Willkommen zurück in Bohlens Talentpresse! Heute müssen die übrig gebliebenen Vier wieder zwei Titel singen, nämlich einen Kinohit und eine Ballade.
Der lustige Dieter bringt schon gleich zu Beginn eine uniformierte Krankenschwester mit auf die Bühne, falls es einem der Kandidaten mal nicht so gut gehen sollte, zwinker, zwinker.
Der geneigte Feuilleton-Leser weiß natürlich, worauf der unsensible Superstar-Dompteur da anspielt: Annemarie war in der letzten Woche auf Promotiontour in ihrer Heimatstadt Dessau mit einer Art Kreislaufkollaps zusammengebrochen und die Blöd-Zeitung hatte da wohl ein Drama auf Leben und Tod draus gemacht. Wenn ihr Protegé schon nicht durch guten Gesang glänzt, muss es doch wenigstens durch Skandale auffallen, auf diesem Gebiet hat die Blöd-Zeitung ja massig Ahnung…
Die vier Protagonisten laufen ein (mit den obligatorischen Buhrufen für das blonde Gift) und als fünfter schlurft dann noch Mark Medlock hinterher, der leicht durchgeknallte Gewinner der vorletzten DSDS-Staffel. Er droht zwischen zwei nett gemeinten Verbalinjurien für nachher die Vorstellung seines Sommerhits 2009 an, der selbstverständlich von niemand Geringerem als Onkel Dieter himself verzapft worden ist. Man sollte meinen, dass der schon genug Honorar für die Rolle als Jurychef kassiert, aber offenbar kann er den Rand nicht voll kriegen und geiert auch noch auf die Vermarktung seiner 08/15-Dudeldei-Mucke. (Wo bleibt die Einblendung “Dauerwerbesendung”?)
Als erster Kandidat ist heute Mädchenschwarm Dominik Büchele dran. Der Einspieler zeigt Szenen des Wahnsinns, als Dominik sein Heimatdorf Kappel-Grafenhausen besucht. Dort ist anscheinend seit dem zweiten Weltkrieg nicht viel Aufregendes passiert und so springt den Eingeborenen angesichts des Fernsehrummels kollektiv der Draht aus der Mütze.
Dominiks erster Titel “Can you feel the Love tonight” stammt aus dem Film “König der Löwen” und wird im Original von Sir Elton John gesungen. Domi, ach Domi, warum singst Du nur immer so pathetische Sachen? Du bist doch noch so klein und scheinst schon die Last der ganzen Welt auf Deinen Schultern tragen zu müssen… Auch Dieter hadert damit: “Du hast aus ‘König der Löwen’ einen ‘Prinz der Hamster’ gemacht.” Insgesamt sei es aber eine akzeptable Leistung gewesen. Der Solala-Bewertung schließen sich auch Nina und Volker an.
Sarah Kreuz kommt aus Poppenhausen; diese 1A-Herrenwitz-Vorlage kann Marco Schreyl selbstverständlich nicht ungenutzt vorübergehen lassen, wofür hat er denn schließlich studiert?! Der Einspieler zeigt Sarahs Eintrag ins Goldene Buch ihrer Heimatgemeinde, die aber insgesamt nicht ganz so abgeht, wie die von Dominik. Sie singt zuerst “I will always love you” aus dem Film “The Bodyguard”. Im Vergleich mit Whitney Houstons genialer Stimme kann man eigentlich nur abstinken, aber Diva Sarah kriegt es ziemlich gut hin, lt. Dieter sogar besser als das Original und das will aus seinem Mund schon etwas heißen!
Der Einspieler zeigt auch “Pretty Boy” Daniel Schuhmacher auf Heimaturlaub – das ist bei ihm Pfullendorf. Dort kommt es zu ähnlichen Szenen wie bei Dominik, nur dass der Dominik von Pfullendorf eben Daniel heißt. Auch er genießt die 15 Minuten im Rampenlicht, die lt. Andy Warhol jedem Menschen im Lebens zustehen. Genau genommen hat Daniel inzwischen wohl schon die Rampenlichter mehrerer Leben verbraucht, dafür bleiben andere ewig im Dunkeln und müssen zynische Blog-Einträge verfassen…
Daniel bringt zuerst “Take my Breath away”, den die Altvorderen noch aus dem Air-Force-Werbefilm “Top Gun” kennen. Mit null Choreo schmachtet er sich etwas statisch durch den Titel, aber wenn ich mir vorstelle, welchen Hüpf- und Zuckanfall Holger Göpfert daraus gemacht hätte, ist das eigentlich ok. Dieter mag den Song schon bauseitig nicht, ist aber mit Daniels Leistung trotzdem recht zufrieden. Nur hätte er sich für ihn einen stärkeren Titel gewünscht und hofft auf die zweite Runde. Restjury dito.
Annemarie Eilfelds erster Titel “There you’ll be” (Faith Hill) stammt sinnigerweise aus einem Kriegsfilm, nämlich “Pearl Harbor”. A propos Krieg: Vorweg darf Mami Eilfeld live im Studio eine Lanze für ihr reizendes Töchterlein brechen. Die sei in Wirklichkeit einfach nur lieb und ein ganz toller Mensch und der ganze Clinch mit den anderen Kandidaten sei nicht ihre Schuld. Oooooooooh, endlich mal Klartext, so ist das also, ALLE anderen sind Schuld, nur nicht die eigene Tochter. Hatte ich eh schon vermutet.
Der Einspieler zeigt die eingangs genannten Szenen von Annemaries Welttournee durch Sachsen-Anhalt und vor allem ihren megatheatralischen Kollaps, für den RTL einen ganzen Kanister Kunsttränen spendiert haben muss. Ich sehe vor meinem geistigen Auge, wie Annemarie später auf der Intensivstation gegen den Willen der Ärzte ihre Herz-Lungen-Maschine abstellt, sich von den zahllosen Schläuchen und Drähten befreit und mit letzter Kraft auf die Bühne stolpert, um für ihre Dessauer zu singen, denn sie will ihre wartenden Fans nicht enttäuschen! Eigentlich könnte man DSDS an dieser Stelle auch beenden, der Superstar ist schon gefunden und jede weitere Suche wäre Verschwendung.
Aber so weit ist es in Wirklichkeit noch nicht, jetzt kommt erstmal Pearl Harbor: Annemarie steht auf der Bühne vor einem riesigen drehenden Propeller und bestimmt wünschen manche fiesen Zeitgenossen, sie möge mal eben zwei, drei Schritte zurück gehen…
Aber keine Chance, der Propeller ist nur ein Filmclip auf der Monitorwand und macht dann bis zum Schluss des Liedes Platz für eine endlose Kette tieffliegender Kriegsflugzeuge. Was für eine schöne Untermalung für Annemaries Song! Die Jury findet es trotzdem ganz ok, nur Dieter meckert, dass er mit seiner fortwährenden Kritik an Annemarie doch Steilvorlagen für ihre Pressearbeit liefere, aber dafür noch keinen Champagner bekommen habe.
Dominik Büchele eröffnet den zweiten Durchgang (Thema “Balladen”) mit dem Klassiker “The Sounds of Silence” von Simon & Garfunkel in der Streicher-Version. Diesmal gelingt ihm echtes Gänsehautfeeling, was vielleicht auch etwas an seiner haartechnischen Ähnlichkeit mit Art Garfunkel liegt. Mal im Ernst, für dieses Lied ist Domis rauchige Stimme wie geschaffen und die gewiss nicht einfache Intonation gelingt ihm ganz gut, auch wenn ihn das depperte Publikum mit dummdeutschem Geklatsche aus dem Tritt zu bringen droht. Dieter giftet trotzdem, da sei “Null Gefühl” rübergekommen und fängt sich damit Buhrufe des Büchele-Fanblocks ein. Volker und Nina fanden es hingegen gut.
Duffys Hit “Warwick Avenue” wird jetzt von Sarah Kreuz nachgesungen, wieder mit orchestraler Minimalbesetzung aber maximalem Einsatz der Diva. Die Jury ist durchweg sehr zufrieden. Das ist insbesondere bei Nina interessant, da sie das Lied seit bzw. genau wegen der Castings eigentlich überhaupt nicht mehr hören kann.
Nun wird’s knifflig, denn der schöne Junge (“Pretty Boy”) Daniel Schuhmacher versucht sich an Joe Cockers “You are so beautiful”. Der Titel ist wegen Cockers unnachahmlicher Reibeisenstimme normalerweise ein Himmelfahrtskommando für Cover-Sänger, aber nicht heute Abend. Von der Stimmlage her klingt Daniel absolut wie eine – sehr gute – farbige Bluessängerin, tiefschwarz würde ich sogar sagen (oder ist das schon politisch unkorrekt?). Dieters Urteil ist ein absolutes Novum, denn er kriegt erstmal ein paar Sekunden lang gar kein Wort raus und ist danach nur noch stolz auf Daniel, sagt er. (Sehe ich Euro-Zeichen in seinen Augen?) Die anderen beiden Juryisten sind auch hin und weg.
Marco Schreyl behauptet, dass man bei “Because of You” (von Kelly Clarkson) merken könne, wie zerbrechlich Annemarie Eilfeld in Wirklichkeit sei. Als zerbrechlich erweist sich zunächst jedoch die RTL-Technik: Annemaries Mikro gibt schon vor dem ersten Ton den Geist auf. Zufall? Sabotage?? Hexerei??? Wir lesen die Antwort dann sicherlich am Montag in der Blöd-Zeitung. So, im zweiten Anlauf klappt alles und zwar ganz passabel. Annemaries Claqueure im Publikum schreien nach Zugabe, Dieter faselt was von “nachgesungen”, Nina und Volker mögen keine Zicken, finden Annemarie zwar musikalisch gut, dabei jedoch sehr anstrengend.
Nach der Pflicht kommt die Kür und die heißt heute Mark Medlock. Dieters devoter Herzbube stellt jetzt seinen kommenden Sommerhit vor, noch brühwarm aus dem Bohlenschen Hittoaster – trotzdem klingt er seltsam vertraut. Medlock zieht seine übliche Playback-Show ab, Dieter wippt dazu gut gelaunt (weil gut verdienend) auf dem Stuhl, leicht bekleidete Tänzerinnen hüpfen über die Bühne und es stellt sich sofort Ferienstimmung ein. Man muss das Lied einfach mögen – wenn man Mark Medlock mag. Ich mag ihn nicht. Und die Re-Inszenierung von Bohlens Gelddruckmaschine namens DSDS als Werbeplattform für seine unsäglichen Platten mag ich auch nicht. Also spule ich mal eben eine Stunde vor zur Urteilsverkündung.
Außer Daniel müssen alle nach vorn und raus fliegt heute Dominik, der Mädchenschwarm! Hmmm, gute Frage, wer erbt denn jetzt Dominiks pubertierende Anhängerinnenschaft aus dem Bravo-Lager? Klare Antwort, der Punkt geht an Annemarie, die ist der letzte Kerl unter den Kandidaten. Nächste Woche sehen wir dann, wie sie Sarah demontiert und am 9. Mai kommt die Thronbesteigung.
Langsam sehne ich mich nach Holger.





