Und weiter geht’s bei “Deutschland sucht den Superstar”, Edition 2010. In den sieben vorangegangenen Casting-Terminen haben Dieter Bohlen, Nina Eichinger und Volker Neumüller unter dem wachsamen Blick der RTL-Kameras das Feld von 35.000 Bewerbern auf 120 Kandidaten eingedampft. Insbesondere Dieter hat dabei Schwerstarbeit geleistet und sein Bestes gegeben, nämlich sein Geld: Jedes Mal, wenn er das böse Sch-Wort sagte, musste er einen Euro in ein Sparschwein werfen. Lt. RTL sind so mehr als 5.000 Euro zusammengekommen, die nun an die Erdbebenopfer in Haiti gespendet werden. Und wenn man ehrlich ist, waren diesmal auch tatsächlich haufenweise Ein-Euro-Kandidaten im Casting. Ich kann nur hoffen, dass die meisten von den wirklich begabten Bewerbern bisher einfach nur noch nicht gezeigt wurden, weil die Vollpfosten spektakulärer waren…
Das Recall der 120 Besten findet in Köln statt. Man sieht, wie die verbliebenen Kandidaten aus allen Winkeln der Republik in der Domstadt zusammenströmen und sich schließlich auf der Bühne versammeln. Dazwischen springt auch wieder Marco Schreyl herum, der uns ab heute als professionell-nerviger Moderator bis zum DSDS-Finale begleiten wird. Gleich in der ersten Recall-Runde geht es voll zur Sachen, die Kandidatenzahl soll auf die Hälfte reduziert werden, 60 Leute müssen also schon heute wieder gehen. Vorab wird aber erstmal der Einzug der Jury bombastisch inszeniert, die 120 Recall-Teilnehmer klatschen sich die Hände wund, um ihre drei Richter milde zu stimmen. Die sprechen alle noch ein paar salbungsvolle Worte der Preislage “gebt Gas”, “wir erwarten Euer Bestes”, “verkauft Euch optimal” usw. Dieter bringt es ganz plastisch auf den Punkt mit einem Tipp für die Damenwelt: “wenn jemand von Euch dicke T…[Pfeifton RTL] hat, dann zeigt das auch”. An diesem Pfeifton kann man übrigens mal die aktuelle Grenze der Political Correctness verorten, sie verläuft offensichtlich zwischen den Worten “Scheiße” und “Titten”.
Im ersten Durchgang müssen nun – nach Männlein und Weiblein getrennt – alle Bewerber einzeln nach vorn treten und ein paar Takte singen. Beginnen wir mit den Herren der Schöpfung. Bemerkenswert ist Thomas Karaoglan, der schon im Casting von Bohlen “Checker” getauft wurde. Wo andere Kandidaten nur stocksteif ihre Takte runtersingen, performt der 16-Jährige sein “Ain’t no Sunshine” regelrecht. Bohlen ist begeistert: “Ist so groß wie ‘ne Parkuhr, aber macht hier vorn auf dicke Hose”. Der Checker nutzt das offene Mikro und wünscht seinen Mitbewerbern etwas großspurig “viel Glück”. Mich erinnert der Typ etwas an Benjamin Herd aus DSDS 2008; mal sehen, wie weit die arrogante Masche trägt.
Kevin Rebstock hat seine blonden Haare seit dem Casting wieder auf schwarz umgefärbt und hochgegelt. “Du siehst aus wie einer von den Prinzen“, befindet Bohlen. Als der 19-Jährige enttäuscht mault, schiebt der Poptitan noch halbherzig nach, das sei als klare Verbesserung zu verstehen. (Ich orakel mal: Vergiss es, Kevin, “besser” muss noch lange nicht “gut” bedeuten.) Bevor er seinen Titel “Broken Strings” beginnt, macht der Kandidat vor Aufregung oder zur Lockerung der Zunge ein paar bemerkenswert bekloppte Grimassen, die ihm vielleicht einen Sekundenauftritt bei Stefan Raabs TV-Total einbringen. Kevins Song ist dann bereits nach einigen Takten mit einem “Dankeschön” der Jury vorbei.
Jetzt kommen schnell nacheinander diverse Typen, die sich vor allem darin überbieten, der Jury bei ihren kurzen Gesangsparts möglichst penetrant nah auf die Pelle zu rücken. Dirk Petry macht es vor und knödelt seine Takte fast direkt in Ninas Ohr, bis Dieter ihm mit einer Zeitung auf sein Markenzeichen haut, den schwarzen Cowboyhut. Helmut Orosz tut es ihm nach und Dominik-Büchele-Klon Eugen Flittner geht ebenfalls direkt vor Nina auf die Knie – langsam wird’s peinlich. Menowin Fröhlich wird vergleichsweise stiefmütterlich kurz abgefrühstückt (hat der nochmal zugenommen?).
Malcolm Ohanwe will nach dem “Dankeschön” der Jury, das einem “halt die Klappe” gleichkommt, unbedingt noch weiter singen und fängt eine längere Diskussion mit Dieter, dem Halbgott an. Das kennen wir ja bereits aus Malcolms Casting, wo der Nervkopf überhaupt erst durch impertinentes Betteln in den Recall gelassen wurde. Bohlen beginnt der Geduldsfaden zu reißen und er brüllt den 16-Jährigen mehr oder weniger im Spaß an, er solle gefälligst in die Gruppe zurück gehen.
Nelson Sangare macht sich bei der Jury keine Freunde, als er seinen kurzen Auftritt erstmal mit einer Beschwerde über aufkommende Hungergefühle und die mangelhafte Verpflegung vor Ort startet. Damit darf man einem Profi wie Bohlen nicht kommen: Das eigene Wohlbefinden habe zurückzustehen, er selbst hätte über den Tag auch erst eine halbe Birne gegessen und müsse überdies seit einer Stunde dringend aufs Klo, gibt er bekannt. Als Nelson dann in seinem Titel “Bilder von Dir” (Laith Al-Deen) einen Texthänger hat, weiß Bohlen auch sofort, wie das kommt: “weil Du immer nur ans Fressen denkst”. Anschließend lässt der Poptitan aber Gnade walten und schickt die Bewerber in die verspätete Mittagspause.
Malcolm, der peinliche Nervbold, nutzt den allgemeinen Aufbruch, bemächtigt sich des Mikros und muss dringend noch Stevie Wonders “I just called” (mein persönliches Hasslied) singen, während alle anderen vorbei gehen und ihn höchstens mit einem Kopfschütteln oder Lachen bedenken. Keine Ahnung, welche tiefsitzenden Komplexe er da befriedigt, aber zum Superstar macht ihn das garantiert nicht.
Thomas, der Checker, kriegt kurz darauf beim Essen einen schweren Arroganzanfall, schnappt sich ebenfalls ein Mikro und fängt unter den Buhrufen seiner Konkurrenten eine überlange Performance am Mittagsbüfett an. Der Typ entwickelt sich für mich zum ersten Anwärter auf den Holger-Göpfert-Gedächtnispokal für überflüssige Unsympathen. Er glaubt vermutlich, er sei Gottes Geschenk an die Menschheit und die Welt schulde ihm aufgrund seiner Coolness eine Karriere als Superstar. Bestimmt hat er ein Foto von sich im Portmonee. Ich werde gern mit ansehen, wie “der Checker” – hoffentlich bald – auf dem Boden der Realität aufschlägt. Für den Moment hat es sich jedenfalls ausgesungen, als Mitbewerber Mehrzad ihm unter dem Beifall aller Anwesenden und mit etwas physischem Nachdruck das Mikrofon abnimmt.
Nach der Mittagspause “kommen die Mädchen dran” (O-Ton Schreyl). Auch hier gibt es nervige Krawallschachteln, die man lieber von hinten als von vorn sieht. Eine gewisse Ina Freund (17), war mir schon im Casting negativ aufgefallen und bestätigt das im Recall auch. Nicht nur, dass sie auf dem Kopf ein Dings trägt, das wie Omas Einkaufsnetz aussieht, sie kann auch vor dem Mikro kein Ende finden und diskutiert mit der Jury endlos in einer sehr unangenehm hohen Tonlage, ob sie noch ein zweites Liedchen trällern darf. Trotz “Nein” macht sie das dann einfach und fängt sich dafür von Dieter einen Vergleich mit seiner Verflossenen Verona (”Blubb”) ein, die wohl auch des Öfteren durch häusliche Insubordination aufgefallen war.
Als nächstes lanciert der Tötensener einen schönen Witz auf Kosten des wandelnden Tuschkastens Kim Debkowski: “Wenn eines der anderen Mädchen noch etwas Makeup braucht, knutscht einfach Kim, dann seid ihr geschminkt.” Ansonsten mag er die 17-Jährige aber, sie habe sich seit dem letzten Jahr extrem weiterentwickelt. Angeliki Paitari hat einen sexy gelben, schulterfreien Fummel aus dem Schrank geholt und präsentiert Dieter darin ihre vielen Schokoladenseiten. Sie legt soviel Wert auf Posing, dass ihr Song “Lady Marmalade” dabei etwas unter die Räder kommt. Am Ende räkelt sie sich auf dem Jury-Tisch. “Wenn Du so singen würdest, wie Du von hinten aussiehst…”, meint Dieter nur und guckt ihr ungeniert auf die Rundungen direkt vor seiner Nase.
Meike Büttner kündigt im Einspieler schon an, was im Recall dann wirklich passiert: Sie vergisst bei ihrem ohnehin dürftigen Gesang den Text. “Du siehst so wuschig aus, was ist mit Dir los?”, erkundigt sich Bohlen. Ihre Antwort “das war Scheiße” und seine Bestätigung kosten normalerweise je einen Euro. Das Ding ist wohl gelaufen.
Dann kommt die Entscheidung, welche 60 Kandidaten weiter kommen und für wen der Superstar-Traum an dieser Stelle zu Ende ist. Weiter sind u.a. Angeliki Paitari, Thomas “Checker” Karaoglan, Kevin Reichmann, Naomi Marte, Marcel Pluschke, Nelson Sangare, Valeria Giordano, Menowin Fröhlich, Kim Debkowski, Maria Elena Valenzia, Ina Freund, Helmut Orosz, Manuel Hoffmann, Ruzhdi Bojani, Dirk Petry, Mehrzad Marashi, Meike Büttner (Sensation!) und die bettelnde Nervensäge Malcolm Ohanwe.
In der nächsten Recall-Runde werden nun Gruppen gebildet, die jeweils zusammen einen von der Jury ausgesuchten Titel performen müssen. Die Hoffnung bei uns Zuschauern ist natürlich, dass dabei Leute zusammengesteckt werden, die nicht miteinander können. So, wie die zuerst vorgestellte Gruppe bestehend aus Thomas, Nelson, Malcolm und Manuel. (Ich glaube, jede Gruppe, zu der Thomas gehört, hätte Probleme…) Thomas schläft lieber, als den Text zu lernen, findet mit dieser Einstellung aber nur wenig Verständnis bei den anderen. Mit seinem Fehlverhalten konfrontiert, wird der selbst ernannte “Checker” auf einmal wieder zu einem unreifen 16-Jährigen und fängt an zu weinen, was ihn fast schon wieder sympathisch macht! Die nächste Auszeit nimmt sich Malcolm, der aus ungeklärten Gründen nicht zur Probe erscheint und auch keine plausible Erklärung dafür hat. Beim Auftritt machen Manuel (sehr) und Nelson (ziemlich) ihre Sache gut, Thomas und Malcolm zersägen dagegen Xavier Naidoos “Das hat die Welt noch nicht gesehen” gnadenlos. Rausfliegen tut am Ende nur Malcolm, die Nervensäge, der Checker hat sich dagegen beim Bohlen schon so tief eingeschleimt, dass er momentan sicher ist.
Dirk und Anastasia funktionieren als Duo gar nicht, offenbar mag die Russin den merkwürdigen Deutschen mit Hut nicht. Sie üben nicht ein einziges Mal zusammen und versäbeln beide den Titel auf der Bühne tutto kompletto. Was der Blondine an Textsicherheit fehlt, verknödelt der Möchtegerncowboy in der Melodie, wenn man das überhaupt so nennen darf. Bohlen wettet um einen 6er-Träger Bier, dass Dirk nicht mal die Melodie hinkriegt – und behält Recht. Statt sich wenigstens über die gewonnene Wette zu freuen, füttert Dieter sein Sparschwein: “Euer Auftritt ist nicht mal mehr Scheiße, für ‘Scheiße” müsstet ihr noch fünfmal besser sein.” Das war deutlich. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen kriegen die beiden noch eine Gnadenfrist bis zum Ende des Recall und sollen dann ein weiteres Mal auftreten.
Bei Angeliki (die mit dem knappen gelben Fummel) und Helmut funkt es dagegen sofort, die beiden planen regelrecht, mit “gezieltem Körpereinsatz” bei der Jury zu punkten. Sie legen dann auch tatsächlich ein tolles Duett mit “Will you still love me?” hin, inklusive abschließendem Kuss, obwohl sich die eigentlich fest liierte Angeliki den vorher verbeten hatte. Sex sells, die Jury ist begeistert und winkt beide durch in die nächste Recall-Runde.
Danach kommt eine reine Mädchentruppe mit – abgesehen von Valeria – im Casting nicht weiter aufgefallenen Mitgliedern (Olga, Zemine, Andrea, nie gehört!). Die zicken sich alle abwechselnd an, irgendwelche Geschichten mit kaputten Strumpfhosen, unfertigem Makeup, Ärger mit der Mutter usw., fragt mich nicht nach Sonnenschein.
Das Timing kriegen sie schon mal nicht hin, die letzten 45 Minuten vor dem drohenden Auftritt beschuldigen sich alle gegenseitig, den Probetermin vergessen zu haben. Der Streit endet erst, als sich die Studiotür öffnet und ihr damit völlig ungeprobter Auftritt von Rihannas “Take a Bow” beginnt. Wenigsten haben sich einige von ihnen Bohlen-adäquat aufgebrezelt und ihre sekundären Geschlechtsmerkmale (Stichwort “Pfeifton”) gut sichtbar in zu enge Kleider gequetscht. Der Auftritt hätte m.E. noch schlimmer ausfallen können, aber Bohlen reicht es trotzdem und die Jury fällt ein hartes Urteil: Zwar steht Dieter default auf “dicke Dinger”, wie man der einschlägigen Presse entnehmen kann, aber in diesem Fall hilft das nur noch Zemine, der Rest der Damen ist raus. Olga heult verzweifelt in die Kamera “aber ich hab’ doch für DSDS die Schule aufgegeben…” (!!!); die Schminke tropft ihr dabei vom Gesicht in die üppige Oberweite. Das ist die dunkle Seite dieses Wettbewerbs, wie immerhin 34.999 der 35.000 ursprünglichen Teilnehmer irgendwann merken werden…
In einer kurzen Sequenz sieht man noch weitere Überlebende dieser Recall-Runde, z.B. Kevin Reichmann, Marcel Pluschke, Maximilian Salzinger, Kim Debkowski, Kevin Rebstock, Naomi Marte, Meike Büttner (die Sensation geht weiter!), Maria Elena Valenzia und Maria Sowieso.
Sarah Engels und Eugen Flittner sollen “You don’t know me” von Milow präsentieren, doch werden sie durch Sarahs mieses Gedächtnis geplagt, das sich der Datenaufnahme konsequent widersetzt. Auf der Bühne hat sie dann den befürchteten Totalaussetzer und Bohlen kriegt die Pimpernellen: “Leute, dafür ist mir meine Zeit zu kostbar, so ‘ne [Ein-Euro-Wort] hör’ ich mir nicht an.” Er schmeißt beide auf der Stelle aus dem Recall – dabei war Eugen vorher ein echter Hoffnungsträger und hatte keine Schuld an dem Desaster. Ach, was kann die Welt ungerecht sein.
Menowin, Ruzhdi, Mehrzad und Joel bilden eine Boy-Group mit hundertprozentigem Migrationshintergrund und haben “You give me something” von Jamiroquai eingeübt. Ruzhdi demonstriert mit seiner hochgestellten Frisur eindrucksvoll die Gefahren der Föhnbenutzung in Badewannen. Leider kann er sich den Text nicht merken und mit seinem Englisch ist es auch nicht weit her, darum wird er bei seiner Darbietung etwas von dem mitgebrachten Textzettel behindert. Menowin hat sich fast zur Unkenntlichkeit vermummt, die Mütze ist tief über seinen runden Kopf gezogen, er trägt eine fette Sonnenbrille und hat auch noch einen dicken Schal um. Angeblich ist er erkältet. Trotzdem hat er zusammen mit Mehrzad eine richtige Tanzchoreographie eingeübt, Joel klampft dazu und Ruzhdi steht beim Singen etwas am Rand und starrt vor allem auf seinen Zettel. Bohlen ist recht angetan und gibt den vier unisono die Fahrkarte in die nächste Recall-Runde, wobei Ruzhdi deutlich abfällt und eigentlich nur wegen seiner vorherigen guten Leistungen weiter kommt.
Zum Ende kriegen Dirk und Anastasia noch ihre versprochene zweite Chance und nutzen sie auch. Die Auftritte sind zwar beide etwas skurril, aber Bohlen will sehen, wie sie sich weiterentwickeln und winkt sie durch. Dirk löst bei dieser Gelegenheit seine Wettschulden von vorhin ein und schleppt gleich mehrere 6er-Träger Beck’s-Bier an (wie man trotz Überpixelung mit etwas Erfahrung erkennen kann).
Nach dem Gemetzel der ersten Recall-Runden versammelt die Jury nun die übrig gebliebenen 35 Kandidaten, hält ihnen noch eine Predigt und verkündet dann, wo der Recall fortgesetzt wird: Es geht in die Karibik!!! Mit Dieter unter Palmen, wer hätte insgeheim nicht schon immer davon geträumt, in der nächsten Woche wird es wahr! Man sieht sich…





