Kaum drei Tage Ruhe, da geht es schon weiter mit Deutschlands Suche nach dem Superstar. RTL öffnet wieder den Käfig zum Schaulaufen der Vollidioten. Der gnadenlose Oberrichter Dieter Bohlen leitet weiterhin das Tribunal, das innerhalb weniger Sekunden über Wohl und Wehe hoffnungsvoller Möchtegern-Musiker entscheidet, an seiner Seite die Laienrichter Nina Eichinger und Volker Neumüller. Und Bohlen will auch heute wieder Blut sehen…
Wäre das alles live, müsste Dieter heute übrigens etwas vergrätzt sein, denn lt. Bild-Online sind die humorlosen Eltern des Pipi-Kandidaten drauf und dran, ihn wegen der Verunglimpfung ihres Sohnes anzuzeigen. Wir erinnern uns an die letzte Woche: Der 18jährige Marcel hatte sich aus Angst vor Dieter Bohlen etwas in die Beinkleider erleichtert, jener hatte es bemerkt und herausposaunt und das Bild vom Hosenunfall war am nächsten Tag der Aufmacher in der Bild-Zeitung. Irgendwie ungerecht, um auf die Titelseite zu kommen, musste Daniel Schuhmacher immerhin den ganzen Wettbewerb gewinnen, Marcel schafft das schon mit einem einzigen Fleck in der Jeans – und kann noch nicht mal singen.
Heute geht’s los mit der 21jährigen Agnes. Sie spricht mit starkem Akzent, darum hatte ich erst “Akne” verstanden, hätte auch gepasst. Im Einspieler erzählt sie freimütig, dass sie eigentlich “Superstar in Amerika” werden wolle, aber sie ist halt bescheiden und fängt erstmal in Deutschland an. Dieter will wissen, aus welchem Land sie kommt: “Deutschland” – “Und Deine Eltern?” – “Auch Deutschland” – “Und wo hast Du den Akzent her?” – “Bei uns wohnen so viele Ausländer, da hab’ ich den übernommen.” – “???” . Voll krass, Alter! Sie singt Alicia Keys mit MP3-Player, weil sie sonst den Text vergisst… Das funktioniert diesmal genau so wenig wie beim letzten Mal bei Isabel, der bösartigen Frisörin. Agnes kreischt so erbärmlich, als würde ihr gerade eine Straßenbahn über den Fuß fahren. Die Jury verzieht kollektiv das Gesicht, Dieter ruckelt heftig an seinem Stuhl und hebt an zur Urteilsverkündung: “Soll ich ehrlich sein…?”. “NEIN!”, fällt ihm geistesgegenwärtig Mitjurist Volker ins Wort. Also gut, dann sagt Dieter es eben nur in abgeschwächter Form: “Du klingst wie ‘ne volle Windel! Und wenn ‘ne Windel voll Scheiße ist, dann schmeißt man die weg!”. Na siehst Du wohl, Dieter, wenn Du willst, kannst Du ja wirklich richtig freundlich sein. Hast Dir für Agnes so eine niedliche Analogie ausgedacht, hoffentlich versteht die das auch mit ihrem mickrigen Deutsch… Dieter erklärt es ihr sogar noch etwas: “Mit Deiner Stimme kann man nichts anfangen, Schnucki, die ist Kacke, aber das weißt Du auch, oder?”. Die blonde Ex-Sängerin nickt langsam und verzieht sich. Und der erste Euro klimpert in Bohlens Sparschwein, hat er doch wieder das böse Sch[...]-Wort gebraucht…
Kleiner Nachklatsch auf dem Flur: Agnes hat die Abfuhr gerade eben doch nicht ganz so problemlos verdaut und murmelt eine Drohung in die Kamera: “Ich weiß, wo Dieter wohnt!”. Sie ist tatsächlich noch blonder als gedacht.
Als Kontrast kommt nun der 17jährige Eugen Flittner aus Berlin – Typ Dominik Büchele – und lt. Einspieler offensichtlich ein Parkour-Fan. Er macht seit Kindesbeinen Musik, ist Frontman in einer Band, schreibt eigene Songs, sieht gut aus und kommt heute nach seinem Vorsingen ohne Probleme in die nächste Runde. Dieter ist so begeistert, dass er ihm den ganzen Stapel mit gelben Recall-Zetteln zuwirft “hier, such’ Dir einen aus!”.
Danach kommt noch ‘ne Professionelle: Kader Defli (19) aus Lübeck hat auch eine Band, singt und spielt Schlagzeug und ist nach eigener Einschätzung weder eingebildet noch arrogant, sondern “ein sehr liebes Mädchen”. Lt. Bild-Online ist das heute bereits ihr dritter Versuch bei DSDS. Für den Fall, dass es auch diesmal mit der Superstar-Karriere nicht klappen sollte, hat sie sogar noch einen Plan B: Dann will sie Jura studieren. Oder Plan C: zu RTL als Kabelträgerin, Kamerafrau oder “Tonträgerin” (!). Keine Homestory? Aber sicher! Kader zerrt ihren etwas scheuen Freund vor die Kamera: “Das ist Albert, wir sind seit einem Jahr verlobt, aber es gibt keinen Sex vor der Ehe!”. Albert schluckt sichtbar, wirkt irritiert. Schön, dass das jetzt alle wissen… Wer da wohl Zuhause die Hosen anhat?
Als Kader mit ihrer Gitarre das Studio betritt, pupt sie rum, dass es ihr hier zu heiß sei. Bohlen ist sofort vergrellt: “Kommst hier rein und fängst gleich an zu meckern.” Eigentlich hätte sie an dieser Stelle schon umdrehen können, wen Dieter nicht mag, den lässt er auch nicht durch, logo. Und da sie schon bei den letzten beiden Casting-Versuchen rausgeflogen ist, hat sie auch null Sympathiebonus. Aber manche lernen es eben nie. Schon bei Kaders ersten schrägen Takten winkt Dieter ab und schüttelt den Kopf. Die Gitarre ist völlig verstimmt und passt überhaupt nicht zum Gesang. Vielleicht ist es aber auch genau umgekehrt. Kader entschuldigt sich, sie könne nun mal keine Gitarre stimmen. (Das muss man wohl tolerieren, wäre ja auch noch schöner, wenn Leute in einem Musikwettbewerb benachteiligt würden, nur weil sie unmusikalisch sind…) Dieter gibt ihr aus unerklärlichen Gründen noch einen zweiten Versuch, jetzt aber ohne Gitarre. Diesmal muss irgend etwas anderes Schuld sein, denn es klingt wieder “Scheiße” (1 Euro ins Schwein). Bohlen attestiert ihr eine belanglose Teflon-Stimme, “da bleibt nichts hängen”.
Kader ist noch nicht von ihrer Unmusikalität überzeugt. “Kann ich noch’n Lied singen?” – “Nö” – “Warum?” – “Weil Du nicht singen kannst!” – “Ich KANN singen!” – “Nööö!”. Nun kommt es zum Eklat, der Diva ist die Hitze vermutlich wirklich etwas auf die Denkmurmel geschlagen und sie patzt los: “HALLO, ich hätte heute eine Mathe-Arbeit schreiben können und bin stattdessen extra hierher gekommen, DAS IST GEMEIN!!!”. Nach diesem kleinen Beweis ihrer Professionalität schickt sie sich endlich zum Gehen an, wirft aber Dieter mit gestrecktem Mittelfinger von der Tür aus noch einen diabolischen Blick zu: “Ich seh’ Dich in der Hölle!”. Wie eine Furie rennt Kader aus dem Studio, greift sich draußen ihren armen Freund und verlässt mit ihm schimpfend wie ein Rohrspatz das Lokal.
Oh Mann, Dieter, sieh’ Dich vor, Du musst in Deinem Leben bestimmt noch ein paar gute Taten vollbringen, sonst bist Du verdammt, auf ewig die dämliche Kratzbürste Kader mit ihrer verstimmten Gitarre zu ertragen… (Mein Tipp: Man sieht sie wieder bei DSDS 2011, natürlich weiterhin völlig talentlos!)
Zur Abwechslung kommt nun wieder ein harmloser Irrer, nämlich Atilla mit der Mikrofonmacke. Der hält sich beim Singen die Faust vor den Mund, als wäre sie ein Mikro, was ziemlich bekloppt aussieht. Die Jury steigt darauf ein und spricht sich ebenfalls in die Fäuste. Nur Nina kann sich zu einem “Ja” durchringen und damit müssen wir im Recall auf Atilla verzichten.
Naomi Marte ist niedliche 16, singt und spielt Akkordeon – letzteres gern in der Fußgängerzone ihrer Heimatgemeinde, wenn man dem Einspieler glauben darf (was man natürlich NICHT tun sollte). Die Jury guckt einigermaßen perplex, als sie das schwere Schifferklavier ins Studio schleppt. Volker ist sogar bis zur Sprachlosigkeit paralysiert, offenbar passt Naomi genau in sein Beuteschema. Der Gesang ist eher so lala, weil sie angeblich wegen des sperrigen Akkordeons nur so schwer Luft kriegt, aber wie gesagt: sie ist niedlich und gutartig, das zählt ja auch. Man sieht sich im Recall.
Nun wird es wieder etwas exotischer: Die 18jährige sympathische Frohnatur Carmen Telschig, Typ blonde Wuchtbrumme, kommt mit ihren silbern glänzenden Lieblings-Leggins ins Studio. Aus DSDS-Sicht ist sie vom Schicksal begünstigt, denn Carmen und ihr Bruder wurden schon als kleine Kinder vom Jugendamt ins Heim gesteckt. Dieter will es genau wissen und entlockt ihr, dass die Eltern Suchtprobleme hatten. Sie schmeichelt sich mit einer zugegebenermaßen perfekt gesungenen Gute-Laune-Version von “You’re my Heart, you’re my Soul” bei Dieter ein und kommt locker in den Recall.
Auch im nächsten Fall gibt es eine emotionale Homestory: Ruzhdi Bojani ist 22 und stammt aus dem Kosovo. Im Einspieler sehen wir schwarz-weiße Kriegsbilder mit Trümmerhäusern und weinenden Menschen. Warum auch nicht, das hat dem Libanesen Fady Maalouf bei DSDS 2008 auch den Weg bis zum Finale geebnet. Ruzhdi kommt ins Studio, im Hintergrund dramatische Begleitmusik mit Pauken und Hörnern, die sich sehr nach Schlachtengetöse anhört. Als er von seiner dramatischen Kindheit berichtet, stockt Dieter, Nina und Volker der Atem, sie gucken betreten zu Boden und sehen aus, als gingen ihnen ihre eigenen traumatischen Kriegserlebnisse noch einmal durch den Kopf … wenn sie denn nur welche hätten.
Ich finde, RTL trägt hier ein bisschen zu dicke auf. DSDS schlachtet Ruzhdis zweifellos traumatische Vergangenheit schamlos aus, um daraus eine Betroffenheitsnummer zu basteln, die direkt auf die Tränendrüsen zielt. Das ist natürlich politisch so was von korrekt und unangreifbar, nervt aber, weil jedem Zuschauer schon an dieser Stelle klar ist, dass Ruzhdi GARANTIERT schon aus Mitleid in die nächste Runde kommt, egal wie er jetzt gleich singt. Könnte man denn nicht lieber kurz vor Weihnachten mal ein eigenes Casting zum Thema “die ultimativ traurigste Homestory” machen?
Ruzhdi singt zur Gitarre “Closer” von Ne-Yo, wie ich finde nur einigermaßen und nicht immer sauber intoniert, aber die Jury legt den Homestory-Bonus oben drauf und ist restlos begeistert. Dieter bescheinigt ihm, er sei in dieser Staffel bisher der Beste und freut sich auf das Wiedersehen im Recall.
Die langmähnige Yasemin Schakmak, Künstlername “Jazmeen” (!!!), ist 20, kommt aus Stuttgart, modelt nebenbei und hat ihrer Ansicht nach “das Komplettpaket” (?), weil sie “die Leidenschaft mitbringt” und bereit ist, für DSDS “alles” zu tun. Na, das lässt ja hoffen, endlich bewirbt sich mal jemand um Annemarie Eilfelds seit der letzten Staffel freie Planstelle als intrigante Hexe. Im Einspieler läuft sie händchenhaltend mit einem Mann im Business-Anzug und lichtem, grauen Haar durch den Wald. Es ist aber nicht ihr Daddy, wie ich zuerst vermute, sondern ihr 33 Jahre älterer Freund, der für mich wie die Sparausgabe von Flavio Briatore aussieht. Beim Vorsingen muss Yasemin kurzfristig umdisponieren, als Bohlen keinen Titel von Michael Jackson hören will und sie bringt stattdessen “Sway” – keine Ahnung von wem das ist, wird auch nicht verraten. Sie macht die Sache ganz gut, vielleicht sogar etwas zu selbstbewusst, und ich wittere die Zicke in ihr. Wir werden die Sache beobachten, denn sie kommt in den Recall und fällt draußen vor dem Studio dem Grauhaarigen jubelnd um den Hals.
Nun kommt wieder was zum Ablachen, das signalisieren schon die ersten Sekunden des nächsten Trailers. Küchenhelfer Bernd Martini aus Stuttgart ist mit seinen 30 Jahren der Heesters der DSDS-Kandidaten und scheint auch tatsächlich schon erste Ausfallserscheinungen zu haben. Er ist John-Wayne-Fan, mag Country-Musik und läuft in seinem Filmchen breitbeinig und in Cowboykluft durch eine Stuttgarter Bushaltestelle, scheinbar auf der Suche nach seinem Pferd. RTL zeigt ihn auch bei seiner Lieblingsbeschäftigung nach Feierabend: Er liegt mit seinem Hasen “Hoppel” (ein Tier ist gemeint!) auf der Couch und guckt Western. Unnötig zu erwähnen, dass er Single und vermutlich auch ansonsten ziemlich allein ist. Aber er nutzt die – hoffentlich einmalige – Gelegenheit, dass eine Kamera auf ihn gerichtet wird und ruft die Frauen dieser Welt auf, ihn aus seiner Einsamkeit zu erlösen. Bedauerlicherweise plaudert er dabei einige Details aus seinem armseligen “erotischen” Nähkästchen aus, auf die ich rasend gern verzichtet hätte.
Seit ein paar Monaten ist Bernd – wohl als Training für DSDS – im Gesangsverein. Leider hat dort keiner gemerkt oder ihm zu sagen gewagt, dass er ÜBERHAUPT NICHT singen kann und sich lächerlich macht. Andererseits, vielleicht wollten die das aber auch gerade… Wie auch immer, jedenfalls steht der verhinderte Cowboy nun vor der Jury, wird seiner Freak-Rolle gerecht und vergeht sich mit fisteliger Stimme an Rod Stewarts ehemals knister-erotischem Song “Sailing”. Danach dürfte Drafi Deutscher im Grab rotieren, denn als zweiter Titel wird “Marmor, Stein und Eisen bricht” musikalisch verunstaltet. Dieter wirft gleich zehn Euro-Stücke auf Mal in sein Scheiße-Schweinchen, macht Bernd lang und haut dann den genialsten Satz des Abends raus: “Ich bringe eher einem Gummibaum das Schachspielen bei, als Dir das Singen.” Ende, Bernd ist bedient und reitet in den Sonnenuntergang…
Zum Abschluss kommt noch ein Freak: Berlin-Bayer und Altenpfleger Andreas Hörl (28) scheint sich wohl für eine Art Heavy-Metal-Rocker zu halten, immerhin hat er lange Haare und einen Bart und kann vor Kraft kaum noch gehen. Er sei musikalisch vielfältig begabt, hat er herausgefunden, insbesondere im Luftgitarre-Spielen und Headbanging. Weshalb er dann ausgerechnet die softe Ballade “Last Unicorn” von America singen muss, bleibt sein Geheimnis. Dieter wittert sogleich Unheil und wird nicht enttäuscht. Der gesamten Jury gefällt das Stück nicht, sie hatten Hardrock erwartet und hören nur Schmalz. Dreimal “Nein” ist die Quittung für so wenig Power.
Die heutige Ausbeute fand ich recht enttäuschend, nach meinem Geschmack war da – außer Eugen – kein Top-10-Kandidat dabei, aber das Publikum tickt vielleicht anders. Schon am Mittwoch geht es wieder weiter, der Name Menderes ist in der Vorankündigung gefallen – ich hoffe, diese notorisch-talentfreie Megapfeife bleibt uns in der laufenden Staffel erspart.





