• DSDS (RTL) 21.01.2010

    Dieter Bohlen ist ein Phänomen: Heute kommt schon die fünfte Runde mit Bewerbern aus “Deutschland sucht den Superstar” und noch immer findet der Poptitan aus Tötensen neue Pöbelsprüche.

    Die kann er denn auch gleich wieder anwenden, denn die heutige Ausgabe startet mit einem Bewerber aus der Abteilung “Triller unterm Pony”. Michael-Steve muss man wohl als Gesamtkunstwerk bezeichnen. Der 25-Jährige sieht mit seinen glatt gegelten, schwarz gefärbten Haaren, Anzug und knalligem Schlipps schon bauseitig komisch aus, bezeichnet sich selbst als “irre, durchgeknallt, ein bisschen verrückt” und ist von Beruf “telemedialer Lebensberater”, was so eine Art Wahrsager zu sein scheint. Vor der Jury aus Dieter Bohlen, Nina Eichinger und Volker Neumüller ist dann aber Schluss mit Hokuspokus. Dieter pflaumt den Kandidaten schon beim Reinkommen an, mit “Du siehst ja aus wie eine Schießbudenfigur” schafft er von Beginn an die notwendige Distanz, die ein Henker zu seinem späteren Opfer eben braucht. Noch bevor Michael-Steve den ersten Ton gesungen hat, klingelt schon ein Euro in Bohlens “Scheiße-Schweinchen”, als dieser sich über des Kandidaten Anzug auslässt. Als er dann ankündigt, von Gareth Gates “Unchained Melody” singen zu wollen, meckert der Chefjuror nochmal: “warum singen immer die Leute, die nicht singen können, die schönsten Titel?”. Und tatsächlich hat Dieters jahrelange Schwerstarbeit im Kohlenkeller der deutschen Popmusik ihm den richtigen Riecher gegeben: Der Kandidat hat soviel Musikalität wie ein Pantoffeltierchen und beendet damit an Ort und Stelle seine knapp dreiminütige Karriere als Superstar. :-(

    Nun wieder eine quirlig-sympathische 16-Jährige: Die schwarzhaarige, kulleräugige Lisa kommt aus Frankfurt/Main und bringt eine erstklassige Homestory mit ins Studio: Ihre Mutter ist vor ein paar Jahren beim Fensterputzen aus der ersten Etage gefallen, aber glücklicherweise auf dem eigenen Auto gelandet. Dieses Erlebnis hat die Familie zusammengeschweißt und aus irgendeinem Grund muss Lisa deswegen heute hier vorsingen. Sie kommt mit “Rehab” von Amy Winehouse. Dieter ist das zu tief “Du singst wie ein Typ”, sie muss noch ein zweites Lied hervorkramen und wird dann mit dem gelben Zettel der Recall-Einladung belohnt – unter der Auflage, bis dahin ihr Piercing aus dem Mund geschraubt zu haben. :-)

    Danach kommt ein Vollspacken: Der angeblich (aber unbewiesen) megacoole Typ mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom heißt Julian, ist 21 Jahre alt, hat sich den historisch nicht unproblematischen Künstlernamen “Wilhelm III.” ausgesucht, macht seit dem 10. Lebensjahr Musik und fabriziert dabei ausschließlich “Ohrwürmer”. (Upps, Konkurrenz für Dieter?) Er sei in seiner Gegend “um Fulda herum” ziemlich bekannt, glaubt er zu wissen. Er bringt einen Verstärker mit, den er im Beisein der Jury erst mal kompliziert verkabelt, und rapt dann ein Lied aus Eigenproduktion. Der Refrain “Bye Bye, Indian Girl” inspiriert Bohlen zu einer Blitzverabschiedung von Julian: “Deine Komposition besteht aus zwei Tönen, singen kannst’e null, Deine Stimme klingt nicht gut, nur der Verstärker ist ok… Das klingt, als wenn einer auf dem Klo sitzt und ‘nen Darmverschluss hat.” Da ist sie also wieder, Bohlens Analmacke! Ganz so mies fand ich persönlich die Stimme nicht und Onkel Dieters Kompositionen haben meist auch nicht viel mehr als zwei Töne, aber Julians aufgesetzte Coolness musste echt bestraft werden. :-(

    Als Kontrast tritt als nächstes der Australier Joel Havea (27) auf. Er ist erst seit vier Monaten in Deutschland und seine Freundin hat ihn offenbar als Gag bei DSDS angemeldet. Joel teilt das traurige Schicksal vieler Ausländer, insbesondere derer, die weit entfernt von Deutschland wohnen: Er kennt Dieter Bohlen nicht!!! Am Vortag hat er sich erstmals einen alten Videoclip von Modern Talking angesehen und muss darüber noch bis zur Studiotür lachen. Er tritt mit Gitarre auf und singt, nein performt “Superstition” von Stevie Wonder. Die Jury ist – wie fast immer unisono – rundum begeistert, er könne sehr gut Gitarre spielen, sehe gut aus, hätte Power, also ab dafür in den Recall. :-)

    Noch ‘ne schwarzhaarige 16-Jährige, was ist denn heute los? Valeria Giordano ist Schülerin und kommt aus Ludwigshafen am Rhein. Sie beehrt die Jury heute, weil ihre Schwester Fausta bei DSDS im letzten Jahr unter die Top 15 kam und das will sie unbedingt toppen. Neben einer traurigen Homestory (sie hat Diabetes) hat Valeria aber auch weibliche Reize zu bieten, weshalb Dieter Bohlen ihr Erscheinen im Studio mit einem anerkennenden Bauarbeiterpfiff würdigt. Passenderweise singt sie “Sex Bomb” von Tom Jones und beweist bei ihrem ganz ordentlichen Auftritt, dass die Musik-Gene in ihrer Familie gerecht verteilt sind. Schon wieder ist sich die komplette Jury einig und schickt Valeria zu Recht in den Recall. :-)

    Hurra, wir können uns das restliche Casting und überhaupt alle weiteren DSDS-Shows sparen, denn Bartolo (26) aus Köln ist nach eigener Einschätzung der nächste Superstar. Der Möchtegern-Latino und Vorstadt-Schönling wird deswegen in seinem Einspielfilmchen von RTL lächerlich gemacht, soweit er das nicht schon selbst besorgt hat. Was er genau singen will, kann ich wegen seines Genuschels nicht verstehen, es beginnt auf jeden Fall mit “tü tü tü, oh yeah” und an dieser Stelle lacht Bohlen bereits. Am Ende fällt sein Urteil vernichtend aus: “Wo hört der Gesang auf und fängt die Straftat an?”, fragt er sich und uns. :-(

    Mit der Startnummer 38257 geht Dirk Petry (27) aus dem Saarland ins Rennen. Der Lulatsch trägt Cowboyhut und Karohemd und klampft sich vor dem Studio schon mal warm. (Ob eine verwandschaftliche Beziehung zu dem von manchen sehr geliebten Wolle Petry besteht, wird von RTL leider nicht verraten.) Kuhjunge Dirk gibt ein bluesiges “Hallelujah” zum besten, musikalisch ziemlich ok, aber der Mensch wirkt dabei so angespannt, als ob ihm gleichzeitig ein Zahn gezogen würde. Dieter Bohlen hat ja bekanntlich ein Faible für komische Typen (Stichwort: Holger) und gibt ihm deshalb ein Ja. Die anderen beiden Jury-Marionetten sind diesmal überraschenderweise anderer Ansicht und geben ein Nein. Kaum ist Dirk draußen, beginnen die beiden Abweichler zu grübeln, sagt das RTL-Drehbuch. Bohlen betont nochmal den Unterhaltungswert des Kandidaten und nach ein paar Momenten lassen sie Dirk tatsächlich zurückholen. Als zweites Lied knödelt er mit zusammengebissenen Zähnen “Baby one more time” von Britney Spears, lugt danach ängstlich unter seiner Dunstkiepe hervor und wird nach einigen Momenten der Stille von Volker erlöst, der ihm den ersehnten gelben Zettel reicht. Ich sag’s ja immer, Nina und Volker haben keine eigene Meinung, sondern sind nur Bohlens Feigenblatt gegen den Vorwurf des Castingshow-Despotentums. ;-)

    Zwischendurch die 10.000-Euro-Gewinnfrage von RTL (mit etwas Nachlesen in diesem Beitrag kann man das schon beantworten!): “Wie nennt man ein eingängiges Musikstück? a) Ohrwurm oder b) Regenwurm” Na, klingelt es?

    Blondschopf Marcel Pluschke ist 18, wohl ziemlich schüchtern, könnte aber wegen seiner blauen Strahleaugen und dem Dackelwelpenblick vom Fernsehen mit wenig Mühe zum Mädchenschwarm gepimpt werden. Achja, jetzt fällt’s mir ein: der Typ erinnert mich an Martin Stosch, der bei der DSDS-Staffel von 2007 immerhin ins Finale kam, wo er gegen Bohlen-Liebling Mark Medlock verlor. Marcel singt und spielt “Lemon Tree” von Fools Garden einigermaßen ok, wenn wir mal die unsägliche Gitarre und sein noch ausbaufähiges Englisch vergessen. Die Stimme ist etwas gewöhnungsbedürftig kehlig und erinnert mich kurioserweise an Marianne Faithfull, wem das was sagt. Bohlen ist von dem total ehrlich und unschuldig wirkenden Marcel völlig begeistert, auch wenn er den Gesang nur so lala findet. Vermutlich denkt er an die gute Vermarktbarkeit dieser Ein-Personen-Boy-Group im Bravo-Girl-Segment als er gesteht: “Ich könnte Dich abknutschen”. Jaja, Bohlen und die kleinen Jungs, da wird Mark Medlock aber toben… Nina schließt sich dem positiven Urteil des Übervaters an und was Volker sagt, ist eh egal, also sehen wir Marcel im Recall wieder. :-)

    Von niedlich auf gefährlich, der nächste Kandidat ist ein soooo cooler Typ, dass er sich im Einspieler nur noch mit zwei Bodyguards auf die Straße traut. Der “Checker vom Neckar” ist ein alter DSDS-Bekannter, nämlich Cosimo (27), der bei seinen beiden ersten Versuchen nicht über die Casting-Runde hinauskam. Das nervt mich in dieser Staffel echt, dass es rings um die Sendung mittlerweile einen ganzen Wanderzirkus mediengeiler Kleindarsteller zu geben scheint, deren Lebenszweck in nichts weiter besteht, als sich vor der Kamera lächerlich zu machen und dafür von Dieter Bohlen verbal vertrimmt zu werden. Wenn es im ersten Jahr nicht klappt, umso besser, dann kommen sie eben im nächsten Jahr wieder und im nächsten und im nächsten… Solche Clowns wie Menderes, Cosimo & Co. werden doch erst durch die unverdiente Bestätigung des jährlichen Bohlen-Anschisses dazu animiert, uns auch im nächsten Jahr wieder mit ihren Auftritten zu belästigen. Also am besten gar nicht beachten, die Bande…

    Aber wir kommen vom Thema ab: Cosimo hat es also irgendwie geschafft, wieder im Casting zu erscheinen. Bereits am Anmeldetresen droht er in die Kamera, Dieter Bohlen gleich in den Schwitzkasten zu nehmen. Das ist ja auch genau der Beweis für echte Coolness, wie souverän man mit Niederlagen umgeht… Offenbar hat Cosimo seine beiden schiefgelaufenen Auftritte von 2008 und 2009 noch immer nicht richtig verdaut und er sinnt heute auf Revanche. Zusammen mit seinen beiden “Bodyguards” betritt der Checker die Bühne, Bohlen stöhnt, schlägt sich die Hand vor den Kopf und verlässt das Studio. Cosimo bringt eine Art Parodie der ersten Strophe von Rednex “Cotton Eye Joe”. Keine Ahnung, was der ganze Auftritt soll, er kriegt von der Rest-Jury die verdiente dritte DSDS-Abfuhr, stänkert noch etwas im Studio herum und verabschiedet sich dann infantil-unfreundlich von Nina und Volker. Auf Wiedersehen bei DSDS 2011, fürchte ich. :-(

    Den Schlusspunkt setzen heute die zwei leicht nervigen Schwestern Anastasia (17) und Mercedes Kelz (19). Zuerst tritt Anastasia mit “Stuck” von Stacie Orrico vor der Jury auf. Die Frau quält sich bei den vielen hohen Tönen und versemmelt sie alle. Bohlen findet wie immer charmante Worte: “das klingt, als wenn man eine Handgranate in den Hühnerstall schmeißt”. Die Jury ist sich ziemlich einig, mit “Nein”, “Nein” und “Nö” ist DSDS für Anastasia beendet. Aber wer denkt, das war es schon, der hat die Rechnung ohne die kreativen RTL-Drehbuchschreiber gemacht. Denen fällt doch tatsächlich immer nochmal was Neues ein, um die Zuschauer am Abschalten oder Einschlafen zu hindern! Die gedisste Anastasia hat einen letzten Wunsch: “Herr Bohlen, bitte hören Sie sich noch meine Schwester an, die ist eine Bombe”, fleht sie. “Etwa so eine Bombe, wie Du?”, ätzt Onkel Dieter, lässt dann aber nach der Schwester schicken, die unten wartet, angeblich nichts ahnt und noch nicht mal offiziell bei DSDS angemeldet ist.

    Kurze Zeit später steht die ganz niedlich anzusehende “Bombe” dann vor den vier Jury-Mitgliedern. Vier? Vier! Dieter Bohlen hat nämlich Anastasia vorübergehend hinter den Tresen gebeten und sie darf sogar auf seinem Stühlchen sitzen, während ihre Schwester nun einen Beyoncé-Titel schmettert. Im Gegensatz zu den Giordano-Schwestern (s.o.), ist das Gesangstalent bei den Kelz-Schwestern sehr ungerecht verteilt: Bohlen und seine neue Kollegin sind ganz angetan von der aparten Mercedes, dem “Jungs-Magneten”, auch wenn ich persönlich ihre Stimme nicht für Gottes ultimatives Geschenk an die Menschheit halte. Nina und Volker schließen sich völlig überraschend Dieters Meinung an und damit gibt es – ein Novum – vier Ja-Stimmen, Mercedes ist weiter. :-)

    Mit diesem neckischen Episödchen verabschieden sich die DSDS-Protagonisten für ganze drei Tage; schon am Sonnabend leert Dieter Bohlen wieder sein Sternchen-Flusensieb direkt in den Ausguss namens RTL.

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    Posted by TV-Glotzer @ 11:16 pm

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