Liebe Trash-TV-Fans,
auch eine der meistgesehenen Serien des Formats “Reality Soap” ist gut durch das Sommerloch gekommen und meldet sich heute gleich mit einem absoluten Highlight zurück: “Raus aus den Schulden” spielt diesmal in Perleberg im malerischen Brandenburg. In den Hauptrollen in dieser Pleitenposse sehen wir Judith M. als naive Krankenschwester und Stefan M. als verschlagenen Bruder. Den hilfreichen, leicht grantelnden älteren Herrn spielt der bekannte Laiendarsteller Peter Zwegat aus Berlin. Vorhang auf zum ersten Akt!
(Anmerkung: Zwar wurde in der Sendung der volle Familienname genannt, aber nach einigen sehr unfreundlichen Kommentar-Mails der Protagonisten zu meinen vorangegangenen Zwegat-Blogs gehe ich hier mal in Vorleistung und schütze deren Rest von Privatsphäre. Eigentlich selbst Schuld, denn wer ins Fernsehen geht, muss damit rechnen, dass man ihn sieht und über ihn spricht.)
Es geht gleich los beim Kern der ganzen Sendung: Krankenschwester Judith M. lebt in Hannover und hat sich vor drei Jahren mitten in ihrer alten Heimatstadt Perleberg ein Fachwerkhaus gekauft. Offenbar etwas unbedacht, denn hinter der einigermaßen ordentlichen Fassade ist das Gebäude völlig im Eimer, die Fernsehfuzzis sprechen sogar von einer Schrottimmobilie. Die Tapeten, wenn überhaupt noch vorhanden, hängen in Fetzen, die Decke bröselt bedenklich, viele Kabel sind aus der Wand gerissen, überall am Boden liegt Schutt, es gibt Beulen an den nassen Wände, kurz: Das Ding ist eine Ruine, für Menschen völlig unbewohnbar. Selbst als Ratte würde ich mich vor den anderen Ratten draußen auf der Straße schämen, wenn ich hier mein Loch hätte. Judith und ihr Vater steigen mühsam und sich heftig am Kopf kratzend durch die Trümmerlandschaft. Die allwissende Stimme aus dem Off weiß sogar noch ein paar mehr Details: Judith hat für den Erwerb dieser Bruchbude einen Bankkredit über 80.000 Euro aufgenommen – zu einem Zeitpunkt, als sie 1.400 Euro netto verdiente. Wir Zuschauer fragen uns natürlich unwillkürlich, wie ein Mensch so dämlich sein kann, so viel Geld für so wenig Haus zu bezahlen und welche Bank bekloppt oder gerissen genug ist, dafür auch noch einen solchen Kredit auszuspucken. Nun, das werden wir heute alles erfahren.
Nicht nur, dass Judith ihre geliehenen 80.000 Talerchen für nichts verpulvert hat, ihre Schulden wachsen sogar immer noch weiter, denn die Hütte gammelt lustig vor sich hin, das Dach macht wohl bald den Schlappmann und Kreditraten, Grunderwerbssteuer, Grundsteuer und Versicherungsprämien sind längst überfällig. Auf der Einnahmenseite gähnt ebenfalls ein großes Loch, die erhofften Mieteinnahmen blieben natürlich aus, denn wer will schon in so einem Dreckloch hausen? Und womöglich auch noch dafür bezahlen??? Inzwischen sind Judiths Außenstände sechsstellig, sie sieht keine andere Lösung mehr und greift zum Äußersten, nämlich zum Hörer, und ruft das Fernsehen: “Hilfe, hilfe, lieber RTL, ich weiß nicht mehr weiter, bitte schickt den Zwegat!!!”
Der kommt natürlich auch sofort und dass, obwohl er doch lt. Vorspann dafür keinen Cent kassiert. Es ist die pure Menschenliebe, die den alten Mann antreibt, er ist ein reiner Guter, wie Dittsche sagen würde. Nun denn, Zwegat kommt also zu Besuch bei Judith M. und lässt sich alles, was er natürlich insgeheim schon längst aus dem Drehbuch weiß, nochmal haarklein vor der Kamera verklickern. Aha, aha, für 80.000 Tacken hat sie also das ominöse Haus gekauft. Und zwar von ihrem Bruder, dem gelernten Banker Stefan (M. natürlich, die heißen alle M.). Stefan ist genau so ein Banker, wie sich Nicht-Banker wohl den typischen Banker vorstellen, nämlich gerissen und geldgeil. Stefan hatte das Haus nur ein paar Tage zuvor selbst für gerade mal 30.000 Euronen erworben. Zwischen An- und Verkauf hat die Prachtvilla also innerhalb kürzester Zeit eine Wertsteigerung um sage und schreibe 167% erfahren. Oder mit anderen Worten: Stefan hat aus der Blödheit seiner naiven (damals 24jährigen) Schwester 50.000 Euro Gewinn geschlagen. Angeblich hatte er zuvor den Kauf als lukrative Investition und Altersabsicherung dargestellt und selbstlos versprochen, die Kreditraten zu übernehmen, bis die Schwester den ersten Mieter gefunden hat. Daraus wurde nichts, Bruder M. stellte nach dem Verkauf seiner Immobilie die Unterstützung von Schwester M. ziemlich bald ein und zog sich in der Folgezeit aus nachvollziehbaren Gründen überhaupt etwas aus der Familie M. zurück, der Kontakt zwischen den Geschwistern ist sozusagen abgerissen.
Was Zwegat ein respektvolles Kopfnicken abnötigt, ist die Tatsache, dass Judith sich das Fachwerkhaus vor ihrer Unterschrift unter den Kaufvertrag nicht ein einziges Mal angesehen hat, obwohl es nur einen Steinwurf vom Haus ihrer Eltern entfernt liegt. Respekt, so naiv und hirnverbrannt waren in seiner Sendung nur wenige, wenn überhaupt. Diesen Tag sollte man sich als Fan des Schuldnerberaters rot im Kalender anstreichen. Hier sitzt tatsächlich eine Frau auf dem Sofa, die es hinsichtlich ihrer Geschäftsfähigkeit nicht mal mit einem Gummibaum aufnehmen könnte. Wäre ich Zwegat, würde ich die Adresse von Judith M. unter allen windigen Schlawinern dieser Welt meistbietend versteigern und mich von dem Geld zur Ruhe setzen.
Der Berliner ist aber auch etwas Masochist, denn nun will er das fragliche Haus doch gern einmal selbst in Augenschein nehmen. In der nächsten Szene sehen wir Peter Zwegat also durch die ziemlich abgewrackten, leeren Straßen Perlebergs laufen, vorbei an Häusern ohne Putz, die womöglich älter sind als er selbst und im Hintergrund leise, aber sehr passend das Mundharmonikathema aus “Spiel mir das Lied vom Tod”. (Wie schon in einigen Blog-Einträgen angemerkt, liefert die RTL-Musikredaktion immer wieder subtile Soundtracks, deren wunderbare Ironie sich erst beim genauen Hinhören voll erschließt. Großartig!)
Perleberg, die Hauptstadt der Prignitz, ist, wie man so sagt, auf den Hund gekommen. Die nächste Autobahn ist zwei Stunden entfernt, die Jugend flüchtet, sobald sie eine Fahrgelegenheit kriegt und zurück bleiben alte Leute und leere Häuser. Die Immobilienpreise bewegen sich dementsprechend auf Kellerniveau. Schwester Judith hat in einem wachen Moment mal von einem Gutachter den realen Preis ihres Traumhauses schätzen lassen und… man mag es ja kaum schreiben… der liegt bei gerade mal 5.000 bis 10.000 Euro.
Ob das Gebäude unter Denkmalschutz stehe, will Zwegat wissen. Ja, vermutlich ja, kommt wenig verbindlich zurück. Der Berliner ist schon wieder perplex, dass Judith diese für alle Renovierungs- und Abrissfragen wichtige Information nicht wirklich parat hat. Im Haus verschlägt es ihm dann ganz die Sprache, auf die Besichtigung des Dachgeschosses verzichtet er sogar aus Rücksicht auf seine sonst vergeblich angesparte Rente. Stattdessen geht er gleich rüber zu Judiths Eltern, den Ms. Hier will er mal in den Familieninterna nach den Motiven des skrupellosen Bruders Stefan forschen. Die Eltern sind genau so ratlos wie Zwegat selbst, stehen fassungslos vor dem schwarzen Loch, in dem auch von ihnen bereits 15.000 bis 18.000 Euro verschwunden sind, weil sie beide Kinder nach Kräften finanziell unterstützt haben. Damit stünden sie jetzt selbst kurz vor der Pleite, berichten die rührigen Ms.
Nun kommen wir zu dem beliebten Ritual aller Zwegat-Folgen, der Addition der Schulden an der Flip-Chart. Neben dem eigentlichen Hauskredit hat Judith auch noch mehrere andere Konten komplett überzogen und sich trotzdem in dem ganzen Chaos auch noch ein Auto für 12.000 Euro geleistet, man gönnt sich ja sonst nichts. Summa summarum nennt die 27jährige 122.680 Euro Schulden ihr Eigen. Nochmal Respekt! Den monatlichen Einnahmen aus Job und Nebenjob in Höhe von 2.000 Euro stehen Ausgaben von 1.465 Euro gegenüber. Das sieht auf den ersten Blick ja fast positiv aus, allerdings bedient sie momentan ihre Kreditraten fast gar nicht. Würde sie das tun, machte sie etwa 180 Euro Miese pro Monat. Zeit für ein paar Gespräche, Zwegat läuft so langsam warm.
Eigentlich bliebe nur die Privatinsolvenz, sagt der Schuldnerberater aus seiner langen Erfahrung mit Pleitiers. Schwester Judith behagt das aber gar nicht, nein, ins Insolvenzverfahren will sie partout nicht, “da bleibt von meinem Geld ja gar nichts übrig”. Irgendwie hat die Gute noch immer nicht geschnallt, dass schon jetzt von “ihrem Geld” gar keine Rede mehr sein kann, das ist allerhöchstens noch das Geld der Bank, sie ist nach ökonomischen Maßstäben völlig abgebrannt. Aber Mahatma Zwegat will immer nur das Beste für seine Kunden und fängt deshalb tatsächlich an, mit der Bank zu verhandeln.
Währenddessen in Perleberg: Mutter M. feiert ihren sechzigsten Geburtstag und hat alle ihre beiden Kinder eingeladen. Alle? Ja alle, auch den fiesen Bruder. Es kommt also zum Geschwister-Showdown und wir sind dank RTL mittendrin!!! Offenbar hat ihn das Team schon vorab interviewt: Stefan M. redet sich mit einem Haufen Bankergebrabbel aus der Affäre, er hätte eigentlich die Renovierung von Judiths Haus bezahlen wollen, dann seien bei ihm aber Probleme mit der Steuerfahndung aufgetreten, “Kontendichtmachen, Kontenlöschen, Guthaben runterziehen, also das volle Programm”. Danach war bei ihm Ebbe und seine Schwester konnte er auch nicht mehr unterstützen. Angeblich habe er aber immer wieder versucht, einen Käufer für das Haus zu finden.
Nach dem Kaffeetrinken bei Muttern gehen Judith und Stefan zur Aussprache runter auf die Straße, die Kamera natürlich immer dabei. Judith sagt zunächst überraschend ruhig, später aber doch noch sehr bewegt ihren Text mit den Vorwürfen auf und Stefan windet sich aalglatt und eiskalt mit Ausreden der Marke “kann ich nicht mehr ändern” und “ich hatte soviel andere Dinge im Kopf” heraus. Am Ende schweigen sich beide an, Judith weint, sie kenne ihren Bruder nicht mehr wieder und Stefan wirkt genervt, weil er ja immerhin nach den Pfändungen auch nur noch 990 Euro Gehalt im Monat hat. Das sei ja für ihn noch ein viel größerer Abstieg, wo er doch früher als Single ein riesiges Haus hatte und mehrere dicke Autos fuhr… Das Verhältnis der Geschwister dürfte sich mit diesem “Gespräch” nicht wesentlich verbessert haben, aber wenigstens hatte diese Folge ihren emotionalen Höhepunkt.
Wenden wir uns wieder dem ehrlichen Handwerker Peter Zwegat zu. Der hat inzwischen mit der Hypothekenbank einen Deal eingefädelt, nach dem Judith ihr verdammtes Haus wesentlich unter dem Kreditwert verkaufen darf. Dann spricht er selbst einmal mit Bruder Stefan, der zur Zeit als Immobilienhändler tätig ist (auch wenn ihm, wie gesagt, das Finanzamt alle Einnahmen oberhalb von 990 Euro wegpfändet). Der findet angeblich tatsächlich nach einigen Wochen einen Käufer, der sage und schreibe 5.000 Euro für das vormals 80.000 Euro teure Haus auf den Tisch legen will. Damit die Hypothekenbank Judith endgültig vom Haken lässt, muss nun noch ein (ungenannter) fünfstelliger Vergleichsbetrag zusammengebracht werden. Judith bekommt von ihrem zweiten Arbeitgeber einen Arbeitnehmerkredit, die Eltern schießen auch noch etwas Geld zu (aus dem Verkauf von Sammlerpuppen) und dann kriegt Zwegat per Fax das Okay der Bank: Die gut 90.000 Euro Hypothekenkredit inklusive aufgelaufener Verzugszinsen usw. wären mit dem Vergleich erledigt. Die restlichen etwa 30.000 Euro und den neuen Arbeitnehmerkredit kann Judith bei bescheidener Haushaltsführung in absehbarer Zeit voraussichtlich ohne fremde Hilfe abstottern.
Eigentlich sollte Judith darüber sehr glücklich sein, aber bei ihr bleiben Zweifel, denn die ganze Lösung steht und fällt mit ihrem Bruder. Wenn der Käufer abspringt, ist der Vergleich Essig und es bleibt wohl nur der bittere Gang ins Insolvenzverfahren. Zwegat kann sie da auch nur bedingt beruhigen. Die Erlösung für unsere gepeinigten Nerven kommt aber mit dem Abspann: Aus dem Off erfahren wir, dass der unterschriebene Kaufvertrag inzwischen der Bank vorliegt und damit wohl der Vergleich zustande kommt.
Juhu, das war eine Spitzenfolge, Supermann Zwegat hat es mal wieder geschafft, aus 90.000 Euro hat er im Handumdrehen einen kleinen fünfstelligen Betrag gemacht, eine verzweifelte Krankenschwester kann wieder lächeln und vielleicht kommt ja sogar das Verhältnis der entfremdeten Geschwister wieder etwas ins Reine. Wir sind gespannt, zu welchen Wohltaten der Schuldnermessias in der nächsten Woche aufbricht!





