In dieser Folge verschlägt es Schuldnerberater Peter Zwegat zur Familie Bittlinger nach Wesseling bei Köln. Vorweg: Spackenalarm – Spackenalarm – Spackenalarm!!! Wie sagte doch der große Philosoph und Menschenkenner Bernd Stromberg: “Kann-Nicht wohnt meist in der Will-Nicht-Straße.” Bei der heutigen Sendung möchte man am liebsten in den Fernseher greifen und die Protagonisten der Reihe nach durchschütteln, denn selten gab es so viel Dilletantismus, Naivität, Lethargie und Talentlosigkeit auf nur 45 Minuten Zwegat.
Susanne Bittlinger (46) ist zur Zeit arbeitslos – ja, auch auf die bislang so krisensicher geglaubte Nagel-Design-Branche schlagen die weltweiten Turbulenzen der Finanzmärkte unbarmherzig durch. Gerade bei Susanne hätte man das eigentlich nicht gedacht, wo sie doch so eine grundsolide Ausbildung absolviert hat, nämlich einen viertägigen Crashkurs im Feilen, Verlängern und Bemalen von Fingernägeln. Das war nebenbei übrigens die einzige Ausbildung ihres Lebens, was sie aber nicht davon abgehalten hat, sich immer wieder mit den verschiedensten “Berufen” selbstständig zu machen… und dabei jedes Mal mit einem Bauchklatscher baden zu gehen. Wie viel Schulden sie sich damit eingebrockt hat, kann Susanne nicht genau sagen, denn auch mit der Mietzahlung ging sie immer generös um und musste deshalb schon einige Male überstürzt umziehen, wobei sie alle Unterlagen verlor. Sie selbst taxiert ihre Außenstände auf round about 50.000 Euro, aber nichts Genaues weiß man nicht.
Sicher ist dagegen, dass sie ihr Händchen für alles Finanzielle auch an ihren Sohn weiter vererbt hat. Sascha Bittlinger (22) hat seine Maler- und Lackiererlehre abgebrochen, ist chronisch dauerpleite, besitzt aber dafür bereits ein illustres Strafregister inklusive Urlaubs auf Staatskosten wegen Drogendelikten. Er taxiert seine Außenstände auf 25.000 Euro, ist aber aus genetischen Gründen ebenfalls nicht in der Lage, das selbst zusammen zu addieren. Erschwerend kommt nun noch eine weitere Haftandrohung hinzu: Wenn Schlaufuchs Sascha nicht innerhalb von vier Tagen 420 Euro überweist, fährt er wieder ein und verliert garantiert den Job, den er gerade erst angetreten hat. Das nenne ich Anstiftung zu einer kriminellen Handlung, wo soll der denn bitte ohne Überfall so schnell so viel Geld hernehmen?
Nach einiger Zeit dumpfen Nachdenkens verfallen Susanne und Sascha auf die einzig mögliche Lösung: Der Zwegat muss her, denn der hat ja bekanntlich einen Taschenrechner (oder kennt beim Fernsehen welche, die einen haben). Gesagt getan, das Berliner Knautschgesicht mit der staatlichen Anerkennung steht eines Tages samt RTL-Kamerateam vor der Bittlinger’schen Wohnung. Um ihn nicht gleich zu verschrecken, hat Susanne dem Zwegat übrigens nur von Sohnemanns Schulden erzählt und ihre eigenen Finanzen schön aus dem Spiel gelassen. Jetzt, wo der Berliner auf ihrem Familiensofa hockt, verplappert sie sich prompt und in einem Augenblick zerreißt das von den Drehbuchautoren so kunstvoll gewebte Netz aus Lügen. Unter Zwegats bohrendem Blick gibt Susanne kleinlaut zu, dass ihr erst nach dem Telefonat mit RTL eingefallen sei, dass auch sie selbst vielleicht hier oder da noch ein Centlein an Verbindlichkeiten habe. Superpeinliche Enthüllung, wie kann man nur so doof sein?
“Ich kriech’ des Hartz”, so lautet Susannes (mundartlich gefärbte) augenblickliche Tätigkeitsbeschreibung. Sie könne leider nicht anderswo berufstätig sein, weil sie niemanden fände, der auf ihr zweites Kind, die 6jährige Alina, aufpasst. So blieben zum Arbeiten höchstens die eigenen vier Wände. Momentan strebt sie mal wieder eine Selbstständigkeit an und möchte sich vom Arbeitsamt die Einrichtung eines Nagel-Studios finanzieren lassen. Unverständlicherweise zeigt sich das Amt aber knauserig und verweist zur Begründung auf die Spur von ökonomischer Verwüstung, die Susanne hinter sich her zieht. Die kann das nun aber gar nicht nachvollziehen, sie wissen von bestimmt 10 potenziellen Kundinnen, die sich unbedingt bei ihr die Nägel machen lassen wollten. Zwegat kennt sich im Nagel-Business nicht so aus, wirkt aber auch recht skeptisch bezüglich des Business Case und bezweifelt wohl insgeheim auch Susannes Talent als Maniküre.
Nun folgt mal wieder eine traurige Wohnungsbegehung, der Voyeurismus der Zuschauer will ja schließlich auch befriedigt sein. Die Raumsituation ist etwas verwirrend und erinnert an die Waltons (wem das noch etwas sagt): Sohn Sascha und seine Freundin schlafen nachts im Zimmer der kleinen Schwester, die wiederum bei der Mutter auf der Coach im Wohnzimmer nächtigt. Das winzige, schlauchartige Bad ist vielleicht einen Meter breit und wird von der geöffneten Tür bereits zur Hälfte ausgefüllt. Calli Calmund könnte sich hier jedenfalls nicht umdrehen und auch Zwegat geht schnell weiter.
Aus verständlichen Gründen ist Sascha es Leid, sein Liebesleben akustisch mit Mami und Schwesterlein zu teilen. Er wird deshalb in Kürze mit seiner Freundin, mit der er seit gerade sechs Wochen zusammen ist, in ein Ein-Zimmer-Appartement umziehen. Man ist schon am Renovieren, hat aber keinen blassen Schimmer, wie man die Miete von monatlich 320 Euro finanzieren will, zumal er nur einen 400-Euro-Job auf dem Bau hat und seine Herzallerliebste überhaupt kein Geld verdient. Auweia, hoffentlich haben die beiden wenigstens Geld für die Pille…
Zwegat versucht erstmal, die Haftandrohung wegen der ausstehenden 420 Euro aus der Welt zu schaffen. 200 Euro hat Saschas Chef schon versprochen, vielleicht könnte das Arbeitsamt noch etwas zuschießen – obwohl Sascha eigentlich jede staatliche Hilfe ablehnt, der Schlaumeier. Wenn man die oben angedeutete Finanzierungslücke bei der neuen Wohnung bedenkt, wäre es vielleicht am geschicktesten, der junge Bittlinger ließe die eigene Bude sausen und ginge tatsächlich wieder in den Knast, dann würde er sich jedenfalls die Miete sparen.
Aber nein, das lässt Zwegat nicht zu und er holt beim Arbeitsamt tatsächlich eine Förderung von Wohnung und Ausbildung (!) für Sascha heraus.
Als nächstes besorgt der Schuldenpapst zwei Augenbinden und einen Baseballschläger und die beiden “leihen” sich von einem Passanten in einer dunklen Toreinfahrt die noch fehlenden 220 Euro… NEIN, Scherz, natürlich nicht, stattdessen schleppt Sascha plötzlich eine Tüte voller Schmuck und Uhren bei einem Juwelier an, angeblich vom Opa geerbt. Nach einem Blick durch das Monokel entlarvt der Ladenbesitzer das ganze ominöse Zeugs als Imitationen und verliert jedes Interesse an einem Ankauf. Nun muss wohl doch der Baseballschläger ran, was? Wieder Nein, stattdessen leiht Saschas Chef ihm den vollen Betrag und der Knast-Kelch geht an ihm vorüber. Vorerst.
Ein Loch ist gestopft, da folgt schon das nächste: Susanne kriegt einen Abschiedsbrief vom Energieversorger; wegen der ausstehenden Rechnungen soll ihr der Strom abgeknipst werden. Das geht natürlich gar nicht, wo sollen denn die Fernsehfuzzis beim Drehen des Billinger’schen Weltuntergangs sonst ihre Lampen einstöpseln? Das muss wohl wieder der Alte von der Spree zurecht biegen. Zwegat ist sowieso schon mies drauf, denn er konnte zu dem Schuldenberg nur “ein Häuflein” Unterlagen (=1 schmaler DIN-A4-Ordner) zusammentragen, hat also nach wie vor keinen richtigen Überblick. Mit seiner besseren Hälfte, der Flip-Chart, macht er nun einen weiteren Hausbesuch in Susannes mickriger Bleibe. Mutter und Sohnemann sitzen mit schwitzigen Händen auf dem Sofa und erwarten gesenkten Kopfes ihr Urteil.
Zwegat addiert für Sascha einen Haufen Pöstchen zusammen und kommt gerade mal auf 2.000 Euro, der größte Betrag ist ein lädierter Kindergarten (“jugendlicher Leichtsinn”). Auf Nachfrage, wieso er denn Schulden von 25.000 Euro zu haben glaube, fallen ihm noch gaaaaaanz dunkel 6.000 Euro für Telefonkosten ein, über die es aber keine Unterlagen mehr gebe. Auf die nahe liegende Idee, doch einfach mal bei der Telekom anzurufen, ist er allerdings noch nicht gekommen. Man sollte übrigens beim Hantieren mit Farben und Lacken immer schön durchlüften, fällt mir dazu nur ein…
Auch Susannes Schulden bleiben größtenteils hypothetisch. Die bekannten Posten (Tupper, eBay, Autovermietung usw.) ergeben zusammen gerade 22.750 Euro. Irgendwie war da noch etwas mit einem Kredit von 30.000 Euro für ihr (erstes) Nagel-Studio, aber leider fehlen da jegliche Unterlagen.
Nun kommen wir wieder zum Fremdschämen: Zwegat will, dass Susanne sich einen Job besorgt und fragt, was sie außer “nageln” noch könne. Sie schriebe Gedichte und nehme sie auf CD auf, erzählt sie da – und hinterher wird eines davon vorgespielt. (Eine “Gedicht”-CD nötigt sie dem Schuldnerberater übrigens als Geschenk auf.) Freundlich ausgedrückt, sollte sie sich hier lieber nicht allzu große Hoffnungen machen, meines Erachtens kann sie viel besser rechnen als dichten… Aber das ist noch nicht alles, Susanne fotografiert neuerdings auch noch gern mit dem Handy und will das jetzt ebenfalls professionell machen. Als er später mit uns allein ist, formuliert Zwegat seine erheblichen Zweifel an Susannes Karrierehoffnungen und drückt mit diplomatischen Worten aus, dass sie eigentlich einen ziemlichen Dachschaden hat. Dann flieht der Berliner, vermutlich will er schnell die geschenkte CD entsorgen. Als Hausaufgabe sollen beide Bittlingers ihre Gläubiger anrufen und nach den Schulden fragen. Susanne ist damit schnell fertig, denn die einzige Telefonnummer eines Gläubigers, die ihr eingefallen ist, stellt sich als falsch heraus. Das wird alles nichts und schlussendlich geht Zwegat zur Schufa und kriegt da endlich eine detaillierte Aufstellung der Außenstände seiner beiden Sorgenkinder.
Sascha hat inzwischen ein viel größeres Problem, denn sein früherer Lieblingsdealer steht gerade vor Gericht und hat ihn schwer belastet: Seine überwunden geglaubte Drogenkarriere scheint nun doch noch ein juristisches Nachspiel zu haben; ihm drohen bis zu 5 Jahre Knast. Vielleicht dank Zwegat und Fernsehen wird daraus nur eine Bewährungsstrafe plus 120 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Sascha verspricht hoch und heilig, dass das nie mehr vorkomme, das sei alles jugendlicher Leichtsinn gewesen. (Die zur Last gelegte Tat ist übrigens erst ein Jahr her.) Hinterher besorgt ihm Zwegat auch noch eine Stelle, bei der er seine abgebrochene Ausbildung zum Maler und Lackierer beenden kann. Sascha sagt nicht viel dazu und freut sich wohl primär innerlich. Nebenbei hat Zwegat über die Schufa herausbekommen, dass seine Schulden insgesamt nur 6.000 Euro betragen (jaja, die Lösungsmittel) und er will versuchen, etwa die Hälfte davon durch Vergleiche aufzulösen.
Susannes Nagel-Studio-Pläne werden mit Hilfe eines Typs vom Arbeitsamt professionell zerlegt, Gott sei Dank. Der Markt ist sehr eng und Susanne habe keine ausgesprochene Unternehmerpersönlichkeit, damit würde die Nagelei niemals funktionieren und sie kriegt deshalb auch keine Förderung vom Arbeitsamt, Punkt. Zwegat hat mittlerweile eine Übersicht ihrer Schulden: 33.000 Euro. Damit bleibt für Susanne nur der Weg in die Privatinsolvenz, d.h. die nächsten sechs Jahre muss sie finanziell die Füße still halten und vor allem, jetzt wird es bitter: Sie muss sich um Arbeit bemühen.
Ein Fall geht zu Ende, bei dem man als Zuschauer aus dem Kopfschütteln kaum heraus kommt. Wie dämlich darf man eigentlich sein, ohne dass das Drehbuch zu künstlich wirkt? Zwegat muss schon verdammt abgebrüht sein, dass er seinen Mandanten diesmal nicht mit der Flip-Chart einen Scheitel zieht, nicht mal hinter der Kamera. Aber sicherlich geht es immer noch ein Stück schlimmer, die nächsten Folgen werden uns das vielleicht zeigen…





