Sein aktueller Fall bringt Peter Zwegat diesmal hinter Gittern – wenn auch nur zu Besuch. Er hat auf den Hilferuf von André Moos aus Walldorf in der Nähe von Mannheim reagiert und wühlt sich in einen Fall, der alles hat, was RTL-Zuschauer gern sehen: Sex, Crime, Drugs, Tears and Kopfschütteling – und das alles in gerade mal netto 43 Minuten. Hut ab!
Der Altmeister der Schuldnerberatung besucht den 28-jährigen André Moos, der als WG-Untermieter in einer Dachwohnung haust. Auch heute weicht er nicht von seinem bewährten Rezept ab, warum auch, die Quote stimmt ja offensichtlich! Nach dem üblichen Spruch “Sie haben gerufen, ich habe es in Berlin gehört, nun bin ich hier, wie kann ich helfen?” kommt natürlich zuerst die Frage, wie hoch die Schulden denn seien und wie es dazu gekommen ist. (Vorweg: Ich bin gespannt, wann Zwegat der klar zu Tage liegende Kalauer mit dem Nachnamen seines Mandanten einfällt, also etwa “Ohne Moos nichts los!” oder “Wo ist ihr Moos, Herr Moos?”)
Nun, die Sache ist hier echt filmreif: André ist bei seiner Oma aufgewachsen, hatte schon mit 13 die ersten Drogenerfahrungen und wurde mit 19 Vater eines Sohnes, von dessen Mutter er sich dann schleunigst wieder trennte. Mit nicht gezahltem Unterhalt, allerlei Schnickschnack und Krimskrams hat er nach eigener Schätzung etwa 30.000 Tacken Schulden angehäuft. Damit ist er allerdings ein Waisenknabe, verglichen mit seiner Ehefrau! Ja, Überraschung, André ist nämlich verheiratet mit Sandra Moos, allerdings wohnen sie seit zwei Jahren getrennt. Und das wird auch noch zweieinhalb Jahre so weiter gehen, dann nämlich wird Sandra aus dem Knast entlassen! Sie sitzt zur Zeit wegen Kreditkartenbetrugs hinter schwedischen Gardinen.
Das Paar hatte sich vor einiger Zeit als Patienten in einer Suchtklinik (“Eiterbach”, geiler Name) kennengelernt, er wegen seiner Drogengeschichten und sie wegen unstillbarer Kaufsucht. Danach wurde flugs geheiratet. Die Therapie war allerdings nur partiell erfolgreich, denn Sandra hat nach der Entlassung gleich mit dem Kreditkartenbetrug weitergemacht, haufenweise Unterschriften auf Kaufverträgen gefälscht und was so dazu gehört. André behauptet, die Machenschaften seiner frisch Angetrauten erst nach einem halben Jahr durchblickt zu haben. Am Ende flog Sandras Betrug auf, sie ist nun für 4 1/2 Jahre eingefahren und hockt zivilrechtlich auf einem Schuldenberg von etwa 200.000 Euro. Wenigstens seine eigenen Verbindlichkeiten will André bis zur Haftentlassung seiner Frau aus der Welt geschafft haben. Da ist guter Rat teuer, aber Zwegat kostet nichts – außer der Tatsache, dass man sich hinterher im Dorf bei Tageslicht nicht mehr blicken lassen kann, ohne rot zu werden…
Nachdem er die eher tristen Lebensumstände seines Mandanten in Augenschein genommen hat, verzieht sich Zwegat mit einem scheinbar wohlsortierten Aktenordner voller Unterlagen wieder in seine Kanzlei nach Berlin. Vorher hat er nochmal extra auffällig gefragt, ob die Papiere auch vollständig seien, kein Schränkchen oder der Keller vergessen wurden. Da wittert der routinierte Mediengaffer schon etwas und die allwissende Stimme aus dem Off bringt die Gewissheit: Die mitgenommenen Unterlagen sehen nur ordentlich aus, sind aber tatsächlich total lückenhaft. Netter Versuch, Moos, aber bei Röntgenauge Zwegat kommst Du damit nicht weit! Der durchschaut so einen kleinen Täuschungsversuch sofort (insbesondere, weil es nämlich so im Drehbuch steht)!!!
Nun muss André an den öffentlichen Fernseh-Pranger, denn Zwegat verkündet per Flipchart den Schuldenstand: Tatsächlich hat der Berliner bisher 40.000 Euro Schulden bei 44 Gläubigern ermittelt und er bezweifelt, dass das schon das Ende der Fahnenstange ist. Wieder fragt er seinen Klienten nach weiteren Unterlagen und uppsala, achja, da war ja noch ein Karton mit Papierkrams der Ehefrau (den sie umständehalber momentan nicht selbst bearbeiten kann)…
Schwer schnaufend holt André die ansehnliche Kiste aus dem Keller. Zwegat kippt den Inhalt gleich vor laufender Kamera auf das Sofa und staunt nicht schlecht über einen Haufen ungeöffneter Mahnungen und Vollstreckungsbescheide; das riecht nach Ärger! Der knarzige Schuldnerberater geht bekanntlich zum Lachen in den Keller, aber nach diesem Kellergang ist ihm wohl eher zum Weinen zumute: In den Unterlagen von Frau Moos findet sich auch das eine oder andere Schreiben an ihren Göttergatten, dessen Schuldenberg damit im Handumdrehen auf 45.000 Euro wächst. Der kann dazu nur etwas dämlich grinsen und ist ansonsten sprachlos.
Um das Fernsehpublikum am Einschlafen zu hindern, haben die Drehbuchautoren nach der Papierwühlerei jetzt ein bisschen mehr Action eingebaut, es geht nämlich in den Knast. Zwegat muss angeblich persönlich mit Sandra über ihre Schulden und – so sagt der Off-Mensch – auch über ihre Beziehung mit André sprechen. Eheprobleme waren zwar bisher noch gar kein Thema in der Folge, aber wenn man lange genug bohrt, ist bestimmt auch bei dieser “Fernbeziehung” ein medial verwertbarer Wurm drin.
Zwegat und sein Klient werden (natürlich wieder vor der Kamera) von den Wärtern gefilzt und dann in den Besucherrraum gebracht, wo sie auf Sandra treffen. Die 36-jährige soll erstmal genau erklären, warum sie überhaupt eingebuchtet ist. Das macht sie auch überraschend eloquent und man könnte den Eindruck gewinnen, Frau Moos habe in der Ehe die Hosen an und sei für die Kopfarbeit zuständig. Nun kommt die Tränenszene, als Sandra erzählt, dass sie als verurteilte Betrügerin von sämtlichen Bekannten und Verwandten geschnitten wird, nur André hielte noch zu ihr. Der bestätigt ihr seine unverbrüchliche Liebe und Zwegats “gebügeltes” Taschentuch muss dran glauben. (BTW: Ob Zwegat wohl liiert ist? Der sieht eigentlich nicht so aus, als könne er selbst waschen und bügeln. Muss mal im Graue-Panther-Blog nachlesen.
)
So, zurück zu Andrés Schulden: Der will nicht in die Insolvenz gehen und steuert stattdessen einen Vergleich an, für den er nun aber Geld braucht. Zwegat wittert eine Chance bei Andrés Oma. Die ist nämlich das einzige Familienmitglied, das noch mit ihm – André, nicht Zwegat – spricht. Die beiden besuchen die alte Dame in München, die sich dabei aber bösartigerweise nicht filmen lassen will. Sowas von rücksichtslos, was bildet sich die Krawallschachtel nur ein, verletzt das nicht sogar ein Grundrecht von uns Zuschauern? Naja, RTL fügt sich dieser Unverschämtheit und pixelt die Hexe Frau aus dem Bild. Angeblich eine Stunde lang beknetet der Schuldenflüsterer sie nun unter Ausschluss der Öffentlichkeit – wobei ich immer dachte, ohne Kamera atmet der nicht mal. Insgesamt leiert er der leicht geschockten Oma dabei 3.000 Euro aus dem Kreuz, aber das reicht hinten und vorne nicht.
Mal wieder muss die Marianne-von-Weizsäcker-Stiftung in die Bresche springen, die ehemalige Drogenabhängige unterstützt. Hier macht Zwegat nochmal 6.000 Euro locker und startet nun die Betteltour bei den Gläubigern. Gleich beim ersten Termin in einem Warenhaus verpennt André Moos und erscheint eine halbe Stunde zu spät; Zwegat kocht vor Wut. Später kocht auch Moos himself, als er feststellt, dass seine Schulden bei diesem Kaufhaus auf einer gefälschten Unterschrift seiner Frau basieren. (Das verstehe ich nun wiederum nicht, genau dafür wurde Sandra doch schließlich eingelocht, was hat denn André gedacht, was “Urkundenfälschung” bedeutet?)
André fliegt derweil aus seiner Wohnung, weil der WG-Hauptmieter gekündigt hat. Wegen seiner negativen Schufa-Einträge kommt er selbst kaum als Mieter infrage, nur eine einzige Maklerin ist überhaupt bereit, mit ihm zu sprechen, hat aber gerade keine passende Wohnung parat. Trotzdem hat er schon mal seine Habseligkeiten zusammengeräumt und dabei bedauerlicherweise eine weitere Forderung entdeckt, diesmal von einem Gartencenter. Kleinlaut informiert er Zwegat, der aufbraust und wissen will, was André um Himmels Willen in einem Gartencenter gekauft habe – wo er doch gar keinen Garten besitzt. Der stammelt verlegen etwas von Blumen und Terrarium und macht dabei eine ausgesprochen mickrige Figur.
Zwegat beruhigt sich wieder und erzählt André von seinem Plan, eine Mehrheit der Gläubiger – die auch über die Mehrheit der Schulden verfügt – zum Vergleich zu bewegen. Dann könnte man ggf. die nicht mit einem Vergleich einverstandenen Gläubiger per Gericht überstimmen lassen. Das bedeutet viel Arbeit für Zwegat und er verabschiedet sich einstweilen von seinem Klienten und den Zuschauern. Und zwar ganz ohne den von mir erwarteten Moos-Kalauer. Ich bin etwas enttäuscht, soviel Humor hätte ich den RTL-Schreiberlingen eigentlich doch zugetraut.






February 10th, 2010 at 6:07 pm
Tolle Sache, dass man hier so frei schreiben kann.