• DSDS (RTL) 07.01.2010

    Hurra, hurra, DSDS ist wieder da!!! Für alle Fans öffentlicher Demütigungen und abartiger Musikgenüsse ist heute noch mal Weihnachten, denn “Dieter spielt den Sensenmann” (DSDS) geht in die siebte Runde!!! Während draußen Väterchen Frost uns klimakatastrophenverwöhnten Warmduschern zeigt, was unsere Großeltern unter “Winter” verstanden, führt in der Glotze Dieter Bohlen sein nicht weniger frostiges Regiment. Unter seinen strengen Augen und Ohren zerplatzen (hoffentlich) wieder reihenweise die Karriereträume überambitionierter Teenager, die irrtümlich glauben, singen zu können und die entweder gar keine oder jedenfalls keine musikalischen Freunde haben, die sie rechtzeitig aufhalten konnten. Das wäre ja auch blöd für uns andere, die wir gemütlich mit Salzstangen und Cola vor den heimischen Fernsehern dabei sein wollen, wie vermeintliche Jung-Madonnas oder Nachwuchs-James-Blunts von einem Typen zerlegt werden, der es mit ganzen drei Akkorden zum zig-fachen Plattenmillionär geschafft hat. Und dem die ganze Republik zu Füßen liegt, weil er sich trotz seiner immensen Erfolge nicht verändert hat, sondern immer noch genau derselbe liebenswert-unsympathische Kotzbrocken geblieben ist.

    Es geht los mit einem dramatischen Trailer mit einer sich drehenden Weltkugel, über die ein kleiner Düsenjet hinwegsaust, dazwischen sind (wie passend) Bilder von Naturkatastrophen, wie Vulkanausbrüchen und Flutwellen, geschnibbelt. Am Ende entsteigt “Deutschlands härteste Jury” dem Flugzeug, nämlich Volker Neumüller, Nina Eichinger und eben Dieter Bohlen (mit alberner 3D-Brille auf der Nase). Letzterer hat übrigens ein Gelübde abgelegt, zukünftig auf Kraftausdrücke zu verzichten; für jedes “Scheiße” will er nun einen Euro in ein Sparschwein werfen. Angeblich gab es diesmal 35.000 Bewerber um die Plätze in Onkel Dieters Talentquetsche, ein neuer Rekord. Wenn das so weitergeht, tummeln sich bei der 15. Staffel mehr Leute vor der Kamera als vor der Glotze…

    Der eigentliche Spaß beginnt mit einem ersten kurzen Delinquenten-Trailer: Christian Soundso, 22, aus Dessau “bei Sachsen-Anhalt” (!) bastelt gern mit Kastanien und füllt die ihm vergönnten Sekunden im Rampenlicht ansonsten mit einer Klage über sein nicht existierendes Sexualleben. RTL lässt keine noch so blöde Pointe ungenutzt, filmt Christian bei einigen spontanen Liegestützen auf dem Rasen und unterlegt die Übung mit Stöhngeräuschen aus dem Tutti-Frutti-Archiv. Jeder halbwegs mit der DSDS-Materie Vertraute weiß: Wer schon im Einspieler dermaßen verarscht wird, kann sich das Singen absolut sparen… aber bitte, wenn er unbedingt will, lasst die Spiele beginnen. :-) Christian gibt irgendeinen englischen Musical-Titel zum Besten, hat damals in der Schule aber wohl leider die Stunde mit dem “th” geschwänzt. Während Nina und Volker noch versuchen, ihr “Nein” freundlich zu verpacken, lacht sich Dieter erst ungehemmt kaputt, muss dann wegen des verbotenen Wortes den ersten Euro ins Sparschwein werfen und schickt den Jungen schließlich mit “ein Froschfurz hat mehr Power” in die Garderobe.

    Dann kommt Helmut Orosz aus Braunschweig, Kampfname “Helle”, der schon mal das bei RTL wichtigste Rüstzeug für einen angehenden Superstar mitbringt, nämlich die private Tragödie: Er hadert mit seinem Namen, also Helmut, der passe nicht zu ihm. Stimmt, finde ich auch, er sieht viel eher wie ein Erwin oder Franz-Herbert aus. Irgendwie habe ich auch den Eindruck, ihn schon mal bei “Big Brother” oder einer anderen Intellektuellensendung gesehen zu haben, kann mich aber nicht genau erinnern. Mit 30 Jahren steht Helle unmittelbar vor dem DSDS-Alterslimit – die Torschlusspanik hat ihn wohl jetzt in Dieters Arme getrieben. Sein Beruf als Straßenmusiker verschafft ihm die nötige Routine und mit “Summer of 69″ und seiner Gitarre spielt er sich mühelos in den Recall.

    Isabell ist 20 Jahre alt, Friseurin, kommt gleich mit kleinem Möchtegern-Manager und kann bedauerlicherweise nur mit ihrem iPod im Ohr singen. Das wirkt ziemlich dämlich, weil sie in Ronan Keatings “When you say nothing at all” immer lange Pausen macht, wenn im Titel – unhörbar für Zuschauer und Jury – nur die Instrumente spielen. Als dann auch noch mittendrin der Player seinen Geist aufgibt, stoppt die Jury die ganze Sache. Gleich mehrere Euros klimpern in Dieters Schweinchen, dazu kommen noch ein paar nette Sprüche für Isabells Heimweg: “ich sehe völlige Talentfreiheit” und “von zehn Tönen triffst Du elf nicht”. Die so verkannte Künstlerin verzieht sich, hat aber leider wohl ihre Lektion nicht gelernt und mault draußen noch ein paar grammatikalisch verunglückte Schmähungen gegen Dieter in die Kamera.

    Dann verarscht RTL in einer kurzen Sequenz einen chinesischen Jungen mit Gitarre, der ausgerechnet das Jahrzehnte alte Deppenlied “Drei Chinesen mit dem Kontrabass” bringt, leider den Text nicht voll drauf hat und nach Dieters Meinung auch sowieso nicht singen kann. Die DSDS-Komiker reiten in den Begleitanimationen darauf herum, dass der Chinese an sich angeblich – oder wirklich? – statt “R” immer ein “L” spricht. Mann, hab’ ich gelacht. :-(

    Nicht gerade mit Model-Maßen gesegnet, schubbert sich nun die etwas orientalisch aussehende, sympathische Berlinerin Katarina im (zu) kleinen Schwarzen und mit hochhackigen Schuhen auf die Bühne. Ihren Nachnamen habe ich nicht verstanden, klang möglicherweise iranisch. Verheiratet und bekindert ist die Gute mit ihren 22 Jahren auch schon, die Hintergrundgeschichte passt also bestens. Noch bevor sie den ersten Ton gesungen hat, staunt die Jury erstmal über ihre 280 Euro teuren Schuhe (“das darf mein Mann aber nicht wissen”), die trotzdem tierisch drücken und die sie denn auch unter großem Gelächter aller Anwesenden sofort auszieht. Leider war das schon der bessere Teil der Performance, ihr Gesang ist reichlich dünn und schief. Mit einem so genannten “freundlichen Nein” wird sie von der Jury verabschiedet.

    Nun kommt wieder ein kurzer Schnelldurchlauf mit vier, fünf Trümmern aus dem Kandidaten-Flusensieb, bei dem uns Außenstehenden schleierhaft bleibt, welcher Titel wohl gemeint war. Für die DSDS-Novizen sei das nochmal erklärt: RTL sortiert die Kandidaten in drei Kategorien. Die überwältigende Mehrheit ist Mittelmaß und wird sofort nach Hause geschickt. Nur wer so richtig mies ist, darf in den Casting-Folgen zwecks öffentlicher Hinrichtung rein zu Onkel Dieter. Lediglich die paar Glücklichen, die entweder singen können oder mit einer tränentriefenden Homestory gesegnet sind, sehen wir ab dem Recall wieder. Sie werden dann Woche für Woche weiter zerpflückt und größtenteils ebenfalls mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Nur die allerletzten Finalisten, bei denen in Bohlens Augen Euro-Zeichen zu leuchten beginnen, haben eventuell als C-Prominente Aussicht auf ein paar kurze Wochen im Rampenlicht.

    Die Zeit der “Superstars” endet unwiderruflich, wenn Stefan Raab aufhört, sie in “TV-Total” zu verarschen. Nun folgt der Abstieg: Erst sieht man sie hin und wieder noch als Ein-Zeilen-Stichwortgeber in einer der zahllosen Folgen der “ultimativen Chart-Show” oder gelegentlich auch als Kochlegastheniker in einem Promi-Küchenduell. Hier oder da rettet sich mal ein Kandidat mit einer spektakulären Großtat zurück in die Schlagzeilen, z.B. indem er besoffen in einen Gurkenlaster brettert oder sich zur Frau umoperieren lässt, aber das hält meist nicht lange. Die letzten Zuckungen kommen dann entweder als Promi-Imitation im Big-Brother-Container oder beim Maden-Essen in der medialen Reste-Verwertung der RTL-Dschungelshow… Es sei denn, man mutiert zu Dieters musikalischem Hofnarren und ist dazu verdammt, auf ewig dessen Lieder zu trällern, so wie Mark Medlock. :-)

    Genug philosophiert, nun wird es peinlich, denn jetzt folgt der offenbar nachnamenlose 18jährige Marcel aus Bonn, der mich schon zu Beginn fatal an die Heulsuse Stephan Darnstaedt aus der dritten Staffel erinnert. Seine Eltern schieben ihn die Treppe zum Studio hinauf, wobei der Vater die schlaue Bemerkung “was ich an Bohlen gut finde, ist die Direktigkeit” in die Kamera fallen lässt. Diese Peinlichkeit wird vom Sohnemann aber mühelos übertroffen, als ihn Dieter Bohlen schon bei seiner Begrüßung mit “hast Du Dir in die Hose gepischert?” unterbricht. Betretenes Schweigen. Für Sekunden scheint die Welt still zu stehen. Kann das sein, hat er das wirklich gesagt? Der Zuschauer wird zum Gaffer, vergisst sogar das Kauen und Schlucken und springt zum Fernseher: Ist da wirklich was zu sehen? Tja, hier ist er wieder, der Moment zum Fremdschämen: Marcel war wohl etwas zu aufgeregt und schwupps, hatte seine Jeans einen deutlich sichtbaren Fleck an strategisch eindeutiger Stelle, den uns RTL dann freundlicherweise auch noch bildschirmfüllend heranzoomt.

    Was macht man in so einer Situation? Vielleicht sich erstmal kräftig in den Arm kneifen und hoffen, dass man aufwacht, wenn das auch nicht hilft, dann ein One-Way-Ticket nach Timbuktu kaufen, ohne Umwege zum Flughafen gehen und geräuschlos für mindestens 20 Jahre den Kontinent verlassen? O Mann, da wird ein junges Leben auf dem Altar der Quote geopfert, aber das sind nun mal die Spielregeln bei DSDS; wer sich darauf einlässt, der hat seine Seele an den Teufel RTL verkauft. Pech gehabt… Dass Marcels Singversuch mit “Ave Maria” von Beyoncé dann ebenfalls noch in die Hose geht (Spitzengag, gell?), ist fast nebensächlich. Dieter muss gleich mehrmals das Sparschwein füttern, um seinen Eindruck von der Gesangsleistung zutreffend schildern zu können. Dreimal “Nein” und der lebenslange Spott seiner Umwelt ist der Lohn für Marcels Auftritt. Was steckt er auch den Kopf aus dem Loch, selbst schuld. Klappe, der Nächste.

    Der 17jährige Maximilian Salzinger aus Landsberg berichtet in seinem Einspieler, wie er aus Liebeskummer von einem 105kg schweren “Brummer” (?) zu einem durchtrainierten Typen wurde. Er singt etwas gehetzt von Justin Timberlake “What goes around” und kommt damit gut an. Typ Mädchenschwarm mit Schmachtpotenzial, also ab in den Recall, aus dem könnte Bohlen bestimmt etwas basteln.

    Freakshow: Andreas Gerlich, 29, ist Maler, Lackierer und Autogrammsammler, gebraucht in seinem kurzen Einspieler (von RTL gezählt) 23 mal das Wort “hier”  und illustriert ansonsten nachvollziehbar, weshalb Promis gelegentlich mal ihre Fans vermöbeln, wenn sie ihnen zu nahe kommen. Und auch, dass man beim Malen und Lackieren immer schön eine Atemschutzmaske aufsetzen sollte… Andreas hüpfend vorgebrachter “Gesang” liegt irgendwo zwischen erschreckend und unterirdisch, hat keine erkennbare Melodie und besteht aus dem Text “Jea, jea, jea, ei fiel hartkoah”. (Eingeweihte erahnen Fragmente des Scooter-Titels “Wicked”.) Dieter sieht’s als Gesamtkunstwerk, grinst kurz und schlägt Andreas dann vor, er könne seinen Gesang “an die Dachpappe kleben”, was auch immer man sich darunter vorzustellen hat. Das war’s jedenfalls mit der Superstar-Karriere.

    Der Hamburger Mehrzad Marashi, 28, lebt seit drei Monaten mit seiner Frau zusammen, die im siebten Monat schwanger ist, also pünktlich für die Mottoshows niederkommen könnte. Außerdem ist sein älterer Bruder vor kurzem bei einem Autounfall gestorben. Eine solche Homestory im Rücken ist erfahrungsgemäß schon mal die halbe Miete für den Recall. Mehrzad sieht etwas aus wie Xavier Naidoo und singt denn auch gleich einen Song von ihm, gar nicht mal schlecht, und kriegt dafür die erwartete Vorladung für die nächste Runde.

    Nun wieder ein Ausflug in die Abteilung “Vollmeise”: Die blondmähnige Türkin Nilay legt einen mehr als seltsamen Auftritt hin mit etwas Esoterik und ziemlich viel Schwachsinn. Aus Mariah Careys “Emotions” wird ein einziger langgezogener Ton von mehr als zwanzig Sekunden Dauer, was Dieter zur berechtigten Frage bringt “bist Du irgendwie auf ‘nem Trip hängen geblieben?”. Volker spricht aus, was alle denken: “Du kannst nicht singen.”. Jetzt reicht’s, die Sicherung fliegt raus und unsere blonde Femme fatale wird zur Furie. Mit einem gekreischten “Ihr habt kein Ohr im Ohr!” stürmt sie beleidigt aus dem Studio und brüllt auf dem ganzen Weg hinunter zur Straße laut herum. Dachschaden in Reinkultur! Ich hab’ so ein dumpfes Gefühl, die sehen wir im nächsten Jahr wieder…

    So, am Sonnabend geht die Sache weiter, das Panoptikum ist noch lange nicht leer und Dieters Schweinchen bei weitem noch nicht voll. Mal sehen, was uns RTL dann wieder in die Wohnzimmer kübelt, Mülltv bleibt jedenfalls dran.

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    Posted by TV-Glotzer @ 2:56 am

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