Vorweg meine Enttäuschung: Es gab heute schon wieder keine Spackenparade bei Rach! Die Protagonisten der neuesten Folge aus dem Rach’schen Schlemmeruniversum sind zum Knuddeln sympathisch, verstehen ihr Handwerk und haben einfach nur nicht genügend gute Ideen, um ohne professionelle Hilfe gegen die Konkurrenz bestehen zu können. Das vergrößert zwar die Aussicht auf ein menschlich zu gönnendes Happy-End, bringt uns aber um die Momente, in denen der Sternekoch am besten ist, nämlich wenn er unter dem Gejohle Fernseh-Deutschlands irgendwelche Küchen-Dilettanten vierteilt.
Ja wo bleiben denn die ganzen Gastro-Anarchisten, deren verdientem Untergang man früher immer so gern zugesehen hat? Und die mit schöner Regelmäßigkeit einen Ausdruck blanken Entsetzens auf das Gesicht von Meisterkoch Christian Rach zauberten, wenn er mit dem Fernsehen im Schlepptau völlig versiffte Küchen besichtigte? Welcher besserwisserische Kochazubi legt sich heute noch mit dem Messias der Mägen an? Richtig: Keine Sau! Stattdessen ist in den deutschen Restaurantküchen scheinbar der Weltfriede ausgebrochen – und damit die große Langeweile. Ey, RTL, diese Sendung lebt eigentlich vom Aufeinanderprallen unterschiedlicher Charaktere, nämlich einerseits dem Koch des hilferrufenden Etablissements, der tief innen drin noch immer überzeugt ist, das Richtige zu tun, während andererseits plötzlich ein dahergelaufener Fernsehkoch seinem Millionenpublikum erklärt, wie schlimm doch das Versagen des bisherigen Küchenchefs ist. Dann kommt es entweder zum großen Knall oder aber der alte Chefkoch liegt winselnd auf den Knien und bittet den Hamburger um Gnade. Auf jeden Fall war das immer sehr unterhaltsam. Aber gut, so sei es, machen wir halt in Harmonie…
Heute kocht Christian Rach jedenfalls im Restaurant “Altes Brauhaus“ im – wie bei RTL fast jeder Ort – “malerischen” Marburg. Der Laden gehört seit 1997 Karsten und Beate Wetzlar – mit überschaubarem Erfolg, d.h. die Kunden bleiben weg. Bei seinem Besuch stolpert Rach vor der Eingangstür erstmal über ein rätselhaftes Schild: “Wir machen von 14:59 Uhr bis 17:49 Uhr Pause; Küchenschluss 14:13 Uhr” steht darauf. Kaum hat der Meisterkoch die sympathischen Wirtsleute gefragt, weshalb sie ihn denn überhaupt gerufen haben, laufen bei Beate Wetzlar bereits die Tränen – so sehr drängen die Probleme.
Die Sache mit dem Schild wird erstmal hintangestellt, zunächst wird gespiesen. Rach hat wieder ein bisschen Hunger mitgebracht und er bestellt einen Salat und dazu parallel ein großes Wiener Schnitzel und ein Steak im Pfeffer-Cognac-Rahm. Als der Salat kommt, gibt’s gleich Mecker vom Meister: Der Salat ist viel zu groß, was sollen die komischen Orangenscheiben darin und beim Bier fehlt die Kohlensäure! Später ärgern ihn die mehligen Pommes, dafür mag er zur Abwechslung das Schnitzel. Dann kommen die so genannten Bratkartoffeln, die Rach mit einmal Draufsehen als Fälschung entlarvt: Sie stammen nämlich nicht aus der Bratpfanne, sondern von einer – dreckigen – Bratplatte, wie Karsten Wetzlar unter dem bohrenden Blick des Meisters gesteht. Der zerlegt nun die Reste des Wetzlar’schen Selbstbewusstseins gekonnt mit einem kurzen Satz: “Gib’ mir einen Grund, warum ich als Gast hier sein sollte.” Den bleibt das Besitzerehepaar schuldig und genau das sei das Problem, sagt die allwissende Stimme aus dem Off.
Rach sieht sich in dem gesamten Laden um. Das Inventar scheint ein wenig in die Jahre gekommen zu sein, vor allem die speckigen Sitzbänke. Beate hat einen ausgeprägten Dekorationsfimmel und offenbar leider auch keine Angst vor Kitsch. In der kleinen Küche ist dann aber alles bestens in Ordnung – schon mal die halbe Miete, wenn der Meisterkoch beim Anblick der Küche nicht kotzen muss… “Alles nett, aber austauschbar”, lautet die Bilanz des ersten Tags. Hausaufgabe für die Wetzlars ist, sich bis morgen zu überlegen, wie das Alte Brauhaus “unverwechselbar” werden könnte.
Am zweiten Tag geht Rach dann gleich ans Werk und nimmt die Wetzlars mit auf einen Rundgang durch die äh, na, ja klar malerische Marburger Altstadt. Man sieht sich die gastronomische Konkurrenz an und beschließt, dass das Brauhaus in Zukunft vor allem für rustikale Hausmannsküche stehen soll. Bei einem Gespräch mit der jungen Köchin Nadine äußert diese ganz erfrischend, sie fände den eigenen Laden und das angebotene Essen langweilig, sie selbst würde privat auf keinen Fall mit ihren Freunden herkommen und sowieso würde sie hier am liebsten eine Bombe zünden und alles wieder neu aufbauen. Rach ist begeistert und als die drei Küchengrazien dann auch noch anfangen, eine radikal rustikale neue Speisekarte zu entwickeln, schmilzt er nur so dahin. Lediglich Karsten, der Chef des Ganzen, scheint emotional auf der Bremse zu stehen und wirkt angesichts der geplanten Veränderungen skeptisch und viel zu ruhig, nach Rachs Geschmack.
Nützt ihm nichts, am dritten Tag wird gebaut: Rach hat ein paar Handwerkerkumpels (wer’s glaubt) aktiviert und nun werden die Wände neu in rot gemalt, die Innenfenster mit gelben Butzenscheiben fliegen raus, die langweiligen Bänke werden durch rustikale Exemplare ersetzt und auch für den Tresen hat Rach irgendwelche Pläne, die er aber heute noch für sich behält. Karsten steht noch immer herum wie Falschgeld und beteiligt sich kaum. Das kann Rach, der Mensch gewordene Küchenquirl, nicht verknusen und er faltet Karsten bei der ersten sich bietenden Gelegenheit zusammen, als der nämlich das Prinzip der neuen “rustikalen” Speisekarte voll nicht verstanden hat: Es gibt fortan eigentlich nur noch ein Hauptgericht, gebackenes Schnitzel nach Brauhausart, dazu wahlweise Kartoffelsalat oder gemischten Salat.
Tag vier steht im Zeichen der Küche: Rach will den drei Kochgrazien plus Karsten, ihrem Chef, mal verschärft über die Schultern sehen. Während die Damen sich einigermaßen geschickt anstellen, verheddert sich Karsten bei der Frikadellenfabrikation. Er wiegt Pfeffer, Salz und Muskat für das Mett in stoischer Ruhe ab, was den Meisterkoch auf die Palme bringt: “Du musst Gas geben mit den blöden Frikadellen, sonst wird das nichts!” Auch ansonsten fehlt überall elementares Wissen. Dass und wie man Bratkartoffeln richtig brät, müssen die Köchinnen sich erst vom Hamburger zeigen lassen. Als es Nacht wird und sich das Fernsehteam verzieht, blüht dann leider wieder Beates Dekomacke auf: In Nullkommanichts hat sie überall kitschige kleine Arrangements mit Servietten, Pfännchen und Kochlöffeln platziert, die Rach am nächsten Morgen stante pede wieder entfernen lässt.
Der letzte Tag bringt wie in jeder Folge die Wiedereröffnung des überarbeiteten Restaurants. Vermutlich hat sie sich in der vergangenen Nacht mit ihren kleinen Kitschdekos zu sehr verausgabt, denn heute hat Beate einen ziemlichen Durchhänger beim Einrichten des neo-rustikalen Schankraums mit den neuen Holztischen. Es gibt diesmal eine kleine Auswahl der neuen Speisekarte, die Küche ist auf einen Mega-Ansturm vorbereitet und der kommt auch tatsächlich. Wie immer bleibt es ein Betriebsgeheimnis von RTL, wieso es am letzten Tag einer Folge im RTL immer so knackevoll ist, vermutlich wurden die Gäste alle als Statisten gecastet. Oder vielleicht ist das auch einfach der Christian-Rach-Fanclub, der dem Meister aus Hamburg im Bus hinterhergereist ist? Egal, jedenfalls schmeckt es allen und ein paar besonders anbiedernde Gäste kündigen sogar an, zukünftig öfter mal wiederkommen zu wollen.
Ein paar Wochen später kommt der Sternebesitzer zur Kontrolle nochmal zurück nach Marburg, wird im “Alten Brauhaus” herzlich begrüßt und findet alles in bester Ordnung vor. Karsten erzählt, wie hart die erste Zeit mit der neuen radikal-rustikalen Speisekarte war. Er habe aber allen Anfechtungen widerstanden und trotz Bitten mancher Gäste keines der inzwischen abgeschafften Gerichte jemals wieder gekocht. Rach lässt sich nochmal das neue Hauptgericht “Brauhausschnitzel” mit Bratkartoffeln servieren, isst es komplett auf und zeigt sich rundum zufrieden. “Was man doch alles in einer Woche bewegen kann… um das ‘Alte Brauhaus’ mache ich mir jedenfalls keine Sorgen mehr”, resümiert er am Ende der heutigen Folge.
Das war’s, keine Wut- und Schreianfälle, keine beleidigten Köche oder ausgepumpten Mägen. Die neue Staffel kommt sehr zahm daher, zu zahm für meinen Geschmack.





