKG-Pieptönen unterlegt und vor der Studiotür inszeniert man noch schnell ihre Angst, jetzt gleich da drinnen einen Herzanfall zu bekommen. Den hat sie aber gar nicht nötig, denn sie singt “There you’ll be” von Faith Hill einigermaßen unfallfrei und kommt lt. Bohlen dank ihrer schönen Augen und der positiven Ausstrahlung weiter in die nächste Runde.
Nun wird es ganz schlimm: Florian (15) kommt aus der Nähe von Passau, spielt in einer Blaskapelle und sieht frisurentechnisch etwas aus wie “Wundertrompeter” Stefan Mross. Er ist stolzer, überzeugter Bayer und weiß aufgrund seiner umfangreichen Lebenserfahrung schon jetzt, dass er nirgendwo anders als in seiner weiß-blauen Heimat glücklich sein könnte. Und das auch nur in Lederhosen. Aus diesem Grund zieht er das derbe Beinkleid auch bei seinem Casting-Auftritt an, was ihm zumindest einen Bonuspunkt für Originalität sichert. Ob das allerdings bei dem eher den flachen Küstengefilden zugeneigten Dieter Bohlen viel hilft, wage ich zu bezweifeln. Der fragt Florian jedenfalls schon bei dessen kräftig mundartlich gefärbter Vorstellung, ob er auch Hochdeutsch könne. Dieser sagt “joa” und brabbelt so weiter wie zuvor – offensichtlich ist das nämlich schon sein Hochdeutsch…
Den Titel “All Summer long” von Kid Rock singt Florian mit MP3-Player im Ohr, was sich schon bei diversen anderen Kandidaten sehr nachteilig auswirkte und auch diesmal nicht funktioniert, weil nur er die Instrumentalpassagen im Lied hören kann und für alle anderen an diesen Stellen dämliche Pausen entstehen. Macht aber eh nichts, er kann weder singen noch Englisch und die RTL-Scherzkekse blenden den Liedtext in Lautschrift ein, so wie man den jungen Trachten-Bayer versteht. Bohlen hebt schließlich den Arm und bittet um Gnade für die Zuschauer: “Eher werde ich Papst, als dass Du weiterkommst!”. Die restliche Jury wird nicht mal mehr gefragt und mit dieser Abfuhr hat sich vermutlich das Saupreissn-feindliche Weltbild des Jung-Bajuwaren bestätigt.
Meike Büttner ist 27, kommt aus Berlin und findet sich “total geil”. Bohlen fällt beim Anblick ihrer Leder-Leggins wieder der unterirdische Herrenwitz mit den “Taubstummenhosen” ein, den ich schon in der 3. Casting-Folge nicht erklärt habe. Irgendwie käme Meike für ihn “komisch rüber”, ob und welche Drogen sie nehme, erkundigt er sich. Die gibt das Kompliment ungebraucht zurück, die Jury käme auch komisch rüber und sie seien ja alle “Fernsehfiguren”. (???) Danach setzt sie sich auf einen Hocker und singt zur Gitarre einen eigenen Song. Zwischendurch entgleist sie ein paar Mal beim Klampfen, wird ungeplant atonal und Bohlen muss lachen, worauf sie irritiert abbricht. Von Volker bekommt sie ein “Nein”, Nina entscheidet sich für ein “wackeliges Ja” und Dieter gibt ihr auch ein “Ja” mit der Erklärung, DSDS sei nun mal ein “Format für Geisteskranke”.
Als DSDS-Profizuschauer merkt man schon am verarschungslosen Einspieler, dass der nächste Kandidat in den Recall kommen wird: Manuel Hoffmann ist 19 und geht in den Kindergarten… als Praktikant. Er strahlt so eine gewisse selbstsichere Ruhe aus, trägt ein lustiges T-Shirt und einen dicken Brilli im Ohr. Seine beiden Songs von Amy Winehouse und Xavier Naidoo kommen auch gut rüber und hastunichtgesehen hat er die gelbe Recall-Einladung in der Hand.
Dramatisches Intermezzo: Als (oder weil?) ein zu seinem Glück namenloser ET-hafter Kandidat im orangen T-Shirt sich an Nenas “99 Luftballons” vergeht, kriegt Nina einen Kreislaufkasper und verfolgt den weiteren Verlauf der peinlichen Vorstellung aus der Teppich-Perspektive. Nachdem der Bewerber die Flucht angetreten hat, geht es Nina gleich wieder besser und sie kehrt zurück an ihren Arbeitsplatz zwischen Dieter und Volker.
Als nächstes kommt der 23-jährige Harum Yelec, Spross einer Berliner Döner-Fabrikanten-Dynastie. Der Jung-Metzger singt irgend so ein Lied namens “Aische” von einem Murat oder Mehmet, da ist er sich nicht so ganz sicher. Vorher und nachher lacht er ein paar Mal unmotiviert, hmm, merkwürdig. Bohlen kann sich auch keinen Reim darauf machen und fragt nach weiteren Liedern. Fragmente von “Father and Son” von Cat Stevens hätte er noch im Angebot, weiß allerdings nur für eine halbe Strophe den Text. Das Luftgitarren-Intro ist sehenswert, danach geht es annehmbar weiter bis zum ersten Refrain und dann hat die Jury was zum Grübeln. Bohlen attestiert Harum einen “Schaden”, deshalb sei er bei DSDS genau richtig. Nina lässt ja gewohnheitsmäßig bei Dieter denken und schließt sich deshalb seinem “Ja” an. Damit ist Volkers Meinung mal wieder egal und Harum rennt triumphierend aus dem Studio.
Verena ist ebenfalls 23 Jahre alt, muss aber ohne Einspieler auskommen und am Ende auch ohne DSDS-Karriere. Sie knödelt “Ain’t nobody” von Chaka Khan, gewinnt damit aber keine Freunde in der Jury, nur ihr Parfüm mag Dieter Bohlen. Mit “du riechst gut, alles andere ist Scheiße” verabschiedet er sie wie ein Gentleman aus dem Wettbewerb.
Ein alter Bekannter aus dem Vorjahr ist Kevin Rebstock (19). Inzwischen ist er 22 Kilo leichter geworden und hat blonde statt schwarze Haare, wobei die aussehen wie eine misslungene Kopie von Daniel Schuhmachers Integralhelmfrisur. Mit “Mama do” von Pixie Lott kann er die Jury stimmlich überzeugen, ansonsten sehen sie erheblichen Handlungsbedarf, was seinen Style angeht. Für seine Bemerkung “Du siehst richtig Scheiße aus, wie ‘ne geisteskranke Blondine” muss Dieter Bohlen mal wieder einen Euro in sein Sparschein stecken. Dessen Inhalt dürfte mittlerweile auch schon für einen kleinen Urlaub reichen. Egal, Dieter sagt trotzdem “Ja” und die restliche Jury natürlich auch.
Als nächstes stürmt eine Vertreterin der Spaß-Fraktion ins Studio: Jutta ist 24 und kann nicht singen. Dafür macht sie dabei aber ziemlich viel Krach und stelzt etwas seltsam vor dem Jurytisch über das Parkett – das soll Tanzen sein. Tinas Turners “What’s Love got to do with it” sieht bei Jutta eher aus wie Power-Aerobic. Diesmal macht Volker den Terminator: “Du kannst Dich nicht bewegen und Du kannst auch nicht singen”, ist sein vernichtendes Urteil. Dieter lässt einen Euro springen und setzt noch einen drauf: “Ich schätze, das ist bei Dir Realitätsverlust, weil Du nicht checkst, wie Scheiße das aussieht.” Dreimal “Nein” ist das endgültige Todesurteil für ihre DSDS-Karriere…
Den Schluss macht der freundliche Malcolm Ohanwe, der zwar erst 16 ist, mit seinem Dreitagebart allerdings eher wie 20 aussieht. Er singt etwas atemlos “Let me love you” von Mario und Jackos “You are not alone”, kann die Jury aber nicht überzeugen. Dieter stoppt ihn zwischendurch “wo ist Dein Rhythmus?” und auch Volker prophezeit “das wird nichts”. Aber Malcolm hat ein Kämpferherz unter seinem blauen T-Shirt, erst singt er immer weiter und bettelt dann um den Einzug ins Recall, er sei nur aufgeregt, könne eigentlich toll singen und rappen und bittebittebitte… Schließlich kocht er Bohlen weich, trotz der beiden “Neins” von Nina und Volker sagt der “Scheff vons Janze” nun “Ja” und reicht Malcolm den Recall-Zettel (weiter wird der aber auch nicht kommen). Keine Ahnung, warum die anderen beiden Juroren überhaupt noch im Studio sitzen müssen, bisher gab es keine einzige Entscheidung an Dieter vorbei.
Das heutige Casting hat mir überhaupt nicht gefallen, das waren alles ziemlich schwache Kandidaten, finde ich, viel Blabla und heiße Luft. Aber gut, bei 35.000 Bewerbern muss man da wohl durch. Die letzten Fahrkarten für den Zug ins Recall werden am Mittwoch vergeben, danach werden aus den 120 Kandidaten der zweiten Runde die 10 Finalisten der Mottoshows herausgesiebt. Man sieht sich!





